Große Zukunft für Luxemburg: Provinz-Visionen

Wie Luxemburg von den technologischen Umbrüchen profitieren könnte, steht in der Rifkin-Studie. Ob wir wohl wirklich dafür bereit sind?

„Let’s make it happen!“, so lautet der im Oktober 2016 vorgestellte Slogan, mit dem die „Marke Luxemburg“ beworben werden soll. Aber was soll eigentlich geschehen? Luxemburg wird, so erfuhr man im Rahmen der Rifkin-Studie einen Monat später, das erste Land sein, das die Dritte industrielle Revolution vollzieht. Warum gerade wir? Weil das Modell Luxemburg auf den Werten Offenheit, Zuverlässigkeit und Dynamik beruht – wie im Rahmen des „Nation Branding“ ebenfalls betont wird.

Eine halbe Million Euro bekam Jeremy Rifkin von der Regierung, um seine globale Zukunftsvision auf Luxemburg herunterzubrechen: Das Modell der „Silicon Valleys“ – Wirtschaftsboom dank Forschung und Hightech – sei passé, so der amerikanische Ökonom. Die neuen Vorreiter seien die „Biosphere Valleys“, die den ökologischen Umbau angehen und als erste die Früchte der „Sharing Economy“ und des Ausbaus der erneuerbaren Energien ernten werden. Einen Vorgeschmack bot der bei der Rifkin-Vorstellung gezeigte Film „De Changement ass schon am gaangen“. Vom Öko-Stadtviertel bis zum „Smart Grid“ wurde gezeigt, wie fortschrittlich und grün Luxemburg schon heute ist.

Als Katharina die Große 1787 Neurussland bereiste, ließ der Gouverneur Grigori Potjomkin entlang der Wegstrecke Dörfer aus bemalten Kulissen errichten, um der Herrscherin eine gelungene Entwicklung der Region vorzugaukeln – so wird erzählt. Die Bezeichnung „Potemkinsche Dörfer“ beruht auf dieser Sage. Anwenden konnte sie, wer per ÖPNV zur Rifkin-Veranstaltung fuhr: Zwar ist das hauptstädtische Bussystem seit Jahren mit einem System von Geotrackern und Anzeigetafeln ausgestattet – doch um wie viel Uhr der nächste Bus zum Kirchberg fährt, war wie meistens nicht ersichtlich. Beim Warten am Bahnhof kann man die Dieselbusse zählen, die immer noch die Luft des Ökoparadieses Luxemburg verpesten. Schließlich bei Luxexpo angekommen, stellte man fest, dass der Südeingang nicht geöffnet war – vermutlich weil die Rifkin-Organisatoren nicht mit ÖPNV-Besuchern gerechnet hatten. Es entstand jedenfalls auch hier der Eindruck, dass es im Kleinen nie vorangehen wird, weil die Politik damit beschäftigt ist, sich zu vermarkten und alles schönzureden, statt Probleme zu erkennen und zu lösen.

Und im Großen? Was Anfang Dezember passierte, ist eigentlich kaum zu glauben: Die Parlaments-Debatte über die Rifkin-Studie wurde verkürzt, weil die Chamber-Beleuchtung um Punkt 19 Uhr ausgeschaltet werden musste. Denn ab da sollte vor dem Palais eine „Son et lumière“-Schau zum Werdegang der Dynastie über die Bühne gehen. Auch hier wieder: Schein vor Sein. Ärgern sollte man sich nicht über die Monarchie – in seiner Weihnachtsrede war der Großherzog redlich bemüht, sich weltoffen zu geben. Doch empören muss einen die desaströse Selbstverständlichkeit, mit der in der Praxis die Symbole der Verwurzelung der lokalen Eliten als weit wichtiger behandelt werden als die Prozesse, mit denen Luxemburg die Herausforderungen von Globalisierung und technologischer Revolution meistern könnte.

Die Politik ist damit beschäftigt, sich zu vermarkten und alles schönzureden, statt Probleme zu lösen.

Offenheit ist ein Wert, den Luxemburg auf sehr selektive Weise pflegt. Steuerbetrüger und Großkonzerne heißen wir willkommen, Einwanderer und Flüchtlinge sehr viel weniger. Ähnlich engstirnig reagieren die wirtschaftlichen und politischen Eliten auch auf die Paradigmen von Sharing Economy und Prosuming: Zwar hoffen sie, die Blockade der Gewerkschaften gegen Flexibilisierung mit der neuen Selbständigkeit zu durchbrechen. Doch wenn Rifkin beschreibt, wie Kooperativen und „Zero Margin Cost“ die ökonomischen Machtverhältnisse revolutionieren könnten, dann fürchten sie unlauteren Wettbewerb und empfehlen einen langen Diskussionsprozess.

Ist das die vielgerühmte Dynamik, der „Valley Spirit“, Luxemburgs? Hat dieses Land, haben seine Bevölkerung und seine Eliten das Zeug dazu, Revolutionen gedeihen zu lassen? It just won’t happen.


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !

Flattr this!

Tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.