II. Vatikanisches Konzil
: „Man darf die Juden 
nicht als von Gott verflucht darstellen“

Im zweiten Teil der Serie über den Paradigmenwechsel im öffentlichen Umgang mit Judentum und Antisemitismus steht die katholische Kirche im Fokus. Dieser Wandel, der 1965 in die päpstliche Erklärung „Nostra Aetate“ von 1965 mündete, hatte auch Auswirkungen auf den Luxemburger Katholizismus.

1385renee_GITFO_INTERFAITH_OMjpg

Das „Logo“ von „Nostra Aetate“, der päpstlichen Erklärung von 1965, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausgearbeitet wurde. 
Sie war ein Meilenstein im Umgang der Kirche mit den nichtchristlichen Religionen. (Quelle: www.vanleer.org.il)

„In the shadow of Auschwitz, old ideas of Jewish deficiency and guilt sounded obscene (who could say that God destined Jews to suffer against the background of the extermination camps?), but the religious arguments supporting these views were completely intact.“ Der Historiker John Connelly fällt aufgrund seiner Analyse ein kritisches Urteil über die Haltung der katholischen Kirche in der Nachkriegszeit. Fragt man danach, wie sich das katholische Milieu Luxemburgs zum Umgang mit Judentum, Antisemitismus und katholischer Unterstützung des Nationalsozialismus stellte, so lässt sich ein allmähliches Abrücken von antimodernistischen Tendenzen feststellen, aber auch eine offensichtlicher werdende Zersplitterung der Positionen gegenüber dem Judentum.

Während des Krieges und in der Zeit danach kamen aus Frankreich, Großbritannien, den USA und der Sowjetunion Anregungen für die Modernisierung von christlich-sozialem, liberalem, sozialistischem und kommunistischem Gedankengut. Auch die Kriegserfahrung selbst sorgte zumindest während einer kurzen Zeitspanne für eine Aufweichung der in der Vorkriegszeit verhärteten innenpolitischen Fronten. Illustriert wird das Bestreben nach einer politischen Versöhnung durch die Gründung der Zeitung „D’Hêmecht – La Patrie“, die bis 1946 erschien. Eine ihrer zentralen Figuren war der Sekundarschullehrer und spätere Premierminister Pierre Frieden, der motiviert durch seine eigenen Erfahrungen im Konzentrationslager dafür warb, das Augenmerk auf einen „moralischen“ Wiederaufbau zu richten.

Monarchistisch-nationalistische und internationalistisch geprägte Texte standen in „D’Hêmecht – La Patrie“ nebeneinander, und neben der Lobpreisung der US-amerikanischen Befreier gab es auch anerkennende Worte für die „kulturelle Leistung der Sowjetunion“. Zugleich distanzierte man sich vom „Ungeist“ des „Wort“-Redakteurs Pierre Grégoire, worin sich eine gewisse Distanzierung von der katholischen Tageszeitung zu erkennen gab. Ein Ausdruck der weltoffenen Haltung, um die man sich bemühte, war auch die Darstellung des Judentums. 1945 feierte man zum Beispiel den 100. Geburtstag von Gabriel Lippmann, dem Nobelpreisträger Luxemburger Herkunft, und 1946 schrieb Frieden über die Lage der jüdischen Deportierten im „Ghetto“ Theresienstadt. Unter den Personen, die zur Feder griffen, findet sich auch eine Milly Cahen, deren Name auf eine jüdische Herkunft schließen lässt.

1385renee_heschelpope-1024x667

Ein historischer Kaffeeplausch 1963: Rabbiner Abraham Joshua Heschel und Kardinal Augustin Bea, Protagonist des interreligiösen Dialogs. (Quelle: JTA)

