Irakkrieg 1991: Barbarei besiegt!

Im ersten Irakkrieg wurde Kuwait befreit – und viel „Porzellan zerschlagen“. Dass die Situation im Mittleren Osten heute so verfahren ist, erklärt sich aus den Irrungen der Vergangenheit.

(Photo : Raymond Klein)

(Foto : Raymond Klein)

Als am 24. Februar 1991 alliierte Truppen in der Stärke von mehreren hunderttausend Mann auf einer Frontbreite von über 300 Kilometern die Grenze zum Irak überschritten, leiteten sie die letzte Phase des ersten Irakkrieges ein. Im Sommer 1990 hatte Saddam Husseins Armee Kuwait besetzt, ein Gewaltakt, auf den die USA und der Westen mit einer militärischen und medialen Mobilmachung reagierten (woxx 1331). Die Regierung von Präsident George Bush verbrachte den Herbst damit, Truppen zusammenzuziehen, Unterstützung bei der Sowjetunion und in der arabischen Welt zu suchen und, über die UN, dem Irak ein Ultimatum zu stellen. Am 17. Januar 1991 begann das amerikanische „Central Command“ mit der Bombardierung von Irak und Kuwait. Die Luftoffensive dauerte 43 Tage, die Bodenoffensive dagegen nur 100 Stunden; am 28. Februar kapitulierte Saddam Hussein.

Wechselnde Allianzen

Rückblickend hatte dieser militärische Erfolg fatale Konsequenzen: Er schien nämlich die Meinung zu bestätigen, dass die technische und taktische Überlegenheit des Westens groß genug sei, um Kriege zu gewinnen – möglicherweise sogar nur aus der Luft. Der Colonel der US Air Force und Vietnam-Veteran John Warden III hatte theorisiert, dass man den Gegner überrumpeln kann, indem man seine Schwerpunkte angreift. Im Irak wurden 1991 in Anwendung dieser Logik zivile Infrastrukturen wie Brücken und Elektrizitätswerke zerstört, mit dramatischen Folgen für die Bevölkerung. Im Kosovokrieg kam die Methode erneut zur Anwendung und brachte den Erfolg – ganz ohne Bodentruppen. Es sollte zwölf Jahre dauern, bis der Traum vom – für die eigene Seite – unblutigen Krieg sich für die US-Generäle in einen Alptraum verwandelte – in Afghanistan und im Irak.

Neu waren auch die diplomatischen Möglichkeiten nach dem Ende des Kalten Krieges (woxx 1300). Drei Jahre zuvor hatte der Westen Saddam Hussein noch gegen einen feindlichen Block, bestehend aus Iran, Syrien und der Sowjetunion, unterstützt. 1991 dagegen war Michail Gorbatschow ein Partner und Hafiz al-Assad beteiligte sich sogar mit einer Panzerdivision – unter alliiertem Kommando – am Feldzug, wofür man ihm im Gegenzug im Libanon freie Hand ließ. Nach 1991 wurde die internationale Politik noch zynischer als zuvor, vor allem aber viel instabiler. Was fraglos zur derzeitigen verfahrenen Situation in Syrien und im Irak beigetragen hat (woxx 1359).

Die Koalition der Willigen 1991 (Wikimedia / Female bodybuilder enthusiast / CC-BY-SA 3.0)

Die Koalition der Willigen 1991 (Wikimedia / Female bodybuilder enthusiast / CC-BY-SA 3.0)

Noch direkter hängen die irakischen Aufstände nach Husseins Niederlage mit den derzeitigen Konflikten in der Region zusammen. Insbesondere die Situation der Kurden wurde von der Weltöffentlichkeit aufmerksam verfolgt. Da es für einen Regimewechsel weder UN-Resolutionen noch einen internationalen Konsens gegeben hatte, war Saddam Hussein von den Alliierten in seinem Amt belassen worden. Er war geschwächt, doch nicht so entscheidend, dass er nicht noch weiterhin gegen leicht bewaffnete Aufständische hätte vorgehen können. Es wurden Rufe nach einer humanitären Intervention laut. In Luxemburg sprach sich am 8. April ein Europäischer Gipfel für eine Schutzzone aus, die dann auch – vor allem von US-Truppen – etabliert wurde. Schon damals wirkten Bedenken der Türkei, die einen Kurdenstaat an ihrer Grenze fürchtete, als Hemmnis für die humanitäre Aktion.

Über die Kurden, mit denen die Dritt-Welt-Bewegung seit langem sympathisierte, berichtete die damals noch als Gréngespoun erscheinende woxx recht ausführlich. Und verspottete die Luxemburger Nato-Freunde, die diese Causa plötzlich für sich entdeckt hatten. Immerhin führte letzteres dazu, dass die Chamber eine Motion zum Selbstbestimmungsrecht der Kurden verabschiedete.

Die Rückkehr der Schiiten

Völlig ausgeblendet hatte die Weltöffentlichkeit – und die woxx – den Aufstand der Schiiten im Südirak. Hier ging das Regime mit unglaublicher Brutalität vor. Doch der Linken waren diese Rebellen zu religiös, und die Nato nahm Rücksicht auf Saudi-Arabien, das hier den langen Arm des Iran am Werk sah – alle schauten dem Massaker schweigend zu. Was dazu führte, dass die irakischen Schiiten – die Mehrheit der Bevölkerung – der sunnitischen Mehrheit und dem Westen dauerhaft misstrauten. Nach 2003 war dies der Nährboden, auf dem die Guerrilla gegen die Besatzer und der Bürgerkrieg gediehen (woxx 1333).

Auch für die Entstehung von Al-Qaida und dem „Islamischen Staat“ schuf der erste Irakkrieg die Vorbedingungen. Osama bin Laden interpretierte die dauerhafte Präsenz von US-Truppen in Saudi-Arabien nach 1991 und die Somalia-Intervention 1992 als einen Kreuzzug gegen den Islam. Hatte er bis dahin – mit amerikanischer Unterstützung – die Sowjetunion in Afghanistan bekämpft, so vollzog er nun eine Wendung gegen die USA, die in den Anschlägen vom 11. September 2001 gipfelte. Im zerstörten Irak setzte in dieser Zeit Saddam Hussein zur Identitätsstiftung immer mehr auf den sunnitischen Islam statt auf die Baath-Partei. Die dabei geschaffenen Loyalitäten und Netzwerke wurden nach 2006 vom IS übernommen. Aus ihnen ist eine fanatisierte, sehr effiziente Kriegsmaschine entstanden, die zu besiegen mehr erforderlich sein wird als eine 43-tägige Luftoffensive.


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.