Kolumbien
: Ein Hauch von Versöhnung


Ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer der Guerilla Farc werden unweit von Bogotá zu Bodyguards ausgebildet. Sie sollen ihre einstigen Kommandanten schützen – aber auch linke Journalisten und Gewerkschafter.

Aus den Bergen auf die Schulbank: 
Ehemalige Gueriller@s der Farc in der Ausbildung zum staatlichen Bodyguard. (Foto: Knut Henkel)

Über dem von vier Säulen getragenen Eingangsbereich zum Ausbildungsgebäude in Facatativá prangt ein buntes Transparent, auf der die Silhouette eines Scharfschützen abgebildet ist. Darunter steht „Centro Internacional de Escoltas“ – „Internationales Zenrum für Begleitschutz“, noch weiter unten dann in fetten Buchstaben: „S.W.A.T.“ Die Versalien stehen für „Special Weapons and Tactics“ (Spezielle Waffen und Taktiken) und die kommen im Ausbildungscamp von Facatativá auch zur Anwendung.

„Wir bilden hier Personenschützer aus und das Besondere ist, dass alle im derzeit laufenden Kurs Ex-Guerilleros sind“, erklärt O.P. Gallego. Er ist einer der Ausbilder und trägt das dunkle, langärmelige Shirt der „Unidad Nacional de Protección“ (UNP), der staatlichen Agentur, die linke Politiker, Journalisten und Gewerkschaftler schützen soll. Bezahlt wird das Ganze von der kolumbianischen Regierung, aber auch international wurden Geldmittel eingeworben. Das Programm selbst ist ein Verhandlungserfolg der Farc, die nach einigen schlechten Erfahrungen mit der Armee auf vertrauenswürdigen Schutz für ihr einstiges Führungspersonal gedrängt hatte.

Gallego trägt beige Cargo-Hosen und ist im Gegensatz zu den Farc-Azubis bewaffnet. Dreizehn Ausbilder, darunter Polizisten, Ex-Militärs und ehemalige Mitarbeiter des kolumbianischen Geheimdienstes „DAS“ (Departamento Administrativo de Seguridad) geben hier Kurse in den insgesamt vier Seminarräumen oder üben auf dem weitläufigen Gelände rund um das Schulungsgebäude, wie man gefährdete Personen vor Angriffen schützt.

Selbstverteidigung steht dann auf dem Programm, ebenso Fitness, Kampfsport oder der Umgang mit Autos und Motorrädern. Die Ausbilder kümmern sich darum, dass ihre Schülerinnen und Schüler fit für den Einsatz im Extremfall sind. Mit Waffen und Attrappen wird hier trainiert. Aber es wird auch gelehrt, wo der menschliche Körper verwundbar ist, wie Angreifer schnell außer Gefecht gesetzt und wie die zu schützenden Personen schnell in Sicherheit gebracht werden können.

Einen Monat haben die dreizehn „Instructores“ – Ausbilder – Zeit, um die derzeit rund 350 Auszubildenden fit zu machen. Kein leichtes Unterfangen, auch wenn Gallego den Farc-Azubis bereits bei ihrer Ankunft gute körperliche Fitness und Motivation bescheinigt. „Aber einige sind noch nie Auto gefahren, der Wechsel von den Bergen, wo die meisten im Einsatz waren, in die Stadt hat es in sich“, berichtet der kräftige Mann mit den optimistisch blinzelnden Augen. Im Anschluss stehen daher weitere Kurse auf dem Programm, erklärt der Ausbilder und macht sich auf den Weg zum Appellplatz, wo die angehenden Bodyguards sich vor dem Mittagessen versammelt haben.

Bevor P.P. Parra, der Direktor des UNP-Camps, die Farc-Azubis zum Mittagessen entlässt, will er noch den Leitspruch der UNP über das Areal schallen hören. „En defensa de la vida humana“ – „zur Verteidigung des menschlichen Lebens“ – rufen die Personenschützer in spe ihm halblaut entgegen. Erst bei der dritten Wiederholung ist Instructor Gallego mit Lautstärke und Inbrunst zufrieden.

„Wir stehen für vollkommen andere Werte als die Farc.“

„Das gehört schlicht dazu. Wir stehen für vollkommen andere Werte als die Farc und dass muss den Leuten in jeder Minute klar sein: Hier geht es um die Verteidigung des Lebens, nicht darum, den Gegner kampfunfähig zu machen“, erklärt Gallego ein wenig später. Früher war er für den Geheimdienst DAS im Einsatz. Nach dessen Auflösung kam er erst beim Militär unter und seit etwa drei Jahren ist er bei der UNP für die Ausbildung zum Personenschutz zuständig.

Zwei Kurse, einer mit rund 460, der andere mit rund 350 Teilnehmenden sind in Facatativá bisher gelaufen. Deren Absolventinnen und Absolventen sollen künftig die ehemaligen Comandantes der Farc-Guerilla schützen.. Das bedeutet im Extremfall Begleitung rund um die Uhr, gepanzerte Geländewagen, wechselnde Wohnungen, abhörsichere Kommunikation und so fort. All das lernen die Bodyguards, in Kolumbien „Escoltas“ genannt, auf dem abgelegenen Anwesen über der Provinzstadt Facatativá. Die befindet sich rund eine Fahrtstunde von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá und gilt als die heimliche Schnittblumenmetropole des Landes. Hier werden Nelken und Rosen en Gros geerntet und per Frachtflugzeug in die USA und nach Europa geflogen. Aus dem Ausbildungscamp der UNP hat man einen guten Überblick über die glitzernden Treibhäuser weiter unten im Tal.

