Geschlechterbewusste Pädagogik: Wenn Stereotype schaden


Das Bedürfnis, eine Identität als „richtiger Junge“ oder „richtiges Mädchen“ zu erlangen, ist bei Kindern stark ausgeprägt. Lehrkräfte sollten sie dabei selbstreflexiv begleiten.

Vergeschlechtlichte Symbole finden sich überall – und beeinflussen die Identitätsbildung von Kindern. (Bildquelle: Pixabay)

Jungen und Mädchen sind verschieden: Sie kleiden sich verschieden, verhalten sich verschieden und haben unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten. Nicht zuletzt im Schulalltag wird dies deutlich. Gibt man die Wörter „Geschlecht und Schule“ in eine Internet-Suchmaschine ein, ist in den angezeigten Artikeln vor allem von Jungen als den großen Bildungsverlierern die Rede: Sie haben eine schlechtere Lesekompetenz, schaffen nur vergleichsweise niedrige Bildungsabschlüsse und brechen häufiger die Schule ab als ihre weiblichen Altersgenossen. Erklärt wird dies oft damit, dass Jungen häufiger an Störungen wie ADHS leiden und über weniger Zielstrebigkeit verfügen. Auf der anderen Seite sind Mädchen, was Schwerpunktfächer, Ausbildungs- und Berufswahl betrifft, in naturwissenschaftlichen und mathematischen Bereichen nach wie vor unterrepräsentiert. Aber sind solche Unterschiede letztlich biologisch festgeschrieben, oder handelt es sich vielmehr um sich selbst erfüllende Prophezeiungen?

Doing Gender

Mit Geschlechterstereotypen sind Kinder überall konfrontiert: in den Medien, im Kinderzimmer und auch in der Schule. „Fragt man pädagogisches Fachpersonal oder Eltern, sagen die: ‚Natürlich wollen wir Mädchen und Jungen gleich behandeln’“, so die Erziehungswissenschaftlerin Petra Focks bei einem in der Abtei Neumünster gehaltenen Vortrag über geschlechterbewusste Pädagogik. Doch Ungleichbehandlung geschieht oft unbewusst. Dies zeigen zum Beispiel die in den 1970er-Jahren von Carol Seavey, Phyllis Katz und Sue Rosenberg Zalk durchgeführten Baby X-Experimente. Bei diesen wurden erwachsene ProbandInnen in zwei Gruppen aufgefordert, ein und denselben Säugling zu beschreiben. Eine Gruppe erhielt den Hinweis, es sei ein Mädchen, die andere, es sei ein Junge. Die ProbandInnen der einen Gruppe beschrieben das Kind als niedlich und brav, die der anderen als kräftig und unruhig. „Solche Studien verdeutlichen, dass nicht nur unser Verhalten, sondern auch unsere Wahrnehmung von Geschlechterstereotypen beeinflusst wird. Das heißt, dass wir häufig das sehen, was wir erwarten“, kommentierte Focks das Untersuchungsergebnis.

Doch nicht nur bei der Einschätzung anderer, sondern auch im Bezug auf einen selbst spielen solche Erwartungshaltungen eine Rolle. Bei einem 1995 an der Stanford Universität von Claude Steele und Joshua Aronson durchgeführten Experiment wurden ProbandInnen für einen Mathematik-Text in zwei Gruppen aufgeteilt. Der einen Gruppe wurde zuvor mitgeteilt, dass Männer und Frauen bei dem Test in der Regel sehr unterschiedliche Resultate erbringen, die andere erhielt keine solche Information. In dieser letzteren erzielten die Frauen ein wesentlich besseres Resultat als in der ersten. Dieses Phänomen ist in der Sozialpsychologie unter der Bezeichnung „stereotype threat“ – also Bedrohung durch Stereotype – bekannt.

Dennoch ist das Verhalten von Kindern insgesamt sehr viel stärker von Geschlechterstereotypen geprägt als das von Erwachsenen. „Kinder nehmen diese nicht als Verallgemeinerung, sondern als Wahrheit wahr“, erklärt Focks diesen Umstand. Diese werden sich schon sehr früh der gesellschaftlichen Notwendigkeit bewusst, das eigene Geschlecht zu inszenieren. Fortan wird die eigene Geschlechtszugehörigkeit durch Symbole wie Haarlänge, Schmuck, Kleidung und Farben, sowie einschlägige Handlungsweisen zu erkennen gegeben. Dazu gehört auch die bewusste Abgrenzung vom anderen Geschlecht. Verhalten sich Kinder nicht den Geschlechterstereotypen entsprechend – wenn Jungen für zu feminin gehalten werden oder Mädchen für zu maskulin – sind sie teilweise starken Diskriminierungen ausgesetzt. Besonders bei Kindern zwischen zwei und sechs Jahren sind die geschlechtsbezogenen Präferenzen und Einstellungen sehr rigide. Focks zufolge ist dies darauf zurückzuführen, dass ihre Geschlechtsidentität noch nicht gefestigt ist.

