Kapitalismuskritik:
 Die Kluft


Problem mit System: Der Starökonom Joseph E. Stiglitz zeigt, dass extrem ungleiche Gesellschaften nicht stabil funktionieren können. Anders als Marktliberale glauben möchten, sind sie daher nicht einmal effizient.

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Mit Keynes den amerikanischen Traum verwirklichen? Der Kapitalismusklempner Stiglitz macht dem Marktliberalismus die Rechnung auf. (Foto: Wikimedia Commons)

Jeremy Rifkin kann es, Paul Krugman kann es – und Joseph E. Stiglitz kann es selbstverständlich auch: International renommierte Wirtschaftswissenschaftler wie sie haben es nicht nur verstanden, ihre akademischen Lorbeeren als Berater von Regierungen und Organisationen zu versilbern, sondern sind auch als Bestsellerautoren weltweit bekannt geworden.

Rifkin wurde mit „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ und „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ bekannt und berät mittlerweile unter anderem die luxemburgische Regierung. Krugman weist in „Die neue Weltwirtschaftskrise“ auf die Rückkehr der ökonomischen Missstände hin, welche einst die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre ausgelöst hatten. In seinem Buch behauptet der Free-Market-Keynesianer, wie er sich selbst bezeichnet, dass die mangelnde Regulierung der Finanzmärkte zur erneuten weltweiten Krise führte.

Wie Krugman ist Joseph E. Stiglitz Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften. Und wie die beiden anderen Ökonomen zeichnet er sich durch einen klaren, deutlichen und unterhaltsamen Schreibstil aus. Diesen Vorteil besitzen nicht wenige berühmte Starakademiker aus dem angelsächsischen Sprachraum – der britische Neurologe Oliver Sacks ebenso wie der amerikanische Philosoph Michael Sandel oder der australische Historiker Christopher Clark, um nur drei Beispiele zu nennen.

Auch Stiglitz zeichnet dieses Können aus. Seine Schriften glänzen zwischen akademischer Forschung und populärwissenschaftlicher Publizistik. Der aus dem US-Bundesstaat Indiana stammende, 1943 geborene Sohn politisch engagierter Eltern erhielt 2001 für die „Analyse der Handelsmuster und Räume der wirtschaftlichen Aktivität“ den Nobelpreis.

Politisiert durch die Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren, in der Schule und im College engagiert gegen Rassentrennung, begann Stiglitz seine Karriere am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und war später im englischen Cambridge. Yale, Stanford, Princeton und Oxford sind weitere Stationen. Heute lehrt er an der Columbia University in New York und an zwei Pariser Elitehochschulen zugleich. Zudem war Stiglitz Chefvolkswirt der Weltbank und verkrachte sich mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), als er dessen Methoden im Kampf gegen die Asienkrise kritisierte. Die Regierung Obama nahm er wegen deren Politik zur Rettung der Wall Street aufs Korn.

Joseph E. Stiglitz solidarisierte sich auch mit der Bewegung „Occupy Wall Street“.

Seinen Ruhm nutzt der Ökonom als Kapitalismuskritiker. Er solidarisierte sich mit der Bewegung „Occupy Wall Street“, die sich 2011 aus Protest gegen soziale Ungleichheit, die Spekulationsgeschäfte der Banken und den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik formierte und als spektakulärste Aktion den Zuccotti Park in Manhattan besetzt hatte. Stiglitz gehörte zu den Helden der Bewegung und wurde schnell zur Ikone der Kapitalismuskritik, weil er sich unter anderem gegen die Liberalisierung der Finanzmärkte stellte.

In seinen Büchern versteht er es, komplexe Themen leicht verständlich zu erklären. Die bekanntesten sind „Die Schatten der Globalisierung“ (2002) oder „Die Chancen der Globalisierung“ (2006) und „Der Preis der Ungleichheit“ (2012). Letzteres kann als ein Tribut an „Occupy Wall Street“ bezeichnet werden. Stiglitz kam damit zur richtigen Zeit, als zunehmend über die extremen Wohlstandsgefälle diskutiert wurde.

Nach Stiglitz‘ Worten ist ökonomische Ungleichheit nicht nur moralisch verwerflich. Besonders ungleiche Gesellschaften funktionieren zudem alles andere als effizient. Ihre Volkswirtschaften sind weder stabil noch nachhaltig. Sie schaden sich vor allem selbst. Dies gilt auch für die Profiteure der Ungleichheit: Wer die Macht hat, kann seine Interessen leichter durchsetzen als in anderen Gesellschaften, wo das Kräfteverhältnis ausgeglichener ist. Stiglitz spricht von „asymmetrischen Informationen“ – vergleichbar dem Verkäufer eines Gebrauchtwagens, der genau über seine Ware Bescheid weiß, während der Käufer kaum einen Einblick hat.

Dass die Kluft zwischen Arm und Reich rapide zugenommen hat, bestätigt auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der Hilfsorganisation Oxfam. Demnach ist das Vermögen der Superreichen, ob Oligarchen, Ölscheichs oder Milliardenerben, in den vergangenen fünf Jahren um 44 Prozent auf 1,76 Billionen US-Dollar gestiegen. Zugleich ist der Besitz der Armen auf der Welt um 41 Prozent zurückgegangen – obwohl die Weltbevölkerung im selben Zeitraum um 400 Millionen Menschen wuchs. Die 62 reichsten Menschen besitzen genauso viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung.

