Kirche und Antisemitismus: Nur Kinder ihrer Zeit?


Ende Mai gab es von katholischer Seite eine Reaktion auf den in der woxx 1425 erschienenen Artikel „E kopernikaneschen Tournant“. Ihr Tenor: Antisemitische Ausfälle katholischer Geistlicher im 19. Jahrhundert waren lediglich Reaktionen auf die aggressiven Attacken ihrer damaligen Gegner.

In Luxemburg war es im 19. Jh. die katholische Presse, die antisemitische Vorstellungen in die große Masse hineintrug. Der Priester und Zeitungsredakteur Jean-Baptiste Fallize steuerte seinen Teil dazu bei. (Quellen: WikiCommons, Cornischong)

Worum ging es: Am 26. Mai erschien in der woxx ein Beitrag der Autorin, der die Umbenennung der früheren „Montée Monseigneur Fallize“ in Ettelbrück – und genereller den veränderten Umgang mit der Geschichte von Judentum und Antisemitismus in Luxemburg – behandelte. Auf diesen Artikel reagierte Jean-Jacques Flammang, Mitglied der Herz-Jesu-Pater in Cinqfontaines und „Supérieur“ der Provinz „Euro-Francophone“ (Frankreich, Wallonien und Luxemburg) dieser Ordensgemeinschaft, mit mehreren Facebook-Posts, die aber recht schnell wieder gelöscht wurden. Auf sie im einzelnen einzugehen, erscheint wenig sinnvoll, stattdessen sollen hier einige grundsätzliche historische Fragen noch einmal angesprochen werden.

Eine von diesen lautet: Waren Geistliche wie Fallize, wie von katholischer Seite manchmal dargestellt, nur Kinder ihrer Zeit, die geprägt war von den heftigen Auseinandersetzungen der Luxemburger Variante des „Kulturkampfs“ zwischen Kirche und Liberalismus? Waren die antisemitischen Ausfälle, die sich auch in der Luxemburger katholischen Presse fanden, also nur Reaktionen in einer Auseinandersetzung, die von beiden Seiten mit harten Bandagen geführt wurde?

Dass der Antisemitismus im Kulturkampf instrumentalisiert wurde, hindert nicht, dass er „authentisch“ war, dass die katholischen Zeitungsredakteure überzeugt waren von dem, was sie schrieben. Hinter dem Antisemitismus der katholischen Presse verbarg sich die Absicht, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die Errungenschaften der Französischen Revolution in Frage zu stellen. Judentum wie auch Freimaurertum, Liberalismus und Sozialismus stellten die, durch die Französische Revolution bereits geschwächte, Macht der Kirche in Staat und Gesellschaft weiter in Frage.

Der Antisemitismus war daneben auch ein Ausdruck der Ablehnung des Gleichheitsprinzips. In Luxemburg hatte die Revolution, als logische Konsequenz aus dem ihr zugrundeliegenden Gleichheitsgedanken, bereits relativ früh die jüdische Emanzipation, also die rechtliche Gleichstellung jüdischer mit nicht-jüdischen Bürgern, gebracht. Später, unter Wilhelm I., wurde auch das Prinzip der Religionsfreiheit und der Gleichbehandlung der religiösen Gemeinschaften, zumindest auf dem Papier, in Geltung gesetzt. Die katholische Kirche hatte nun in Luxemburg keine Monopolstellung mehr, und ihr Einfluss auf staatliche Einrichtungen, wie etwa das Schulwesen, wurde zunehmend in Frage gestellt. Als sich auch in den deutschen Bundesländern die jüdische Emanzipation nach und nach durchsetzte, setzten sich gewisse christliche Kreise gegen diese Entwicklung zur Wehr. [1] Obwohl die Emanzipation in Luxemburg schon seit Jahrzehnten Wirklichkeit war, machte auch die Luxemburger katholische Presse von den Argumenten der deutschen Emanzipationsgegner Gebrauch.

Antisemitismus im 19. Jahrhundert

Das Judentum wurde von diesen katholischen Kulturkämpfern aber auch mit den neuen wirtschaftlichen Entwicklungen seit der Revolution in Verbindung gebracht, die durch die Abschaffung des Zunftsystems und die Einführung der Gewerbefreiheit in Gang gesetzt worden waren. Der Kampf gegen Pauperisierung und andere soziale Folgen des Kapitalismus wurde nicht nur von der sozialdemokratischen, sondern auch von der katholischen Arbeiterbewegung geführt. Beide formulierten eine antikapitalistische Kritik, die auch jüdische Industrielle und Financiers visierte und in die deshalb antisemitische Elemente einfließen konnten. Von manchen ihrer Vertreter wurden Verschwörungstheorien übernommen, nach denen das Judentum mit seinen Finanzmitteln die Macht über die ganze Welt besaß.

