Gegenreformation: Trunkene Giganten


Álvaro Enrigue wird zu den wichtigsten iberoamerikanischen Gegenwartsautoren gezählt. Mit „Aufschlag Caravaggio“ liegt jetzt erstmals ein Buch von ihm in deutscher Übersetzung vor.

Aufschlag Caravaggio von Alvaro Enrigue

Aufschlag Caravaggio von Alvaro Enrigue

Rom, Mitte des 16. Jahrhunderts: Zwei Meister der barocken Kunst treffen sich zum Duell. Einer der beiden Duellanten ist Michael Merisi da Caravaggio, ein Pionier in der hell-dunkel Malerei. Durch seine für die damalige Zeit unkonventionellen Modelle – vor allem Prostituierte und Bettler – hat er ein während der Gegenreformation kontrovers aufgenommenes Werk geschaffen. Sein Gegner ist der spanische Dichter Fransisco de Quevedo, führender Poet des kastilischen Conceptismo-Stils, der sich unter anderem durch seinen Stakkato-artigen Rhythmus, seine Direktheit und den ironischen Wortwitz auszeichnet.

Das Duell findet jedoch nicht auf einem freien Feld statt, und die Waffen, mit denen es die jeweilige Ehre zu verteidigen gilt, sind weder Degen noch Pistole. Nach einer durchzechten Nacht, in der sich der Lombarde und der Spanier kennenlernen und in Streit geraten, finden sich die beiden vielmehr auf einem Tennisplatz wieder; die Instrumente, die Satisfaktion bringen sollen, sind Schläger und Ball.

Die fiktive Begegnung Quevedos und Caravaggios bildet den Ausgangspunkt dieser in kurze Kapitel eingeteilten Erzählung von Álvaro Enrigue. „Aufschlag Caravaggio“ ist der erste auf Deutsch erscheinende Roman des 1969 in Mexiko geborenen, heute in New York lebenden Autors. Er begleitet die LeserInnen von Italien über Frankreich und England bis in die neue Welt des gefallenen Mayareiches. Während auf dem Tennisplatz der Piazza Navona die Duell-Partie detailreich beschrieben wird, entführt Enrigue uns immer wieder in Parallelerzählungen, zu großen Schauplätzen der Weltgeschichte.

Caravaggio hatte ein Leben, das durchaus romantüchtig ist.

So lernen wir beispielsweise Anne Boleyn kennen, die zweite Frau des englischen Königs Heinrich VIII. Eine von insgesamt sechs Ehefrauen, überlebte Boleyn ihren Mann nicht: 1536 entledigte er sich ihrer und schickte sie aufs Schafott. Was könnte dies mit einer fiktiven Tennispartie in der italienischen Hauptstadt zu tun haben? Nun, zunächst wurde ihre Haarpracht vor der Enthauptung abgeschnitten und zum Stopfen eines Tennisballs verwendet. Über Umwege – von den Händen des Henkers Jean Rombaud über den französischen König zu Papst Pius IV – landet der Ball schließlich bei Caravaggio und wird das Hauptinstrument des spielerischen Duells.

Die Reise des Balles schafft einen Überblick der wichtigsten Akteure dieser aufgewühlten Epoche der Gegenreformation, in welcher der politische und religiöse Aufstieg des Protestantismus zu bekämpfen versucht wurde. Immer wieder finden sich die LeserInnen vom römischen Tennisplatz aus in die Weltgeschichte geschleudert. Etwa nach Mexiko, zum spanischen Konquistadoren Hernan Cortez und dessen Bemühungen, eine Hochkultur auszuradieren. Dort lernen sie ein weiteres Objekt kennen, nämlich das Skapulier des Eroberers. Die Ordenstracht ist mit den Haaren des getöteten Azteken-Kaisers Cuauhtémoc gepolstert und hat ebenfalls eine lange Reise hinter sich. Am Tag des Duells findet sie sich auf Quevedos Schultern wieder. Alle Wege führen also wieder mal nach Rom und schlussendlich an jenem heißen Vormittag auf einen Tennisplatz.

Den interessanten historischen Ausflügen, zu denen Enrigue einlädt, fehlt es leider meist an Tiefe. So werden die eingeführten historischen Persönlichkeiten oft sehr oberflächlich behandelt. Von Charakterstudien kann, vielleicht mit Ausnahme von Hernan Cortes, keine Rede sein.

Leider trifft dies auch auf die beiden Protagonisten zu. So erfahren wir über Caravaggio zwar, dass er ein eher rüpelhaftes Dasein führte, doch bleibt er ansonsten eher fahl. Dabei hatte Caravaggio ein Leben, das durchaus romantüchtig ist. Einer der größten Maler seiner Zeit, war er öfters mit der Justiz im Clinch und musste sogar, des Mordes beschuldigt (1608), ins Exil gehen.

All dies wird im Buch kurz angedeutet, doch leider eher sachlich als literarisch behandelt. Quevedo kommt noch schlechter weg. Während Caravaggios Werk wenigstens streckenweise tatsächlich behandelt wird, weiß man von der Poesie Quevedos nach der Lektüre von Enrigues Roman genau so viel wie zuvor. Man erfährt zwar, dass Quevedo eine sehr konservative Einstellung hatte und daher den Gegenpol zum offen bisexuellen und freiheitsliebenden Caravaggio bildet, doch Gründe für diesen Konservatismus liefert der Autor nicht.

Der Zugang zum Werk ist daher beschwerlich. „Aufschlag Caravaggio“ wird als Schelmenroman vermarktet, doch man merkt schnell: Für dieses Genre fehlt der Erzählung ein Held. Die Kapitel sind anekdotische Episoden, und alle führen zum Tennisplatz in Rom. Doch dieser Platz ist kein Ort, an dem sich zwei interessante Künstler treffen, sondern einander befehdende Trunkenbolde. Der verzweifelte Versuch, einen Bezug zu ihnen aufzubauen, muss misslingen, weil die Charaktere schlicht unterentwickelt sind. Das mag an Enrigues Bemühen liegen, eine auf historischen Fakten basierte Erzählung zu schaffen und daher sachlich zu bleiben. Dem widerspricht allerdings die den Titel inspirierende Tennispartie, die offenkundig frei erfunden ist.

Neben diesen Kritikpunkten gibt es durchaus interessante Passagen im Buch. So sind die Bildbeschreibungen Caravaggios sehr aussagekräftig, überdies liefert die Lektüre eine kurzweilige Einführung ins barocke Zeitgeschehen. Nichtsdestotrotz bleibt „Aufschlag Caravaggio“ eine ehe dürftige Erzählung. In der Mitte des Buches lässt der Autor seine LeserInnen mehrfach wissen, dass selbst er „nicht weiß, wovon dieses Buch handelt“. Das ist der Gnadenstoß für alle, die sich verzweifelt durch die ersten 150 Seiten gekämpft haben – immer auf der Suche nach dem Sinn hinter diesem zusammengewürfelten und chaotischen Roman.

Álvaro Enrigue: Aufschlag Caravaggio. 
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Blessing Verlag, 304 Seiten.

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