Doch auch beim „Luxemburger Wort“ wurde in dieser Hinsicht ein Wandel sichtbar, so zum Beispiel bei dem KZ-Rückkehrer Pierre Grégoire, der die nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden und Jüdinnen geißelte, allerdings zum Teil auch als Vorlage darstellte für die Gräueltaten, die sich die bolschewistischen Kirchenverfolger in Osteuropa zuschulden kommen ließen. Im „Wort“ fanden sich auch Beiträge, in denen die großen Religionen gemeinsam als Garant für Menschenrechte dargestellt wurden. Daneben erhielt sich im „Luxemburger Wort“ aber die Tendenz, über internationale katholische Würdenträger und Autoren, die sich vor oder während des Krieges kompromittiert hatten, unkritisch zu berichten, so zum Beispiel über den heftigst antisemitischen Publizisten Josef Eberle. Besonders sticht aber der Umgang mit dem Luxemburger Joseph Lortz, dem Kirchenhistoriker und Verfechter der Ökumene, hervor. Lortz, der sich vor dem Krieg in den Kreisen des deutschen Rechtskatholizismus bewegte, hatte mehrere Schriften zugunsten eines Brückenschlags zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus verfasst. Lortz rechtfertigte sich nach dem Krieg damit, er habe an das, Hitler zugeschriebene, Versprechen geglaubt: „Wir werden die beiden christlichen Konfessionen zu Grundpfeilern unserer Kulturpolitik machen.“ Für eine kurze Zeit sei er auf diesen „Betrug en gros“ hereingefallen.

Im „Luxemburger Wort“ erschienen dennoch in der Nachkriegszeit positive Rezensionen zu Lortz’ Werken über ein „christliches Abendland“, und der Autor wurde als „großer Landsmann“ gefeiert. Lortz nahm 1950 auch als Conférencier an einer internationalen, unter dem Protektorat des Bischofs und des Erziehungsministers Frieden stehenden internationalen „liturgischen Tagung“ statt. In späteren Jahren, so die Historikerin Gabriele Lautenschläger, habe man ihm jedoch mitgeteilt, die Zeitung „stünde ihm in Zukunft nicht mehr zur Verfügung“. Möglicherweise war dies eine Reaktion auf die heftige Kritik, die ab den Sechzigerjahren an Lortz’ Person in Luxemburg aufkam, zum Beispiel in der liberalen Wochenzeitung „D’Letzeburger Land“.

Die offizielle Kirche

Als Bischof Philippe am 25. September 1944 ein Bischofswort zur Befreiung an die Luxemburger Bevölkerung richtete, sprach er über das reine Luxemburger Blut, das in den Adern der Luxemburger Helden des Generalstreiks geflossen sei. Seine Nahrung habe dieses Heldentum in der Religion gefunden: „An de religiöse Fong vum Letzeburger ass bewîsen gin an de Prisongen, an de Konzentratio’nslager, an den Ömsiedlungslager, nach am Do’d. Zwo‘ Sâchen, iewer helleger, hâten an hun ons Dulder all: De Ro’sekranz an e Steck vun onsem Fuendel.“ Die jüdische Verfolgung wurde nicht erwähnt, ebenso wenig wie der von Andersdenkenden geleistete Widerstand.

Auch in den Spalten des „Kirchlichen Anzeigers“, des offiziellen Organs des Bistums, wurde zunächst die Stellung der Kirche gegenüber der jüdischen Verfolgung oder auch gegenüber der jüdischen Religion selbst nicht berührt. Zu den neuen ökumenischen Tendenzen druckte man lediglich die „Ermahnungen des Heiligen Stuhls gegen interkonfessionelle Zusammenkünfte und ökumenische Tagungen“ ab. Dennoch veränderte sich der Stellenwert der jüdischen Religion im katholischen Weltbild allmählich. So hieß es 1949 in einer Stellungnahme zu der Frage, welche Theaterstücke ein katholischer Verein, moralisch betrachtet, aufführen dürfe: „Ich darf im Leben kein Religionsbekenntnis lächerlich machen, und da ist es schreiend, daß gerade auf unsern Bühnen immer wieder solch armselige [Stücke] wie ‚Zwe‘ Juden als Schmoggler‘ oder ‚Den Isaak als Zaldot‘ aufgeführt werden.“

IMG_0859

(Kirchlicher Anzeiger für die Erzdiözese Luxemburg)

Ein Indiz dafür, dass sich bei diesem Wandel Komplikationen ergaben, war indes der Abdruck des Vortragstextes des deutschen Theologen Michael Schmaus auf der Pax-Romana-Tagung in Luxemburg 1949. Schmaus hatte wie Lortz in der Vorkriegszeit starke Affinitäten zum Nationalsozialismus gehabt, anders als dieser aber gilt er auch als Antisemit: Im Zweiten Weltkrieg hatte er noch vom Judentum als von den „Knechten des Teufels“ gesprochen. Er wurde nach Kriegsende wegen seiner Mitgliedschaft in NS-Organisationen kurzzeitig von der Universität München verwiesen. Jedoch galt er als Reformtheologe und insofern war die Einladung zum Auftritt vor dem Luxemburger „Akademikerverein“ wohl auch als ein Schritt weg vom Antimodernismus gedacht. In seiner Rede schlug Schmaus jedenfalls versöhnliche Töne an, auch wenn er an der Idee der Missionierung gegenüber dem Judentum festhielt: „Der Christ, der sich als geistlichen Sohn Abrahams weiß, sieht im Juden seinen älteren Bruder, der die Zeichen der Zeit, die Zeiten nämlich des neuen ,Aeon‘, noch nicht sieht. Er fühlt die Verpflichtung, ihm zu der rechten Sicht zu verhelfen.“