Dieses Verhalten verstärke dann bei Erwachsenen oft den Eindruck, dass der eigene Geschlechtsausdruck biologisch veranlagt sei. Tatsächlich aber sei er auf entwicklungspsychologische Gründe zurückzuführen. Mit zunehmendem Alter und Selbstsicherheit nehmen diese Inszenierungen ab. „Irgendwann ist dann klar: ‚Ich kann auch ein rosa Hemd anziehen und bleibe trotzdem ein Junge. Ich kann auf Bäume klettern und bleibe trotzdem ein Mädchen‘.“ Doch auch weiterhin suchen Kinder durch geschlechtstypische soziale Praktiken Anerkennung von Gleichaltrigen und Erwachsenen.

Undoing Gender

Die Selbstaneignung und Performanz der eigenen Geschlechts-
identität ist also ein wichtiger Teil der persönlichen Entwicklung. Zugleich kann ein übermäßiges Festhalten an Stereotypen auch schaden. „Wenn wir die Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern fördern wollen, gilt es darauf zu achten, dass wir nicht unreflektiert Geschlechterstereotype reproduzieren“, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin.

In einem ersten Schritt ist es wichtig, die eigene Verhaltensweise zu reflektieren. Lehnt es eine Frau beispielweise konsequent ab, technische Aufgaben zu übernehmen, so wird Kindern dadurch eine gewisse Botschaft vermittelt. Auch der Umstand, dass zwei Drittel der Lehrkräfte in Grundschulen weiblich ist, beeinflusst die Vorstellung, dass die Erziehung junger Kinder im Verantwortungsbereich von Frauen liegt. „Sie können den Kindern erzählen, was Sie wollen, wenn die etwas anderes erleben, dann ist das das Entscheidende. Durch Äußerungen von Erwachsenen, die Kinder beständig mitbekommen, lernen sie, dass Technik etwas für Männer ist, und Versorgen und Schön-Sein, Schlank-Sein etwas für Mädchen und Frauen“, so Focks.

Doch auch im Umgang mit Kindern gilt es, Selbstreflexivität zu üben. In dem 2012 publizierten Leitfaden „La poupée de Timothé et le camion de Lison“ beschreiben Véronique Ducret und Véronique Le Roy Auffälligkeiten beim Verhalten von Kinderkrippen-Personal: Mädchen erhalten häufig Komplimente zu ihrer äußeren Erscheinung, Jungen zu ihrer physischen Kraft. Mädchen werden häufiger unterbrochen und zum Räumen aufgefordert. Wenn pädagogische Fachkräfte in Konflikten intervenieren, schlagen sie häufiger den Mädchen vor, sich zu versöhnen. Focks betont deshalb, wie wichtig es ist, Kinder jenseits von Geschlechterklischees in ihren individuellen Interessen und Fähigkeiten zu fördern. „Dazu gehört es manchmal auch, sie in Bereichen zu fördern, die in geschlechtstypischer Erziehung und Bildung nicht vorkommen. Unser Job ist es, den Kindern die Bandbreite zu zeigen, aus der sie dann selber auswählen können, was sie interessiert.“

Auf der Konferenz betonte Focks, dass das Geschlecht immer nur eine Ebene der Identitätsentwicklung und Strukturen bildet. Einen mindestens genauso großen Effekt haben die ethnische und die Schichtzugehörigkeit. „Das heißt, wenn wir Bildungsprozesse jenseits von Geschlechterstereotypen fördern und sie nicht einschränken wollen auf das, was jeweils als männlich oder weiblich gilt, müssen wir diese drei Ebenen einbeziehen“, fasst Focks zusammen.

Gegen Ende der Konferenz wollte eine Lehrerin wissen, ob letztlich nicht doch alles nur eine Frage der biologischen Veranlagung sei. „Jein“, lautete die Antwort der vortragenden Erziehungswissenschaftlerin. Letztlich lasse sich nicht entscheiden, welche Verhaltensweisen angeboren und welche anerzogen sind. Um hier einen Nachweis führen zu können, müsste es eine Kontrollgruppe geben, die völlig ohne sozialen Einfluss aufgewachsen ist – ein Ding der Unmöglichkeit. Einzig von einem Wechselverhältnis zwischen den beiden Einflussfaktoren könne mit Sicherheit ausgegangen werden. Woraus man wohl schließen muss, dass sich Lehrkräfte trotz allem nicht der Verpflichtung entziehen können, ein gewisses Maß an Verantwortung anzuerkennen.


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