Die grundsätzliche Frage bleibt bestehen, weshalb die katholischen Schreiber sich gerade des Antisemitismus als Vehikel ihrer antimodernistischen Propaganda bedienten. Eine Ursache hierfür könnte gewesen sein, dass hinter den neuen Formen des Antisemitismus, die sich in Theorien über eine jüdisch kontrollierte Presse oder Hochfinanz ausdrückten und die manchmal bereits rassistische Aspekte aufwiesen, der traditionelle, religiöse Antisemitismus keineswegs verschwunden war. Anti-Talmudismus sowie Verdächtigungen von Ritualmord und Hostienschändung erlebten in der katholischen Presse vor der Jahrhundertwende eine Renaissance. Auch der christliche Zorn über die „Verstocktheit der Juden“, die Christus nicht als Messias anerkennen wollten und deren Vorfahren ihn sogar ans Kreuz genagelt hatten, war zu dieser Zeit noch präsent.

Das Phänomen des Antisemitismus war in vielen europäischen Ländern anzutreffen. Anders als in den Nachbarländern, wo sich antisemitische Tendenzen auch in anderen ideologischen Strömungen zeigten, war es aber in Luxemburg die katholische Presse, die antisemitische Vorstellungen in die große Masse hineintrug und so das Terrain für den gesellschaftlichen Antisemitismus des 20. Jahrhunderts bereitete. Sozialdemokratisch orientierte Zeitungen tauchten in Luxemburg erst um die Jahrhundertwende auf, darin zeigten sich bis zum Ersten Weltkrieg jedoch kaum antisemitische Denkweisen. Außerdem waren sie weit weniger verbreitet als die katholische Presse.

Léon Dehon, der Begründer der „Herz-Jesu“-Ordensgemeinschaft, schöpfte für seine Veröffentlichungen und Konferenzen in antisemitischen Schriften. (Quellen: WikiCommons, Gallica)

Der Fall des Pfarrers und Zeitungsredakteurs Jean-Baptiste Fallize stellt in diesem Kontext ein interessantes und aufschlussreiches Beispiel dar. Fallize, einer der führenden Redakteure und, von 1884 bis 1887, sogar Hauptschriftleiter des „Luxemburger Wort“, [2] war zugleich Herausgeber der Blätter „Luxemburger Sonntagsblatt“, „Luxemburger Volksblatt“ und „Marienkalender“. 1887 verließ er Luxemburg, um in Norwegen Bischof zu werden. Er hatte also eine sehr starke mediale Position inne, die er benutzte, um seine konservativen christlichen Ansichten zu verbreiten. Im „Luxemburger Wort“ wurden in dieser Zeit häufig Auslandsbeiträge mit Themen wie jüdische Emanzipation, Wuchervorwürfe gegenüber Juden, Berichte zu angeblichen Ritualmorden, zu jüdischer Verschwörung und Weltherrschaft und den unheilvollen Verbindungen zwischen Judentum, Freimaurerei, Liberalismus und Sozialismus abgedruckt. Auch die Aktivitäten antisemitischer Parteien fanden Erwähnung. Im „Volksblatt“ war die Sprache oft noch aggressiver als im „Wort“, während in den beiden anderen Blättern antisemitische Darstellungen seltener und moderater waren.

Antisemitische Galaxie

Flammang stellt in seiner Erwiderung die Aussage, Fallize sei ein notorischer Antisemit gewesen, als „Fälschung“ hin; er selbst fügt jedoch in Klammern „am Sënn vum rassisteschen Antisemitismus aus den 1930er Joeren“ hinzu. Dass Fallize Antisemit in diesem Sinne gewesen sei, war im „woxx“-Beitrag auch nicht behauptet worden. Natürlich kann man den Antisemitismus des 19. Jh. nicht mit dem der 1930er-Jahre gleichsetzen. Allerdings ist es notwendig, sich Gedanken über die kausalen Zusammenhänge zwischen beiden und über die Ursprünge der rassistischen Form des Antisemitismus zu machen, was die Geschichtswissenschaft ja auch seit Jahrzehnten tut.

Fallize steuerte seinen Teil zu der Flut antisemitischer Äußerungen bei, die sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jh. überall in Europa über die Leserschaft der katholischen Blätter ergoss. Entsprechendes gilt auch, etwas später, für den Franzosen Léon Dehon (1843-1925), den Begründer der oben genannten „Herz-Jesu“-Kongregation. Anders als Fallize versuchte Dehon, einen ideologischen Überbau für seine antisemitische Haltung zu liefern. In seinem „Manuel social chrétien“ etwa widmete sich Dehon sozialen Themen wie dem Kindsmord, den Nöten der jugendlichen Arbeiter oder dem Alkoholismus und fand die Ursache dieser sozialen Übel im Individualismus, im Sozialismus, im Freimaurertum und in der „jüdischen Invasion“. [3]

