Jungle World
: „Politisch war es 
ein wichtiger Schritt“


Aus einem Arbeitskampf ist vor zwanzig Jahren die Berliner Wochenzeitung „Jungle World“ entstanden. Für den Erfolg des Blatts sprach damals vor allem die Entschlossenheit seiner GründerInnen – und eine treue Leserschaft. Mit der woxx verbindet die Zeitung eine langjährige Kooperation.

„Wer braucht schon Leser?“: 
In einer Jubiläumsausgabe blicken ehemalige Redaktionsmitglieder auf 20 Jahre Jungle World zurück. (Bildquelle: Jungle World)

Komischer Titel für eine deutsche Wochenzeitung: Jungle World. Scheinbar geboren aus der Not. Denn alles musste rasch gehen damals, im Jahr 1997 in Berlin. „Wir suchten nach einem Namen, der etwas Wilderes zum Ausdruck bringt als den gleichförmig eindimensionalen Klang des Titels „junge Welt“, aber dennoch die gleichen Insignien trägt“, erinnert sich Mitgründer Wolf-Dieter Vogel an die „Taufe“ der neuen Berliner Wochenzeitung. Dieser Tage feiert die Jungle World ihren zwanzigsten Geburtstag. Begonnen hat sie als Streikzeitung, in der Hitze des Arbeitskampfes bei der „jungen Welt“, dem ehemaligen Zentralorgan des kommunistischen Jugendverbands (FDJ) der DDR.

Vordergründig ging es damals um die Absetzung des Chefredakteurs Klaus Behnken durch die Geschäftsführung. Ein Großteil der Belegschaft reagierte darauf mit einer Redaktionsbesetzung und trat in den Streik, erzählt Bernd Beier, der mit im Bunde war. Der Konflikt sei „dann recht schnell eskaliert“. Kein Wunder, denn in dem, was da aufeinanderprallte, spielten Personalfragen nur vordergründig die Hauptrolle. Es ging um wesentlich mehr.

Die 1990er-Jahre im wiedervereinigten Deutschland waren durch eine massive rassistische Mobilisierung geprägt. Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Solingen – das sind nur die bekanntesten Marken eines gesellschaftlichen Klimas, das sich insbesondere in Ostdeutschland als durch den Hass auf MigrantInnen geprägt erwies.

„In dieser Situation hat die Geschäftsleitung von uns „Ostkompetenz“ gefordert“, so Beier. „Wir sollten quasi einen Ostnationalismus hypen, mit Anklängen an eine DDR-Nostalgie – wir sprachen damals zugespitzt von Nationalbolschewismus.“

Den Rechten das Wasser abgraben, in dem man den autoritären Impuls in ein scheinbar linkes Fahrwasser lenkt – dieser traditionslinke Evergreen gehörte zum Plan der „junge Welt“-Geschäftsführung in einer zum Teil noch von einer eher diffusen „Parteilinie“ geprägten Redaktion. Dort hatten sich mittlerweile aber auch viele andere Positionen integriert: Autonome, Anarchisten, libertäre Kommunisten waren laut Wolf-Dieter Vogel darunter, „aber alle mit einer undogmatischen Erfahrung und einer kritischen Haltung zu dem, was sich traditioneller Sozialismus nennt“.

Der Krach war also längst vorprogrammiert, als es 1997 zur Eskalation kam. An deren Ende stand der Rauswurf der Querulanten und die Gründung der Jungle World. Bernd Beier spricht von einem „politisch wichtigen Schritt“ der darin bestand, „die vernünftigen Teile der Linken und radikalen Linken zusammenzubekommen, die sich explizit gegen die Verherrlichung eines poststalinistischen Systems wie der DDR, gegen Nationalbolschewismus und regressive Formen des Antiimperialismus richteten“.

„Guter Journalismus ist immer herrschaftskritisch.“

Wohl kaum einer hätte damals gedacht, dass daraus ein Zeitungsprojekt resultieren würde, das von den arrivierten Medien bisweilen geradezu als Frischzellen-Generator beäugt wird und für sein innovatives Layout Preise gewonnen hat. Denn was nach der Nullnummer folgte, war ein knallharter Überlebenskampf. Ohne Eigenkapital und Infrastruktur wurde die Jungle World zunächst nur dank radikaler Selbstausbeutung und geliehener Technik produziert. „Am Anfang konnten wir uns gar kein Geld ausbezahlen; viele haben neben dem Zeitungmachen auch gejobbt“, blickt Bernd Beier, heute einer von drei sich abwechselnden Chefs vom Dienst und damit zeitweise presserechtlich verantwortlich bei der Jungle World, auf die ersten Monate zurück.

Allein schon aus finanziellen und logistischen Gründen war also nicht an eine Rückkehr ins Tageszeitungsgeschäft zu denken. Doch da wollte man ohnehin nicht mehr hin. „Wir wollten hintergründiger berichten und kritisch reflektieren, was auf der Welt passiert“, so Beier.

