Highspeed
: Vom Feuer verschlungen

Für ihren Roman „Flammenwerfer“ hat die US-Autorin Rachel Kushner eine beeindruckende Recherche gemacht. Das Resultat ist vielschichtig, teils politisch und hat phasenweise den Drive eines Roadmovies.

Streetwork der anderen Art: 
US-amerikanische DemonstrantInnen sammeln Argumente gegen die herrschenden Verhältnisse der Siebzigerjahre. (Foto: Internet
)

Streetwork der anderen Art: 
US-amerikanische DemonstrantInnen sammeln Argumente gegen die herrschenden Verhältnisse der Siebzigerjahre. (Foto: Internet
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Reno, Anfang 20, liebt das Tempo. „Es gab Dinge, etwa den Effekt des Windes auf die Wolken, die ich schlicht ignorieren musste, wenn ich mit hundertsechzig Stundenkilometern über den Highway fegte.“ Die junge Frau fährt auf einem Motorrad durch Nevada. Auf ihren Tank hat sie eine Karte des US-Bundesstaats geklebt.

Ihren Spitznamen Reno hat die Protagonistin erhalten, weil sie in der gleichnamigen Stadt in Nevada aufwuchs. Ihren richtigen Namen erfährt man nicht. Sie will nicht lange an einem Ort bleiben. „Fünf Minuten, sagte ich mir. Fünf Minuten. Wenn ich länger blieb, könnte mir der Ort, den die Landkarte abbildete, auf den Leib rücken.“

Reno hat eine Leidenschaft für schnelle Motorräder und fährt seit ihrem 14. Lebensjahr. Zwei Cousins hatten es ihr beigebracht. Sie hat Kunstgeschichte in einem Provinzcollege studiert und will nun Konzeptkünstlerin werden. In New York will sie in die dortige Kunstszene eintauchen. Doch vorerst interessiert sie sich für ihre besondere Form der „Land Art“, der Umwandlung von geographischem Raum in ein Kunstwerk: Sie filmt ihre Reifenspuren, die sie mit ihrer „tiefkühleisfarbenen“ Maschine, einer Moto Valera, hinterlässt.

Dafür ist die große Salzwüste von Utah bestens geeignet. Reno nimmt an einem Rennen teil, bei dem ein neuer Geschwindigkeitsrekord aufgestellt werden soll. Ein Unfall wirft sie kurz aus der Bahn: „Das Motorrad schoss Purzelbäume. Ich knallte kopfüber in das Salz, mit Karacho in weißen Beton. Mein Körper schrammte und schlitterte über den Boden, bevor er hochflog und noch einmal aufprallte.“ Sie muss sich ein paar Tage erholen, bis ein italienisches Team sie aufnimmt. Der Rekordjäger Didi Bombonato lässt sie mit seinem raketengetriebenen „Spirit of Italy“ fahren. So wird Reno zur schnellsten Frau der Welt. Mit knapp 500 Sachen.

Rachel Kushners zweiter Roman „Flammenwerfer“ gibt in einigen Passagen das Tempo eines schnellen Roadmovies wider, präzise geschildert und mit nicht zu vielen Worten in mitreißende Prosa umgesetzt. Er spielt nicht nur Mitte der Siebzigerjahre, sondern erinnert auch atmosphärisch an die Highspeed-Faszination jener Zeit, als Leute wie der Rennfahrer Don Vesco mit Maschinen namens „Silver Bird“ oder „Lightning Bolt“ in Utah auf Tempojagd gingen und Rekorde aufstellten, die lange Gültigkeit behalten sollten, an Zeiten, in denen Spielzeugfirmen den Motorradstuntman Evel Knievel vermarkteten.

New York war damals eine ziemlich abgefuckte Stadt, geprägt von Müll, Schmutz und Kriminalität, irgendwo zwischen Niedergang und Aufbruch. Diese Atmosphäre einzufangen, gelingt Kushner überzeugend. Einen Tiefpunkt erlebten die Einwohner des „Big Apple“ übrigens, als am 13. Juli 1977 ein Stromausfall die Stadt lahmlegte und marodierende Horden Geschäfte plünderten und Brände legten. „Der Blackout von 1977 hat einen besonderen Platz in meinem Herzen“, schreibt die Autorin in ihrem Nachwort.

