Gothic Rock
: Die unbarmherzigen 
Schwestern

Obwohl sie nach einem Leonard Cohen Song benannt sind, haben die „Sisters of Mercy“ wenig mit sanften Klängen gemein. Sie bringen eher die 1980er wieder zum Leben, als fette Synthesizer auf düstere Gitarren trafen und so den Goth Rock hervorbrachten.

Ein Mann und sein Drum-Computer retten … zumindest den Abend.

Erbarmen haben „The Sisters of Mercy“ nicht mit ihren Fans. Denn auch noch nach 30 Jahren fordert das musikalische Erzeugnis der britischen Post Punk Szene bei seinen Liveauftritten Jung, aber vor allem Alt, einiges ab. Das Durchhaltevermögen und die Treue der Fans hängen nicht zuletzt auch damit zusammen, dass der eigen- und einzigartige Sound der „Sisters“ die Musikwelt nachhaltig beeinflusst hat. Die britische Band wurde in den 1980er-Jahren in Leeds gegründet und spielte seither in häufig variierenden Besetzungen. Dadurch blieb sie davor verschont, sich in einer einzigen musikalischen Richtung festzufahren. Das Aufeinanderstoßen verschiedener Genres wie Punk, Dark Wave und Rock ließ in der Folge den charakteristischen düster-melancholischen Klang der Band reifen.

Seit ihrer Gründung wurden die „Sisters of Mercy“ vor allem mit übermäßigem Kitsch, Orgien von Kunstnebel – bei ihrem letzten Auftritt in der Rockhal 2011 konnte man fast niemanden auf der Bühne erkennen – und einer Selbstherrlichkeit, bei der man nicht unbedingt weiß, ob sie als ironisch oder kokain-induziert anzusehen ist, in Verbindung gebracht. Aber das stört die treuen Fans nur wenig. Denn diese kennen den gesamten Katalog der Band auf den Fingerspitzen, während bei Laien eigentlich nur ihr größter Hit „Temple of Love“ ein Licht aufgehen lässt.

Das einzige noch übriggebliebene Bandmitglied der ersten Stunde ist der Frontmann Andrew Eldritch. Er wird bis heute häufig als „Godfather of Goth“ bezeichnet. Der heute 58-jährige Musiker distanziert sich jedoch immer wieder von dieser Szene, vor allem auf ideeller Ebene. Eldritch spricht sich gegen genretechnisches Schubladendenken aus und beschreibt die Entwicklung seiner Band folgendermaßen: „We are a rock‘n roll band. And a pop band. And an industrial groove machine. We are intellectual love gods. We make records, sometimes. We play concerts, sometimes.“ Diese Bescheidenheit kann man ihm abnehmen, muss es aber nicht. Fakt ist, dass die „Sisters of Mercy“ seit ihrem letzten Album 1985 eine reine Live-Band sind. Also auf Tour mit ollen Kamellen die Hallen füllen. Doch das scheint die Fans wenig zu stören, im Gegenteil: Die Band vergrätzt ihre Zuhörerschaft nicht mit neuem Material, sondern spielt nur das, was diese eigentlich hören will.

Dabei kommt Andrew Eldritch wohl zupass, dass sein einziger verbliebener musikalischer Wegbegleiter und Wegbereiter ein Drum Computer mit dem Namen Dr Avalanche ist. Mit dem braucht er wenigstens nicht zu verhandeln.

Mit dem Auftritt von „The Sisters of Mercy“ setzt die Rockhal darauf, dass Nostalgie ein zunehmend wichtigeres Segment in der Konzertindustrie ist. Ein naturgemäßes Ergebnis der durchkommerzialisierten Musikindustrie, die schon lange keine interessanten neuen Trends mehr hervorbringt, sondern nur noch homogene, langweilige und radiotaugliche „Hits“. So wundert es nicht, dass die alten Säcke davon profitieren und sich die Rente versüßen.

In der Rockhal am 26. September.

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