Man könnte allerdings auch sagen, die Redaktion der Jungle World suchte Streit. Denn wenn sich Bernd Beier in der Berliner Redaktion an diese Jahre erinnert, dann klingt er ganz ähnlich wie sein einstiger Mitstreiter Wolf-Dieter Vogel, der heute in Oaxaca in Mexiko lebt, wo er als Korrespondent unter anderem für die woxx tätig ist. Beide bekräftigen, dass man sich von einem bestimmten Teil der Linken endgültig verabschieden wollte. Ob es darum ging, den islamistischen Charakter der Al-Aqsa-Intifada zu kritisieren, die Interessen der deutschen Wirtschaft am Fortbestand des Regimes von Saddam Hussein im Irak, oder nachzuweisen, dass die Attentäter des 11. September 2001 „nicht die Verdammten dieser Erde waren, sondern ein Milliardär namens Osama Bin Laden hinter ihnen stand, unterstützt von staatlichen Strukturen in Pakistan und Saudi-Arabien“, so Beier: „Bei solchen Anlässen war einfach klar, dass man einen radikalen Bruch auch innerhalb der Linken erreichen will. Das wäre bei der jungen Welt auf keinen Fall möglich gewesen.“

Die Folgen bekam das Blatt zu spüren. Immer wieder verabschiedeten sich AutorInnen, und LeserInnen natürlich auch. Mehrmals stand die Zeitung, die fast vollständig von Abonnements getragen wird, existenziell auf der Kippe. Heute haben sich die finanziellen Bedingungen der Jungle World einigermaßen stabilisiert.

Hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Zukunft kommt natürlich auch die Jungle World nicht an der Frage vorbei, wie angemessen auf die zunehmende Bedeutung des Internet reagiert werden kann. „Wir haben nicht die Kapazitäten, um noch eine Internetredaktion einstellen zu können, das ist das Hauptproblem“, sagt Beier. Doch auch wo man sich das leisten kann, beobachtet er die Entwicklung eher skeptisch: Letztlich werden fast überall die Journalisten der Printausgabe dazu verdonnert, auch in der Online-Ausgabe zu schreiben. Und nach Meinung von Beier sinkt bei steigendem Stress zwangsläufig die Qualität.

Bei der Jungle World setzt man daher bis auf weiteres auf die Printausgabe: „Da müssen die schlauen Analysen, Hintergrundberichte und die Reportagen rein“, so Beier. „Wenn man schnell reagieren will, dann ist das Internet der richtige Ort.“ Und weil man als linke Zeitung eigentlich für alle zugänglich sein will, werden die Inhalte der Printausgabe binnen einer Woche peu à peu ins Netz gestellt.

Den aktuellen Anspruch der Zeitung fasst Bernd Beier so zusammen, dass man guten und kritischen Journalismus machen möchte, der als solcher „selbstverständlich immer herrschaftskritisch ist“. Vom engagierten Aktivisten unterscheide sich der kritische Journalist idealerweise dadurch, dass er „den Solidaritätsreflex vermeidet“, wie Bernd Beier es nennt: „Man darf, nur weil es sich angeblich um eine gute Sache handelt, nicht die negativen Begleiterscheinungen aus dem Blick verlieren.“ In der Vergangenheit habe man beispielsweise 
nie genau hingeschaut, welche Rolle der Islam in der algerischen Unabhängigkeitsbewegung spielte. „Und jüngst hat man das mit einem ähnlich unkritischen Bezug auf die sogenannte bolivarianische Revolution und Chavez in Venezuela gesehen. Solche gesellschaftlichen Entwicklungen sind in einem bestimmten Maß vorhersehbar, wenn man sich den kritischen Blick auf das, was sich in einem Land tut, nicht vernebeln lässt.“

woxx- und Jungle-World-Korrespondent Wolf-Dieter Vogel pflichtet ihm bei: „Ich möchte die lateinamerikanische Linke, die an vielen Punkten meiner Ansicht nach bis heute sehr traditionelle Positionen vertritt, bei den LeserInnen in Luxemburg und Deutschland auch ein Stück weit in Frage stellen. Etwa wenn man hier in Mexiko überzeugt davon ist, dass der Syrien-Krieg von den USA geschürt wurde, um die imperialistischen Bestrebungen in Syrien und im Nahen Osten auszuweiten.“

Aktivisten seien nicht selten zu distanzlos, so Vogel, sie verträten einfach stur eine bestimmte Position und ließen die Widersprüche weg. Dadurch werde Journalismus nicht nur langweilig; eine solche Weltsicht sei auch schlichtweg falsch. Vogel hat den Namen Jungle World daher auch immer schon als Referenz an eine Welt verstanden, die sich in vielerlei Hinsicht als Dschungel aus Widersprüchen erweist: „Die herrschenden Verhältnisse sind die einer komplizierten Welt, die nicht in Kategorien wie gut oder böse interpretiert werden kann.“ Als Aktivist bezeichnet er sich gleichwohl in bestimmter Weise selbst: „Wenn ich jahrelang gegen die Waffenexporte nach Mexiko anschreibe, dann hat das auch etwas aktivistisches, denn ich vertrete natürlich von vornherein eine Position, die ich auch immer in meine Artikel mit hineinzubringen versuche.“

Nicht zuletzt diese Mischung ist es, auf die auch die woxx immer wieder gern zurückgreift. Alle ein bis zwei Wochen findet ein Text der Jungle World den Weg in unser Blatt – auch wenn selbstredend manches, was in Berlin gedruckt wird, nicht immer die Zustimmung aller woxx-RedakteurInnen erhält. Und bisweilen ziehen woxx- und Jungle World-Redakteure sogar im Gespann für eine Recherche los.

In Berlin wird nun aber erstmal gefeiert: Unter anderem mit der aktuellen Jubiläumsausgabe, die von ehemaligen Redakteuren wie Wolf-Dieter Vogel gemacht wurde und den passend doppeldeutigen Titel „Wer braucht schon Leser?“ trägt.


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