Dehon berief sich bei seinen Aussagen über das Judentum auf antisemitische Autoren, wie Rohling und Stöcker in Deutschland oder Drumont in Frankreich. Interessanterweise zitiert Flammang in seinen Posts als Beleg für die jüdischen Attacken, gegen die sich die Kirche im 19. Jh. zu wehren gehabt habe, den Text „Discours d’un Rabbin“. In diesem, einem jüdischen Rabbiner zugeschrieben Text, auf den sich die antisemitische Presse immer wieder bezog, wurde die Kirche als Feindin des Judentums hingestellt, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gelte, mit Kriegen und Revolutionen, aber auch mit Handel und Kredit. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Flammang den Auszug aus Dehons Schriften kopiert hat, denn er erscheint wortgetreu in dessen Konferenztexten „La rénovation sociale chrétienne“ (dritter Band). Das bedeutet jedoch, dass er, genau wie Dehon, einer Fälschung aufgesessen ist. Dehon nennt „Sir John Readclif“ (Retcliffe war das Pseudonym für Hermann Goedsche) als Verbreiter der „Rede des Rabbiners“. Tatsächlich handelt es sich um einen Auszug aus dessen Roman „Biarritz“, der in der Folgezeit als historische Wirklichkeit dargestellt und später auch in den „Protokollen der Weisen von Zion“ verarbeitet wurde. [4]

Der Historiker Paul Airiau schreibt: „Les sources dehoniennes […] puisent à tous les courants de l’antisémitisme, à l’exception du racisme biologique. Quoiqu’il s’inscrive dans le cadre de la construction accélérée de la démocratie chrétienne après 1891, le père Dehon participe donc d’une galaxie antisémite où il possède des inflexions propres, mais dont il exploite abondamment presque tous les ingrédients.“ [5]

Hätten sich aber katholische Geistliche in dieser Zeit überhaupt anders positionieren können? Trotz seiner zentralistischen Struktur äußerte sich der Katholizismus nicht ideologisch einheitlich. In Luxemburg hielt sich die Kirche in ihrem offiziellen „Kirchlichen Anzeiger“ völlig mit Angriffen auf das Judentum zurück – ähnlich wie in anderen Ländern. Und im Ausland gab es katholische Zeitungen, die Antisemitismus klar ablehnten, und Bischöfe, die Ritualmordbeschuldigungen entgegentraten oder sich für die Opfer der russischen Pogrome einsetzten. [6]

Mit der Thematisierung dieser historischen Phänomene hat sich die Luxemburger katholische Welt jahrzehntelang schwergetan. Einige Ausnahmen gibt es: So hat Edouard Molitor in seiner Biografie über Fallize eine „Anwallung des damals populären Antisemitismus“ erwähnt. [7] Insgesamt fehlt aber von dieser Seite bis jetzt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Quellen. In der Folge des päpstlichen Schuldbekenntnisses hat sich jedoch auch die Luxemburger Kirche im Jahr 2000 für die antisemitischen Tendenzen des Luxemburger Katholizismus und das antisemitische Verhalten in der katholischen Presse und in den katholischen Strömungen entschuldigt. [8] Die Haltung mancher katholischer Würdenträger gegenüber dem historischen Antisemitismus entbehrt deshalb nicht einer gewissen Widersprüchlichkeit.


[1] Heinen, Ernst: Antisemitische Strömungen im politischen Katholizismus während des Kulturkampfes, in: Heinen, Ernst / Schoeps, Hans Julius (Hg.): Geschichte in der Gegenwart. Festschrift für Kurt Kluxen zu seinem 60. Geburtstag, Paderborn 1972, S. 259-300, hier S. 262-263.
[2] Molitor, Édouard: Monseigneur Dr. Johann Olav Fallize: ein Kämpfer für das Reich Christi, Luxemburg 1969, S. 38-39.
[3] Alle hier erwähnten Texte Dehons befinden sich auf http://dehondocsoriginals.org, Stand: 03.08.2017.
[4] Airiau, Paul: Les sources textuelles de la pensée judéophobe du père Dehon, in: Ledure, Yves (Hg.) : Catholicisme social et question juive. Le cas Léon Dehon 1843-1925 (Culture et religion), Kindle-Edition, Positionen 2640-2646; Girardet, Raoul: Mythes et mythologies politiques, Paris 1986, S. 25-27.
[5] Ebda, Positionen 2543-2546.
[6] Greive, Hermann: Die gesellschaftliche Bedeutung der christlich-jüdischen Differenz. Zur Situation im deutschen Katholizismus, in Mosse, Werner E. (Hg.): Juden im Wilhelminischen Deutschland. 1890-1914, o. O. 1998, S. 349-388, hier S. 376; Heinen, Strömungen, S. 271, 283, 297.
[7] Molitor, Monseigneur, S. 40.
[8] Demandes de pardon aux juifs, abgedruckt in: Hellinghausen, Georges: Le dialogue judéo-chrétien de l’après-guerre et ses perspectives au Luxembourg, in: La présence juive au Luxembourg. Du moyen âge au XXe siècle, o. O. 2001, S. 105-112, hier 110-111.

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