Fast überall nimmt die soziale Ungleichheit zu. Was sind die Ursachen? Nicht etwa ein geographischer Determinismus, der geprägt ist von Klima, Flora und Fauna, wie 1997 der US-Autor und Pulitzer-Preisträger Jared Diamond behauptete. Stiglitz verortet die Ursachen in einer unzureichenden Besteuerung größer Vermögen und Kapitalgewinne und deren Verschiebung in Steueroasen wie Luxemburg.

Formal ist das Buch kaum mehr als eine Sammlung bereits erschienener Texte. Der Autor hat 51 Artikel, die er in den vergangenen Jahren in amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht hat, einfach in acht Kapitel gebündelt und diese jeweils mit einer Einleitung versehen. Trotzdem ist das Buch keine reine Mogelpackung: Der Autor sucht „Erste Risse“ und geht dabei vor wie ein Kriminalermittler: „Die Anatomie eines Mordes: Wer hat die amerikanische Wirtschaft auf dem Gewissen?“, lautet entsprechend der Titel eines Textes. Er vollzieht das Goldene Zeitalter der USA ebenso nach wie die einzelnen Dimensionen der dortigen Ungleichheit. „Das amerikanische Wirtschaftsmodell hat leider für weite Teile der Bevölkerung seine Versprechungen nicht eingelöst“, weiß der Autor. „Der typischen amerikanischen Familie geht es heute, unter Berücksichtigung der Inflation, materiell schlechter als vor 25 Jahren.“

Stiglitz räumt mit einer Reihe von Irrtümern auf: Der größte Fehler besteht für ihn in der „Überzeugung, Märkte regulierten sich von selbst und der Staat solle sich weitestgehend aus dem Wirtschaftsleben heraushalten“. Steuersenkungen für Spitzenverdiener sind demnach ebenso falsch wie eine Niedrigzinspolitik und die sogenannte Trickle-Down-Theorie, nach der der Wohlstand der Reichen auch zu den Armen „durchsickere“.

Stiglitz holt weit aus – von der Krise in Spanien kommt er zur Unabhängigkeitsbewegung in Schottland, von Japan und Singapur als Vorbild zu den Reformen in China. Selbst in Lateinamerika, wo die Ungleichheit seit jeher zu Hause zu sein scheint und selbst linke Bewegungen und Regierungen nichts Grundlegendes haben ändern können, erkennt er Zeichen der Hoffnung. So in der kolumbianischen Millionenstadt Medellin, einst eine Hochburg der Kokain-Kartelle, die heute als Lichtblick der Region gilt.

„Ungleichheit ist nicht unvermeidlich“, resümiert Stiglitz. Was aber als Lektion über die zunehmende Ungleichheit festzuhalten ist: Sie folgt nicht ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, sondern ist auf politische Entscheidungen und Versäumnisse zurückzuführen. Die Interessen des obersten „1 Prozent“ gehen zu Lasten der restlichen „99 Prozent“. Am Anfang der zunehmenden Ungleichheit stand der Regierungsantritt von Ronald Reagan als US-Präsident im Jahr 1981. Bis heute unter Obama hat sich diese Tendenz fortgesetzt. Die Einkommen und Vermögen haben sich weiter bei den Reichen konzentriert, während sie bei der Mehrheit stagnierten. Zugleich wurden die Bedingungen in der Arbeitswelt zunehmend prekär.

Stiglitz betont, dass die wachsende ungleiche Einkommensverteilung mittel- bis langfristig auch die wirtschaftliche Position des „einen Prozent“ bedroht. Das Auseinanderbrechen der Gesellschaft führe zu Kaufkraftschwund und zu mehr Kriminalität. Sein Gegenmodell ist bekannt: Es ist nicht die Verurteilung des kapitalistischen Modells in Bausch und Bogen, sondern stärkere staatliche Regulierung, Steuererhöhungen für die Reichen, Subventionsabbau für Konzerne sowie höhere Investitionen in Bildung, Technologie und Infrastruktur.

Das Credo des Autors lautet Keynes statt Marktliberalismus. Neu ist das keinesfalls, sondern eine schon einmal versuchte Korrektur des bestehenden kapitalistischen Modells. Eine Vision, wie sie zum Beispiel der wesentlich kühner argumentierende Rifkin mit der „dritten industriellen Revolution“ und einer Share Economy vorschlägt, ist seine Sache nicht.

Am Schluss des Buches – in einem Nachwort, das aus einem Interview mit dem Magazin „Vanity Fair“ besteht – lobt Stiglitz noch die Milliardäre und Großinvestoren George Soros und Warren Buffett, die zu einer höheren Besteuerung für Reiche aufgerufen haben: „Sie haben den amerikanischen Traum gelebt – und sie wollen, dass andere dieselben Bedingungen vorfinden wie sie.“ Ob sie wirklich so funktioniert, die Versöhnung mit dem angeblichen amerikanischen Traum?

Joseph Stiglitz: Reich und Arm. Die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Siedler Verlag, 512 Seiten.

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