Indie Folk
: Chads World


Der ungewöhnliche Folk-Sänger Chad VanGaalen ist immer noch ein Geheimtipp in der Szene – nun bietet sich dem luxemburgischen Publikum die Möglichkeit, ihn zu entdecken.

Meister der Selbsterfindung: Chad VanGaalen.

Chad VanGaalens Musikerkarriere begann 2005 mit dem Debutalbum „Infiniheart“, das von vornherein klarmachte, dass es sich bei dem Sänger nicht um einen gewöhnlichen Künstler handelt. Die von ihm selbst aufgenommenen Lieder gaben bereits einen tiefen Einblick in das musikalische Universum des Kanadiers. Die einfachen Songs der ersten Platten erinnerten dabei stark an Musiker der DIY-Szene wie Daniel Johnston.

Seit den Anfängen hat VanGaalen aber nie seichten Pop produziert, und auch seine Charakterisierung als gewöhnlicher Folk-Singer-Songwriter wäre reduzierend. Allerdings wirkt jede Genrezuweisung unpassend. VanGaalens Lieder sind düster und seine Texte verschroben, manchmal geradezu unzugänglich. Vor allem aber ist die Grundästhetik der Songs eine eigentümliche, die er nie zu verändern versucht hat: Die schräge Falsettostimme und die leicht verstimmten Gitarren klingen nie aufwendig produziert, sondern sind simpel aufgenommen. Manchmal geht er so weit, dass der Sound beinahe dilettantisch klingt, wenn er etwa die Stimme übersteuert oder falsche Töne in die Musik integriert.

Doch genau diese bewusste Darstellung der eigenen Musik als etwas Fehlerhaftes, etwas das nicht perfekt sein will, ist der Grund, wieso viele Zuhörer Chad VanGaalen so sehr schätzen. Er ist ein Musiker, der wohl vor allem zu vermeiden versucht, völlig durchschaubar zu sein und damit den Punkt zu erreichen, an dem er sich selbst und seine Fans nicht mehr überraschen kann. Auf den ersten fünf Alben ist dieser Experimentierdrang, der Wille, in keine Genre-Schublade zu passen, deutlich spürbar: Von Folk-Melodien über Rock’n’Roll hin zu experimentellen Noise-Songs hat der Kanadier vieles ausprobiert.

Sein bekanntestes Lied „Rabbit Bits of Time“ schließt er mit dem Geräusch eines heranrasenden Zuges ab. VanGaalen ist ein Musiker, der nicht so einfach zu fassen ist, doch auch das Experimentieren im Rahmen einer Lo-Fi Ästhetik hat ihre Grenzen. Das neueste Album wurde mit Spannung erwartet, weil sich langsam die Frage aufdrängte, ob VanGaalen nicht bereits alle Möglichkeiten auf den letzten Alben ausgeschöpft hatte.

Umso überraschender ist, dass Anfang September dieses Jahres erschienene sechste Studioalbum „Light Information“, das der kanadische Musiker am nächsten Montag in den Rotondes vorstellen wird, zeigt, dass VanGaalen sich traut, neue Wege zu gehen. Schon der erste Song kündigt die neue Richtung an, denn er lässt den Zuhörer anderthalb Minuten im Glauben, dass hier wieder das altbekannte Rezept angewendet worden ist: Die eingängigen Melodien werden von ausgefallenen Instrumenten gespielt und unter den markanten Gesang ist ein einfacher Drumbeat gelegt. Doch dann, nämlich wenn poppige Synthie-Melodien den neuen Sound ankündigen, zeigt sich, dass der Liedermacher sich für dieses Album ein anderes Konzept ausgedacht hat. Es ist vielleicht das erste Mal, dass in VanGaalens Diskographie moderne Pop-Elemente zum Tragen kommen. Und so ist ist kaum zu verkennen, dass einige Lieder des neuen Albums, allen voran der Opener „Mind Highjacker’s Curse“, durchaus radiotauglich sind.

Das Genie VanGaalens wird aber vor allem dann offensichtlich, wenn er es schafft, seinem Album eine Einheit zu verleihen, obwohl er nicht weniger experimentell vorgeht als auf den vorigen Platten. Manche Lieder werden von der Stimme getragen, andere sind instrumental. Die Stimmung ist mal gruselig, mal wohlig, dazwischen traut sich VanGaalen, einen Noise-Part einzufügen, bevor er seinen Zuhörer mit einer Pophymne überrascht, die auch von The Killers geschrieben sein könnte. Am Ende wirkt das Album wie ein in sich schlüssiges Gesamtwerk. „Light Information“ ist jedenfalls ein kleines Meisterwerk, das er genauso enden lässt, wie es sich für den alten Chad VanGaalen gehört: mit sehr lautem, diffusem Krach.

An diesem Samstag, dem 28.10. 
in den Rotondes.

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