Zur gleichen Zeit strebten andere ReformerInnen aber bereits einen viel weitergehenden religiösen Pluralismus an. Bereits seit 1948 erschien in Deutschland der „Freiburger Rundbrief“, laut Connelly „Europe’s premier journal opposing antisemitism from the Catholic point of view“. Das neue Verständnis des Judentums, das in Veröffentlichungen wie dieser zum Ausdruck komme, leite sich wenigstens zum Teil her „out of oecumenical discussions with the Jews, the likes of which were unthinkable before the Holocaust“. Solche Initiativen hätten jedoch in Rom Skepsis hervorgerufen. Erst mit der Unterstützung von Papst Johannes XXIII., der 1958 sein Pontifikat begann, sei der Durchbruch in dieser Frage erzielt worden.

Als sich 1960 das Zweite Vatikanische Konzil ankündigte, bereitete sich auch die Luxemburger Kirche spirituell auf das Ereignis vor. Im Mittelpunkt stand aber zumindest auf Ebene des „Anzeigers“ vor allem die rein christliche Ökumene. Zwar wurde 1964 das Rundschreiben „Ecclesiam Suam“ von Paul VI. über die „Wege der Kirche“, in dem der Dialog mit dem jüdischen Volk, „dem unsere Zuneigung und Achtung gilt“, genauso erwähnt wurde wie jener mit dem Islam, abgedruckt, ansonsten aber gab es kaum Auseinandersetzungen mit der, so Connelly, „Hundertachtziggradkurve“, die die Kirche mit Vatikan II in ihrer Haltung zum Judentum beschrieb. Die Erklärung „Nostra Aetate“ von 1965, die vom Konzil vorbereitet worden war, hielt in Artikel 4 diesen Wandel fest: Die Kirche beklage „alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben“.

1968 schließlich brachte der „Anzeiger“ erstmals eine längere Aus-
einandersetzung zum Verhältnis von Christen- und Judentum. Die Erklärung des Konzils, so hieß es darin, halte fest: „Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der H. Schrift zu schlußfolgern.“ Der Autor betonte zwar: „Seit den Tagen Jesu gibt es nur das eine neue Gottesvolk, dargestellt in der christlichen Kirche, die verwurzelt ist im alttestamentlichen Gottesvolk.“ Jedoch dürfe der Christ „sich nicht wundern, daß das jüdische Volk diese Sicht nicht teilt. […] Eine christozentrische Geschichtsdeutung bedeutet ihm nichts, er sieht seinen Glauben als ein Ganzes an ohne die Heilstat Jesu.“ Dennoch „umspanne beide die gemeinsame Hoffnung auf das Kommen des Gottesreiches“.

„Pro perfidis Judæis“

1385renee_Pope_John_XXIII_-_1959

Johannes XXIII. und …

1385renee_Paolovi

Paul VI., 
die zwei Päpste des Konzils. 
Vatikan II markierte den Wandel in der Haltung der katholischen Kirche zu den anderen Religion. (Fotos: wikimedia)