Oben geht es hart, aber herzlich zu. Der Ton zwischen „Instructores“ und den Farc-Azubis ist überraschend freundschaftlich. „Dass muss so sein, denn wir wollen schließlich alle unser Körnchen zum Frieden in Kolumbien beitragen“, betont Juri Carmargo, ein 34-jähriger Ex-Guerillero auf dem Trainingsplatz. Hinter ihm steht ein ausrangierter Wagen mit einigen Einschusslöchern, links von ihm die Containerstapel, wohinter sich Materialdepots, aber auch Schlafplätze verbergen. Darauf prangt wieder der Schriftzug „S.W.A.T.“.

„Wir sind hier ein Beispiel dafür, dass Versöhnung möglich ist. Alle verhalten sich professionell und es herrscht eine menschliche Wärme, die ich so nicht erwartet hätte“, sagt der Mann, der schon bei der Farc als Bodyguard tätig war und Comandantes wie Raúl Reyes oder Alfonso Cano mit seinen Kollegen geschützt hat. Meist im Süden Kolumbiens, in Verwaltungsbezirken wie Meta und Cauca, aber in seinen fast 21 Jahren bei der Guerilla ist Juri viel rumgekommen in seinem Land. Der kräftige Mann, der seinen zivilen Namen lieber nicht preisgegeben will, kennt es besser als viele andere Kolumbianer. Ein Vorteil, der ihm bei seinem neuem Job zugutekommen kann. „Meine Papiere sind schon sauber – ich bin jetzt ganz offiziell ein staatlicher Mitarbeiter. Ganz legal und darauf bin ich stolz“, erklärt der Ex-Guerillero mit rauer Stimme.

Das gilt für viele der Ex-Guerilleros und Guerilleras, die auf dem Weg zurück in die Zivilgesellschaft sind. „Sie sind sehr motiviert“, gibt Camp-Direktor Parra ohne Umschweife zu. „Einstellung und Umgang der Farc-Azubis sind top. Wir fangen morgens um sieben mit dem Unterricht an, da haben die angehenden Bodyguards aber schon das Frühstück und etwas Fitness hinter sich“, erklärt der Mann von Anfang Fünfzig. Er geht davon aus, dass noch zwei Ausbildungskurse anstehen, bis ausreichend Bodyguards für die ehemaligen Guerilla-Anführer ausgebildet sind.

Laut Friedensvertrag sollen bis zu 1.200 „Escoltas“ für die ehemaligen Guerillera-Comandantes zur Verfügung stehen. Allerdings ist es bei der Ausbildung der Ex-Guerilleros und deren offizieller Anerkennung als Staatsbedienstete zu Verzögerungen gekommen. Das gilt auch für viele weitere im Friedensabkommen fixierten Vereinbarungen, die noch auf ihre Umsetzung warten. „Wir denken, dass wir im Frühjahr den letzten Kurs beenden werden“, erklärt Fernando Mora, Direktor der UNP. Die hat extra eine neue Abteilung gründen müssen, weil die Ex-Guerilleros dem bisherigen Personal nicht vertrauten.

Kein Wunder, wenn man weiß, dass die Militärs in Kolumbiens Geschichte mehrfach Friedensverhandlungen torpediert und gegen die Guerilla oder ihre zivilen Organisationen wie die „Unión Patriótica“ vorgegangen sind. „Das darf sich nicht wiederholen“, so Juri Carmargo, „und dafür sind wir da“, sagt der 34-jährige. Seine Kollegin Erika Tovar López pflichtet ihm bei. „Wir engagieren uns nun für den Frieden. Dazu gehört es, die Sicherheit unserer Comandantes zu garantieren. Das ist nun mein Job“, sagt die Frau von Mitte dreißig stolz.

Wie ihre Freundin Diulis García gehört López zu den zwanzig Prozent Frauen, die die Ausbildung in einer Männerdomäne auf sich nehmen. Die kleingewachsene kräftige blonde Frau, die ihre langen Haare unter der UNP-Kappe festgesteckt hat, ist überzeugt, das Richtige zu tun. Eben hat sie gelernt, wie sie einem Gegner die Pistole aus der Hand winden kann. „Hier durchlaufen wir eine Ausbildung, um unsere Schutzperson zu verteidigen. Beim Farc-Training in den Bergen absolvierten wir hingegen eine Kampfausbildung. Das sind zwei verschiedene paar Schuhe“, meint die Frau, die fast zwanzig Jahre für die Farc im Einsatz war.

Nun muss sich López neu orientieren, sich an die Kälte in Bogotá gewöhnen, an die Fahrzeuge, die sie alsbald lenken soll, aber auch an Laptop und Mobiltelefon. Ausbilder Gallego eilt vorbei. Im Vorbeigehen gibt er einem angehenden Personenschützer noch einen kurzen Klaps und ermahnt ihn mit dröhnender Stimme bei der Theorie besser aufzupassen. Ganz pädagogisch und durchaus nett.

Knut Henkel berichtet für die woxx 
aus Lateinamerika.

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