Indie-Rock: Der Placebo-Effekt

Einst, in den 1990ern, als Retter der Rockmusik gefeiert, haben Placebo längst die Grenzen zum Mainstream überschritten. Begeistern tun sie immer noch, allerdings nicht mehr die Fans der ersten Stunde.

Sie sind alt und brauchen das Geld: Placebo.

Als sich Brian Molko und Stefan Olsdal, die beiden Gründungsmitglieder der Band, Ende der 1980er Jahre in der American International School of Luxembourg begegneten, geschah … nichts. Erst Jahre später, als beide in London lebten, beschlossen sie, musikalisch zusammenzuarbeiten. Das Projekt Placebo war geboren. Mit ihrem androgynen Auftreten – Make-Up, gefärbte Fingernägel und Röcke -, ihrer schnellen und schwermütigen Musik setzten sie einen Kontrapunkt zur Grunge-Welle, die gerade aus Seattle über die ganze Welt schwappte. Placebo waren Glam und aggressiv, Punk und romantisch: Sie waren das europäische Gegenstück zu Bands wie Nirvana oder Pearl Jam.

Placebos erstes selbstbetiteltes Album erschien 1996 und schlug ein wie eine Bombe: Obwohl die Band nur von einem kleinen Label vertrieben wurde, schnellten ausgekoppelte Singles wie „Nancy Boy“ in den Charts auf die ersten Plätze. Musiklegenden wie David Bowie förderten sie und nahmen sie mit auf ihre Auslandstourneen. Und die gesamte internationale Musikpresse fraß ihnen aus der Hand. Kein Wunder, denn Placebo waren die Wiedergeburt des „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ in den eher aseptischen 1990ern – der Epoche des aufkommenden Techno und Elektro. Und sie machten ihrem schlechten Namen alle Ehre: „Auf unseren Tourneen ziehen wir eine Spur aus Blut und Sperma hinter uns“, äußerte sich Brian Molko über das Leben „On the Road“.

Das größte Meisterstück gelang ihnen mit dem zweiten Album „Without You I’m Nothing“ – die Arrangements wurden verfeinert, das Songwriting erweitert und die von Molko verfassten Texte wurden von den Jugendlichen aufgesogen, als seien sie das ganz neue Testament. „A friend in need is a friend indeed, a friend with breasts and all the rest, a friend who’s dressed in leather“ singt er in „Pure Morning“, das auch das Album einläutet. Es sind vor allem die hochemotionalen und sehr persönlichen Texte, die „Without You I’m Nothing“ zu einem Evergreen machten.

Es folgten – wieder einmal – ausufernde Tourneen und anschließend wieder Studio-Arbeit. Aber das Resultat, die 2000 erschienene Platte „Black Market Music“, enttäuschte die Fans der ersten Stunde. Einerseits irritierten die musikalischen Ausflüge in den Elektrobereich oder in jazzigere Töne das puristische Verständnis, während das Songwriting andererseits an sich einfach nur repetitiv und nicht innovativ genug war.

Zwar blieb der kommerzielle Erfolg der Band erhalten, aber die Indie-Szene hatte ab diesem Album mit Placebo abgeschlossen. Weitere Alben wie „Sleeping with Ghosts“ und „Meds“ folgten, ohne dass sich großartig etwas änderte – die Fangemeinde blieb ihnen treu, aber die Fachpresse verschmähte sie weiterhin – bis heute.

Ende 2008 kam es dann fast zum Bruch zwischen Molko und Olsdal: Tourneemüdigkeit und mangelnde Inspiration führten zu einer Zwangspause, bis es mit „Battle for the Sun“ (2009) mit neuem Drummer und frischem Elan weiterging. Der Trommler Steve Forrest hat die Band zwar inzwischen wieder verlassen, aber die neue Verve von Placebo ist noch lange nicht verpufft. 2013 brachten sie die Nachfolgeplatte „Loud Like Love“ heraus, und seit 2016 sind sie auf ihrer 20-jährigen Jubiläumstournee. Was sicher auch einige NostalgikerInnen anziehen wird.

Am 9. Mai in der Rockhal.

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