Einen spezifischen Aspekt der Darstellung des Judentums in der kirchlichen Praxis, die Karfreitagsliturgie, hat der Historiker Hubert Wolf untersucht. Die achte Fürbitte des „Allgemeinen Gebets“ lautete: „Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus.“ Anders als bei den vorhergehenden Fürbitten, bei denen jeweils eine kollektive Kniebeugung der Gläubigen folgte, wurde diese Übung hier unterlassen, „um nicht das Andenken an die Schmach zu erneuern, mit der die Juden um diese Stunde den Heiland durch Kniebeugungen verhöhnten“. In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts hatte sich die Priestervereinigung „Amici Israel“ für die Abschaffung dieser Elemente der Karfreitagsliturgie eingesetzt. Doch wurden die „Amici“ nicht nur gezwungen, ihre Vorschläge zu widerrufen, sondern die Vereinigung selbst wurde von der römischen Inquisition aufgelöst. In einem Kommentar, der im Auftrag von Papst Pius XI. veröffentlicht wurde und laut Wolf mit dessen Billigung erschien, „wenn man ihn nicht sogar als dessen offiziösen Kommentar betrachten will“, unterschied man zwischen der „unchristlichen Art des Antisemitismus“ und der „gesunden Einschätzung der von den Juden ausgehenden Gefahr“. Diese Unterscheidung von zwei Arten des Antisemitismus, sei „zum katholischen Erklärungsmodell des Verhaltens den Juden gegenüber bis zum Paradigmenwechsel auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil schlechthin“ geworden.

1959 ließ Papst Johannes XXIII. den Ausdruck „perfidis“ in einer von ihm gehaltenen Freitagsliturgie weg und sprach allein von „Judæis“. Ab 1960 war diese Fassung generell verbindlich. Das Beten für die Konversion der jüdischen Menschen wurde erst in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils abgeschafft. Diese „Kehrtwende“ bei der Karfreitags-Fürbitte sei aber, so Wolf, durch Benedikt XVI. wieder abgeschwächt worden, indem er 2007 den Gebrauch des vorkonzi
liarischen Messbuchs von 1962 neben dem von 1970 wiederum zuließ. 2008 sei zwar ein Kompromiss gefunden worden, doch enthalte der erneut die angestrebte Bekehrung auch des jüdischen Volkes.

Die Luxemburger Kirche hatte sich zu dieser Frage vor dem Krieg in Schweigen gehüllt, und auch in den Fünfzigerjahren zeigte sie keine Eigendynamik. Sie scheint ihrer Linie „Im Zweifelsfall für Rom“ treu geblieben zu sein, auch als mit Johannes XXIII. die großen kirchenpolitischen Reformen einsetzten.


Vor fünfzig Jahren: der Paradigmenwechsel
Vor dem Zweiten Weltkrieg war Antisemitismus in Europa – und auch in Luxemburg – vor allem im christlichen Milieu und in völkisch orientierten Gruppierungen verbreitet, aber auch in liberalen und linken Kreisen war er latent vorhanden (siehe woxx N° 1287). Das zunehmende Wissen um die spezifische Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden und Jüdinnen während des Zweiten Weltkriegs hatte nicht zur Konsequenz, dass der Antisemitismus verschwand. Es führte jedoch zu einem Wandel im öffentlichen Umgang mit diesem Phänomen, der besonders an zwei Ereignissen in den  Neunzehnhundertsechzigerjahren deutlich wurde: der Eichmann-Prozess und das Zweite Vatikanische Konzil. Diese zweiteilige Serie beleuchtet, wie sich der Paradigmenwechsel in Luxemburg darstellte.




Der Beitrag beruht auf den Ergebnissen des Promotionsvorhabens der Autorin zu Judentum und Antisemitismus in Luxemburg.
Quellen:
Zeitungen und Zeitschriften: D’Hêmecht – La Patrie; D’Letzeburger Land; Kirchlicher Anzeiger für die Erzdiözese Luxemburg; Luxemburger Wort.
Bendel, Rainer: Die katholische Schuld? Katholizismus im Dritten Reich zwischen Arrangement und Widerstand, Münster [et al.] 2002.
Breuning, Klaus: Die Vision des Reiches. Deutscher Katholizismus zwischen Demokratie und Diktatur, (1929-1934), München 1969.
Connelly, John: From Enemy to Brother. The Revolution in Catholic teaching on the Jews, 1933-1965, Cambridge MA, London 2012.
Lautenschläger, Gabriele: Joseph Lortz (1887-1975). Weg, Umwelt und Werk eines katholischen Kirchenhistorikers, Diss. Theol. Würzburg 1987.
Lortz, Joseph: Katholischer Zugang zum Nationalsozialismus, Münster 1934.
Schmid, Hansjörg / Frede-Wenger, Britta: Neuer Antisemitismus? Eine Herausforderung für den interreligiösen Dialog, Berlin 2006.
Wolf, Hubert: Papst & Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich, München 2012.
Nostra aetate, o. J., ttp://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651028_nostra-aetate_ge.html, Stand: 19.06.2016.

Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.