Als Reno in New York ankommt, kennt sie dort niemanden. In der Kunstszene von SoHo fühlt sie sich verloren und einsam. Kushner beschreibt diesen Sumpf als eine Mischung aus Rebellen- und Dandytum, Hedonismus und Aufstand, Dynamit und Radikalität. Zugleich herrschen Blasiertheit und Angeberei. Eine anarchistische Gruppe namens Motherfuckers liefert sich Straßenschlachten mit der Polizei und überfällt Banken. Ihren Schlachtruf „Never work“ haben sie vor der Freiheitsstatue in den Schnee gepisst.

Reno zieht durch die Clubs der Stadt und jobbt in einem Filmlabor als „China Girl“, als Model in aufreizender Kleidung, das auf dem Vorspannband eines jeden Films für den Bruchteil einer Sekunde sichtbar ist. Auf einer Dinner-Party bleibt sie eher sprachlos, umgeben von dauerquasselnden Männern und hysterischen Frauen, deren Worte keinen Sinn ergeben – eine der weiteren ausdrucksstark beschriebenen Szenen des Buches. Ihre Freundin Giddle, die sich eine Zeitlang im Dunstkreis von Andy Warhols „Factory“ bewegte, gibt für ein Kunstprojekt die Performance einer Kellnerin. Und der Leser fragt sich, ob sie wirklich Kellnerin ist – oder nur so tut.

Als Gegenmodell zum Zeitgeist der Entschleunigung setzt der Roman auf Tempo, ohne die Details am Straßenrand liegen zu lassen.

„Flammenwerfer“ kann als Gesellschaftsroman gelesen werden, der an der Oberfläche kratzt und dabei ein paar rostige Stellen freilegt. Die Männer werden größtenteils als erbärmliche und eitle Machos dargestellt. Die meisten von ihnen sind Frauenhasser oder zumindest unverbesserliche Chauvinisten: „Frauen tun sich mit dem Skifahrenlernen schwer“, sagt zum Beispiel ein alternder Schriftsteller.

Renos Gefühle hingegen werden überzeugend und glaubhaft mit wenigen Worten beschrieben. Sie verliebt sich in den Künstler Sandro. Der Sprössling des italienischen Geldadels entstammt der Unternehmerdynastie Valera, die Motorräder und Autoreifen herstellt. Sandro will seine familiäre Herkunft abstreifen und sich – wie Reno – als Konzeptkünstler verwirklichen. Die beiden werden auf der Straße überfallen. Und Sandro schießt dem Ganoven in die Hand.

Beide fliegen zusammen nach Italien. Doch Reno wird von Sandros stockkonservativer Familie, die am Comer See lebt, insbesondere von seiner Mutter, verachtet. Kushner beschreibt die Dekadenz der Valeras genüsslich. Sandros Bruder ist der Firmenboss, der von den Roten Brigaden entführt wird.

Sein verstorbener Vater, der einst in Brasilien indianische Arbeiter für die Gummiproduktion ausbeutete, in Italien Autobahnen baute und ein Anhänger der Faschisten und technikbegeisterten Futuristen war, gehörte zu den Arditi, den italienischen Sturmtruppen im Ersten Weltkrieg, die unter anderem mit Flammenwerfern kämpften. Daher auch der Titel des Buches, das mit der Schilderung beginnt, wie Valera senior mit dem Scheinwerfer eines Motorrads einem deutschen Soldaten den Schädel einschlägt.

Reno erwischt Sandro beim Fremdgehen, worauf die Beziehung scheitert. Sie geht nach Rom und landet im Umfeld der Roten Brigaden. Auch der folgende Teil des Buches ist der Autorin besonders gelungen. Kushner schildert mit zahlreichen Elementen – Gerüchen, Farben und Tönen – den Protest auf Italiens Straßen. Die Stimmung ist gespannt. Sie wird sich im Jahr 1978 in der Entführung und Ermordung Aldo Moros entladen.

