Klaviermusik:
 Hämmern zum 88.


Auch dieses Jahr feiern die Rotondes die Piano Days – und laden diesmal neben dem Jungtalent Martin Kohlstedt auch die Newcomer von Sielle ein.

Kann Kunst und Kommerz: Martin Kohlstedt. (Foto: Konrad Schmit)

Seit 2016 gibt es die Piano Days – initiiert von dem deutschen Pianisten und Komponisten Nils Frahm finden sie weltweit um den 29. März statt. Warum gerade an diesem Tag? Weil der 29. März der 88. Tag des Jahres ist und ein Klavier 88 Tasten hat. Laut Frahm geht es bei den Piano Days nicht nur darum, das Klavier als Instrument zu zelebrieren; gefeiert werden sollen auch alle, die mit ihm verbunden sind: Musiker*innen, Instrumentenbauer*innen oder einfach nur Liebhaber*innen.

Für ihre Ausgabe des internationalen Klaviertags haben sich die Rotondes ganz auf die Jugend ausgerichtet und mit Martin Kohlstedt einen ziemlich untypischen Pianisten eingeladen, der keine Kompromisse mit seinem Instrument macht. Geboren 1988 in einem kleinen thüringischen Nest namens Breitenworbis, macht der Künstler keinen Hehl daraus, dass die Natur und die Wälder seiner Kindheit immer noch eine wichtige Inspirationsquelle für ihn sind. Nach einer Ausbildung an der Bauhaus-Universität in Weimar folgte sein Debut in verschiedenen Bandprojekten; seit 2012 ist er jedoch vornehmlich solo unterwegs. Drei Alben hat er seither veröffentlicht: „Tag“ (2012), „Nacht“ (2014) und „Strom“ (2017). Zu den ersten beiden Platten veröffentlichte er in den Folgejahren zudem noch Remix-Versionen. Dass sich Kohlstedt den elektronischen Elementen nicht verschließt, rückt ihn in die Nähe von Niels Frahm, der seine Kompositionen auch mit Beats und anderen Elementen anreichert.

Eine gewisse Dunkelheit und Melancholie sind die Grundstimmung in seiner Musik – die eher auf Dur setzt als versucht fröhlich zu klingen. Trotzdem kommt ihm nie die Dynamik abhanden; schnelle Läufe wechseln sich mit Phasen stiller Kontemplation ab. Und immer wieder findet die Natur ihren Weg in seine Stücke – sei es Vogelgezwitscher, das zwischen den Tönen ertönt, oder Regentropfen, die man im Hintergrund fallen hört. Stilistisch gesehen ist Kohlstedt schwer festzulegen: Einige Stücke könnten durchaus auf einer zeitgenössischen Jazzplatte erscheinen (zumal mit skandinavischem Jazz – man denkt bisweilen an die experimentierfreudigen Schweden von E.S.T.), während andere Momente dann doch eher klassische Inspirationen erkennen lassen. Dies liegt vielleicht auch daran, dass Kohlstedt sich einen Namen als Arrangeur und Komponist für kommerzielle Zwecke gemacht hat, von Computerspielen bis zu Imagefilmen und Festivals garniert er vieles mit Musik. Diese Auftragsarbeiten verlangen sicherlich eine gewisse Indifferenz und erklären vielleicht, dass er sich als Künstler schwer einfangen lässt. Wie dem auch sei: live ist Martin Kohlstedt sicher ein Erlebnis; in den Aufnahmen, die das Internet zu bieten hat, erlebt man einen Musiker, der mit seinem Klavier geradezu verschmilzt, es ebenso zart wie auch sehr hart bearbeiten kann.

Ein Blick auf die Vorgruppe lohnt sich übrigens auch, denn Sielle ist zwar neu auf dem Markt, doch keineswegs unerfahren. Hinter dem Tasteninstrument sitzt der Gitarrist und Klavierspieler der Local Heroes von Heartbeat Parade, der sich für dieses neue Projekt mit einer Sängerin zusammengetan hat und nun weit leisere Töne von sich gibt als zuvor mit seinen Post-Metal-Kollegen. Dieses Konzert wird für Sielle auch etwas wie eine Feuerprobe: Ihr erstes Album „Étincelante douleur“ erscheint in Kürze.

Am 30. März in den Rotondes.

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