Kolumbien
: Mörderisches Megaprojekt

Bewaffnete Banden sind für die Bevölkerung Kolumbiens vielerorts ein Problem. An der Bucht von Buenaventura steckt hinter dem Terror der Gangs aber wohl ein besonderes Kalkül: Die Menschen sollen weichen, damit der Containerhafen vergrößert werden kann. Doch es gibt auch Widerstand – und der erweist sich als gut organisiert.

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Dem mörderischen Alltag trotzen: 
Die Bewohner von Puente Nayero widersetzen sich erfolgreich dem brutalen Diktat der kriminellen Banden. (Fotos: Wolf-Dieter Vogel)

Die Angst ist geblieben. Und die Erinnerung. Jede Nacht die Schreie, die ständigen Drohungen und immer wieder die Schusswechsel. „Wie eine kleine Armee standen die schwer bewaffneten Männer auf der Straße“, sagt Orlando Castillo. Dann zeigt er auf eine Lücke zwischen den Hütten, die auf Pfählen aus dem Wasser ragen. „Da stand das Schlachthaus“, sagt der 36-Jährige. „Hier haben die Killer ihre Opfer gefoltert, bei lebendigem Leib zerstückelt und die Körperteile ins Meer geworfen.“ Gleich neben seiner Tür, unter dem brüchigen Steg, der seine Hütte mit den anderen aus Holzbrettern und Wellblech gezimmerten Bauten verbindet. Zwischen Plastikflaschen, Stofffetzen und den Booten der Fischer schwammen die Reste der Leichen im Dreck.

Das Schlachthaus kannten alle in Puente Nayero, einem Straßenzug in der südkolumbianischen Hafenstadt Buenaventura. Wer kein Schutzgeld zahlte oder sich den Kriminellen in den Weg stellte, landete dort. Niemand sprach darüber. „Wir haben uns kaum aus dem Haus getraut“, erinnert sich Merci Caisero. „Man konnte nicht mal ans Meer gehen.“ Auf Schritt und Tritt terrorisierten die Männer der Jugendbanden die Menschen auf der Straße. Auch die Kinder und die Alten. Wie die meisten hier musste die 37-Jährige das Viertel schon mehrmals für längere Zeit verlassen. Das Leben war einfach zu gefährlich geworden.

Heute ist alles anders. Caisero, Mutter zweier Kinder, verkauft vor ihrem Haus wieder Würstchen mit Kartoffeln, die Fischer gehen ihrer Arbeit nach und auch der Soziologe Castillo muss nicht mehr fürchten, vor seiner Hütte von den Bewaffneten angegriffen zu werden. Denn im April letzten Jahres vertrieben die Anwohner die „Bacrims“, wie viele die Verbrecherbanden nennen. Sie zerstörten das grausame Schlachthaus und erklärten das Gebiet zur „Humanitären Zone“. Das Tragen von Waffen war von nun an verboten. In den kleinen Kanälen, über die die Kriminellen vom Meer aus eindringen könnten, bauten sie dichte Holzzäune. Wer jetzt nach Puente Nayero will, muss sich an dem großen rot gestrichenen Tor kontrollieren lassen, das Tag und Nacht bewacht wird. Ein Transparent, das am Eingang über den Schotterweg gespannt ist, stellt klar: „Lebensraum – ausschließlich für die Zivilbevölkerung.“

In den Stadtteilen entscheiden unsichtbare Grenzen über Leben 
und Tod.

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Einer der „Architekten“ der Humanitären Zone: Der Soziologe Orlando Castillo. Weil er beim Widerstand der Bewohner gegen die Banden eine sichtbare Rolle spielt, ist sein Leben besonders bedroht.

Rund 1.400 Menschen leben in Puente Nayero. Fast alle sind afrokolumbianischer Herkunft. Der Straßenzug liegt im Viertel La Playita, eine der gefährlichsten Ecken der Stadt Buenaventura, die wiederum als die gefährlichste Kolumbiens gilt. Hier kämpfen die „Urabeños“, die „Aguilas Negras“ und andere kriminelle Banden um den Drogenmarkt und die Kontrolle des Hafens, über den unzählige illegale Waren ins Land gelangen: Gefälschte Jeans, unverzollte Fernsehgeräte, Waffen. In den Barrios, den Stadtteilen, entscheiden unsichtbare Grenzen über Leben und Tod. Wer die Straßenseite an der falschen Stelle wechselt und gegnerisches Terrain betritt, muss damit rechnen, von einem der vielen jugendlichen Auftragskiller ermordet zu werden. Den tropischen Regenwald im Umland kontrollieren die Guerilleros der FARC. Auch sie verüben immer wieder Anschläge in der Stadt.