Einmal mehr, nach dem Teil des Buches, der in New York spielt, stellt der Leser fest, dass die 1968 geborene Schriftstellerin gut recherchiert hat. Sie hat viel über die politische Theorie, welche die italienische Linke damals prägte, in Erfahrung gebracht und italienische Autonome interviewt. Im ersten, New Yorker Fall nimmt sie Bezug auf die von den Situationisten inspirierte Gruppe „Up against the wall motherfuckers“, die für ihre Aktionen bekannt waren: Aus ihrem Kreis stammte übrigens die Andy-Warhol-Attentäterin Valerie Solanas.

Zum zweiten, italienischen Fall – und damit dem zweiten großen Erzählstrang – nimmt Kushner in ihrem Nachwort Bezug auf die Situationisten. Deren bekanntester Vertreter war der französische Künstler, Theoretiker und Revolutionär Guy Debord, der 1978 seinen letzten Film drehte, dessen Standbilder Kushner sich beim Schreiben ansah: „In girum imus nocte et consumimur igni“ – auf Deutsch: „Wir schweifen des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verschlungen.“

Verschlungen wird auch die Aufbruchsstimmung in Italien und den USA zu jener Zeit. Während Kushner ihren Roman schrieb, flammte noch einmal der Aufstand auf: „Beim Schreiben begannen die Ereignisse des Buches einen Widerhall in Vorfällen meiner eigenen Lebenszeit zu finden, wie bei einem musikalischen Call and Reponse. Während ich über ultralinke Subversive schrieb, wurde in den USA das Buch „Der kommende Aufstand“ eines anonymen französischen Kollektivs publiziert, und seine Autoren wurden in Frankreich verhaftet. Während ich über Aufstände schrieb, brachen in Griechenland welche aus. Während ich über Plünderungen schrieb, fanden in London welche statt. Occupy wurde auf den Campussen der University of California geboren und dann zu einem weltweiten Phänomen, und als ich für meinen Roman über die Siebziger die Auswirkungen von Tränengas beschreiben wollte, brauchte ich mir nur noch die Live-Berichterstattung aus Oakland anzuschauen.“

Die Lebenszeit der Autorin und die erzählte Zeit kommen sich also scheinbar recht nahe: Kushner ist von den mittlerweile größtenteils verebbten Protesten der jüngeren Zeit geprägt, die allerdings weder die Radikalität noch das Durchhaltevermögen der Revolte aufwiesen, welche die in Oregon geborene Schriftstellerin in ihrem Roman wieder aufleben lässt.

Letzteres ist ihr, von Bettina Abarbanell gekonnt ins Deutsche übertragen, vorzüglich gelungen. Mit Drive hat sie, an ihr Vorbild Don DeLillo erinnernd, die explosive Stimmung einer kurzen Episode der Geschichte eingefangen, die schon fast wieder in Vergessenheit geraten ist. Die Dialoge sind originell und nicht geschwätzig komponiert, ihrer Hauptfigur Reno hat sie ein starkes Erzähl-Ich verliehen. „Flammenwerfer“ ist vieles: Liebesgeschichte, Zeitportrait und der Entwicklungsroman einer jungen Künstlerin als Motorradfahrerin. Und als Gegenmodell zum Zeitgeist der Entschleunigung setzt der Roman auf Tempo, ohne die Details am Straßenrand liegen zu lassen.

In ihrem Nachwort erklärt die Autorin, was sie zu dem Roman inspiriert hat. Sie nennt eine Reihe von Bildern, die sie an die Wand gepinnt hatte. Das erste zeigte eine Frau mit Klebeband über dem Mund, mit Kriegsbemalung auf den Wangen und die Haare zu einem Zopf geflochten. Sie nennt die Frau „ein sprachbegabtes Wesen, zum Verstummen gebracht“. Es ist das Titelbild des Buches, gefolgt von weiteren Fotos am Ende des Buches.

Rachel Kushner: Flammenwerfer. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, 560 Seiten.

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