Interview
: „Das Auto greift ins Denken ein“

Ohne Auto geht es heutzutage doch gar nicht! Genau so denken viele. Dass diese Denkweise falsch ist, meint der österreichische Verkehrsplaner Hermann Knoflacher. Seit Jahrzehnten kämpft er gegen die Pkw-Hegemonie.

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(Foto: Privat)

woxx: Herr Knoflacher, innerhalb von Städten kommt man recht gut auch ohne Auto voran. Es gibt Busse, U-Bahnen, Straßenbahnen. Man kann auch Fahrrad fahren. Dennoch nehmen die Leute meist den Pkw. Warum? 


Hermann Knoflacher: Der Mensch wird zum Autofahren gezwungen. Schon ein knappes Jahrhundert lang genießt das Auto den Vorrang vor allen anderen Mobilitätsmitteln. Hier in Wien drückt sich das im Garagengesetz aus. Bis 2015 musste für jede Wohnung ein Kfz-Stellplatz errichtet werden, unabhängig vom Bedarf und der Wohnungsgröße. Seit letztem Jahr gilt die Vorgabe: für je 100 Quadratmeter Wohnnutzfläche ein Stellplatz. Ein fauler Kompromiss.

Wozu führt die Bevorzugung des Autos?


Das Auto greift in unser Denken ein und beherrscht unsere Handlungen. Das hat mit unserer evolutionären Ausstattung zu tun. Genauer gesagt mit dem Stammhirn, wo unsere Energieverwaltung sitzt. Die mächtigste, weil auch älteste Schicht der Evolution. Dort, tief im Unterbewusstsein, erleben wir die Macht der vielen PS, obwohl wir selbst nur über 0,1 bis 0,2 PS verfügen. Es kommt zu einer physischen Bindung ans Auto. Dem waren und sind weder Wissenschaftler noch Politiker noch die Gesellschaft gewachsen.

Autos sind ja auch eine teure Angelegenheit.


Ja, zum Beispiel geben Familien in industrialisierten Gesellschaften statistisch mehr Geld für Autos aus als für Kinder. Und die Mieten sind wegen der Autostellplätze, die mit den Wohnungen errichtet und dann erhalten werden müssen, um 25 Prozent teurer als sie es ohne Auto wären. Ein absurder Zustand.

Sie haben mal ein Buch mit dem Titel „Virus Auto“ geschrieben. Was macht dieser Virus mit uns?


Er ist Schuld, dass unser Gefühl für die Stadt verlorengegangen ist. Das Empfinden für die Schönheit baulicher Strukturen. Die, die in der Stadt wohnen, können sie gar nicht mehr richtig als Lebensraum wahrnehmen. Dem Autofahrer wiederum, der die Stadt durchquert, ist gleichgültig, wie es links und rechts der Straße aussieht. Früher war die Stadt ein lebendiger Organismus. Wir haben ihn zerstört, nicht absichtlich, sondern aus Unkenntnis.

Diese Unkenntnis richtet großen Schaden an. 


Das kann man wohl sagen. Pro Jahr kommen 1,3 Millionen Menschen durch den Autoverkehr direkt zu Tode. Das heißt: Sie werden totgefahren. Hinzu kommen jährlich 4,8 Millionen Frühverstorbene durch Abgase. Die indirekten Opfer. Auf welche Quote der Verkehrslärm dabei kommt, weiß man noch nicht so genau. Beim Auto wird diese erschreckende Bilanz einfach ignoriert.

Wie befreien wir uns vom Autofahr-Zwang? 


Dass die Leute von sich aus umdenken und aufs Auto verzichten, schließe ich aus. Man muss die Strukturen ändern – der Mensch passt sich dann an. Hier in Wien tut sich seit den Achtziger Jahren etwas in diese Richtung. Öffentlicher Verkehr, Radfahrer und Fußgänger genießen Priorität. Man hat für flächenhafte Verkehrsberuhigung gesorgt und autofreie Plätze geschaffen, die früher verparkt waren. 2012 verbilligte die rot-grüne Stadtregierung den Jahreskartenpreis der Wiener Linien. Statt 445 nur noch 365 Euro. Das alles zahlt sich aus. In den Innenbezirken 2 bis 8 sind 10.000 Menschen zugezogen, es gibt dort aber 3.600 Pkws weniger. Insgesamt nutzen nur noch 28 Prozent der Wiener das Auto. Und bis 2030 soll der Anteil des motorisierten Individualverkehrs sogar auf 15 Prozent sinken.

Wie sieht die ideale Stadt verkehrsplanerisch aus? 


Paracelsus sagt, alles ist Gift, es kommt nur auf Menge an. Das kann man auf Autos übertragen. 10 Prozent des heutigen Autoverkehrs wären genug. Dann könnten wir die Stadt auch endlich wieder als Lebensraum erfassen. Einbußen beim Lebensstandard gäbe es dabei nicht. Auf längere Sicht bin ich dafür, Autostellplätze komplett aus den Wohnsiedlungen zu entfernen. Man parkt den Pkw vor der Stadt und fährt mit dem öffentlichen Verkehr hinein. Busse und Bahnen, Fahrrad und Fußgänger sind stadtverträglich, das Auto ist es nicht.

Was würde das ändern?


Mit der Zurückdrängung des Autos würden wir Unsummen einsparen und massive Beschäftigungseffekte erzielen. Großmärkte auf der grünen Wiese hätten keinen Zulauf mehr. Dafür würden innerstädtisch Wirtschaftskreisläufe mit kleinen Läden reanimiert. Das brächte 5 mal so viele Beschäftigte wie bei den Großmärkten vor den Toren der Stadt. Bei gleichen Umsätzen wohlgemerkt. Bis es soweit ist, bleibt der Konsument den Konzernen hilflos ausgeliefert.

In Luxemburg ist Hermann Knoflacher kein Unbekannter. Um die Diskussion über eine Stadtbahn in Luxemburg in Gang zu bringen, wurde der Verkehrsexperte 1991 von Tram asbl und Mouvement écologique mit einer Studie beauftragt. Das Ergebnis war die Empfehlung, statt auf den Straßenbau auf eine Stadtbahn zu setzen. Seither wurde er mehrfach zu Vorträgen eingeladen zu Themen wie „Virus Auto – Wirkungen auf den Wohnungsbau“. Dass 25 Jahre nach seiner Studie im Autoparadies Luxemburg mittlerweile der Ausbau des ÖPNV eine gewisse Vorfahrt hat, dürfte ihn freuen.

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