Jason Reitman: Pampers, Schreie, Babykotze


„Tully“ wirft einen nüchternen Blick auf moderne Elternschaft. Dazu gehören auch in heutigen Zeiten nicht nur Stress und Überforderung, sondern auch ungleiche Aufgabenverteilung.

Wer ist diese mysteriöse Tully und wird es ihr gelingen, Marlo zu helfen? (Foto: outnow.ch)

Mutterschaft kann so schön sein: Eine intensive Zeit voller bewegender Momente, die Erfüllung des Kleinfamilienideals. In „Tully“ wird die Erfahrung aus einem etwas anderen Blickwinkel dargestellt: Kinder zur Schule fahren, Muttermilch abpumpen, Tiefkühlpizza zum Abendessen, durchgehend unaufgeräumte Wohnung, Milchausfluss aus der Brust, Fremde, die ungefragt nervige Ratschläge erteilen – all das gehört zum Alltag der dreifachen Mutter Marlo (Charlize Theron). Nichts scheint ihr Freude zu bereiten, sie ist ständig gestresst und erschöpft. „What’s wrong with your body“, fragt ihr Sohn an einer Stelle. Die Mutter sieht nicht mehr aus wie früher, sie hat zugenommen und ihr Aussehen ist ihr offensichtlich egal. Doch es ist mehr: Marlo ist nicht nur äußerlich verändert, sie ist insgesamt nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst.

Marlo und ihr Mann Drew (Ron Livingston) leben mit ihren drei Kindern in einem New Yorker Vorort. Besonders Sohn Jonah (Asher Miles Fallica) bereitet der Familie mit seinem zwanghaften und ängstlichen Verhalten Sorgen. Während er Marlo tagsüber auf Trab hält, tut dies nachts die neugeborene Mia. In ihrer Verzweiflung nimmt sie das Angebot ihres Bruders (Mark Duplass) an und stellt die Mittzwanzigerin Tully (Mackenzie Davis) als Nacht-Nanny ein. Als sie endlich wieder ein paar Nächte durchgeschlafen hat, erwacht Marlo langsam wieder zum Leben.

Es ist nicht das erste Mal, dass Regisseur Jason Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody sich in einem gemeinsamen Filmprojekt dem Thema Mutterschaft annehmen. Während es in „Juno“ in erster Linie um ungewollte Teenager-Schwangerschaften und Adoption ging, steht in „Tully“ der Alltag der Eltern im Vordergrund.

Die Figur des Ehemannes dürfte vielen zeitgenössischen Paaren nur allzu bekannt vorkommen: Tagsüber arbeitet er, abends kommt er nach Hause, isst, was auch immer seine Frau zubereitet hat, legt sich ins Ehebett, spielt Videospiele und schläft dann ein. Marlo und seinen Kindern gegenüber ist er rücksichts- und liebevoll, doch tut er nie mehr als unbedingt nötig. Was leicht zu einer Karikatur hätte werden können, regt dank Ron Livingstons nunanciertem Spiel zur Identifikation an. Drew ist nicht einfach nur egozentrisch und ignorant: Er weiß schlicht nicht, wo sein Platz in dieser Familie ist. Genau wie seine Frau hat er sich mit seinem Leben, so wie es ist, abgefunden. Träume oder Ambitionen hat er scheinbar keine. Die Folge davon ist, dass Marlo im Grunde eine alleinerziehende Mutter ist.

Und was ist mit Tully, die immerhin die titelgebende Figur ist? Anfangs birst die Nanny nur so vor Lebensfreude, schnell beschleicht einen jedoch das Gefühl, dass ihr unermüdlicher Enthusiasmus zu gut ist, um wahr zu sein. Der Eindruck einer gewissen Labilität wird bestätigt, als ihr Gemüt von einem Abend zum nächsten plötzlich ins Gegenteil umschlägt. Leider erhält Tully durch die durchgängig oberflächliche Darstellung etwas Unreales. In gewissen Momenten fragt man sich: Ist sie ein Produkt der Imagination? Ist es Marlos Idealversion von sich selbst, so wie Tyler Durden in David Finchers „Fight Club“? Oder ist Tully nur eine Art Katalysator, der Marlo und Drew helfen soll, ihr Leben umzukrempeln? Es besteht kein Zweifel an der zentralen Rolle, die Tully für den Verlauf der Geschichte spielt. Doch es geht so wenig um sie als Person, dass die Wahl ihres Namens für den Titel verfehlt wirkt, als würde „Titanic“ von James Cameron „Jack“ heißen.

Auch wenn Mutterschaft in „Tully“ im Vordergrund steht, geht es letztlich um viel mehr, nämlich die Angst davor, sich selbst aus den Augen zu verlieren. Davor, dass sich das eigene Leben so sehr verändert, dass man nicht mehr weiß, wer man ist, geschweige denn war.

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Bewertung der woxx : XX


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