Für Orlando Castillo ist der Straßenzug ein Vorbild, das Schule machen soll. Aber wie, so fragt man sich, konnten die Bewohnerinnen und Bewohner ausgerechnet hier eine Insel der Sicherheit schaffen? Das sei nur mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen aus Bogotá und des örtlichen Bischofs Hector Epalza möglich gewesen, erklärt er. Epalza hatte schon vorher zu Demonstrationen gegen die Gewalt aufgerufen und konnte Zehntausende mobilisieren. „Durch die Unterstützung des Bischofs blickte die internationale Öffentlichkeit auf uns“, sagt Castillo. Einige Kriminelle seien deshalb von der Polizei festgenommen worden, andere hätten sich zurückgezogen.

Bevor Castillo und seine Leute Puente Nayero zur Humanitären Zone erklärt haben, war das Konzept nur in ländlichen Regionen umgesetzt worden. In den Bundesstaaten Antioquia und Chocó gründeten Kleinbauern solche Schutzdörfer. Paramilitärische Gruppen waren dort gegen die Einheimischen vorgegangen. Sie vertrieben die Campesinos, damit sich Agrarindustrielle auf dem frei gewordenen Land ansiedeln und Bananen oder Ölpalmen anbauen konnten.

Etwa 15.000 Menschen pro Jahr müssen ihr Zuhause verlassen.

Um sich zu schützen, gründeten die Betroffenen Humanitäre Zonen. Das Konzept sieht vor, dass keine Soldaten, Polizisten, Paramilitärs oder Guerilla-Gruppen das Gebiet betreten dürfen. Die Gemeinden berufen sich auf das humanitäre Völkerrecht. Demnach haben bewaffnete Akteure alle Handlungen zu unterlassen, die Zivilisten unnötig in Gefahr bringen. Deshalb muss es eine strenge Trennung zwischen Kombattanten und ziviler Bevölkerung geben. Das Recht gilt für legale Kampfverbände ebenso wie für illegale. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission hat das Konzept der Zonen anerkannt und der ihr angegliederte Gerichtshof verpflichtete die kolumbianische Regierung schon mehrmals, Maßnahmen zum Schutz der Dörfer zu ergreifen. Auch das schafft ein wenig Sicherheit.

Doch für die Menschen in Puente Nayero endet die Sicherheit da, wo das Tor den Schotterweg von der recht befahrenen Asphaltstraße trennt. Jenseits des Zaunes beginnt Feindesland. Zwar ist die Anzahl der Morde etwas zurückgegangen, nachdem Präsident Juan Manuel Santos letztes Jahr mehr Polizisten und Soldaten geschickt hat.

Von Frieden kann indes keine Rede sein. Weiterhin verschwinden Menschen, die wahrscheinlich in „Schlachthäusern“ hingerichtet werden. Keine 500 Meter von Puente Nayero entfernt töteten Banden im Juli dieses Jahres den 15-jährigen Christian Aragón und verletzten dessen Freund Sol Angel Mina so schwer, dass er im Krankenhaus starb. Sie hatten zunächst versucht, Christian zu entführen. Als er sich wehrte, schossen sie. Für die Menschenrechtsorganisation „Justicia y Paz“ aus Bogotá, die die humanitäre Zone unterstützt, ist der Angriff kein Zufall. Christians Eltern, Bewohner von Puente Nayero, hätten dagegen gekämpft, dass die Kriminellen Kinder rekrutieren und Mädchen vergewaltigen, schreiben die Aktivisten und fordern Schutz für die Anwohner.

Auch Orlando Castillo lebt außerhalb seines Barrios gefährlich. Immer wieder erhält er Morddrohungen. „Die Ausrufung der humanitären Zone hat mich noch bekannter gemacht“, sagt er. Sein freundlicher Blick, die sanften Gesichtszüge und seine klare politische Haltung lassen kaum erahnen, welche Angst die Drohungen in ihm hervorrufen. Vielleicht ist es die Hilfe seiner Familie, die ihn das alles durchstehen lässt. Seine Schwester, sein Vater, alle kämpfen für ein gewaltfreies Puente Nayero. Ihr Haus haben sie zur Verfügung gestellt, damit Unterstützer aus der Hauptstadt und dem Ausland einen Platz zum Schlafen haben.

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Die Expansion des Hafens lässt die Menschen von Puente Nayero auch hoffen: Nicht nur die Würstchenverkäuferin Merci Caisero sehnt sich nach einem auskömmlicheren Verdienst.

Nur sehr zurückhaltend redet Orlando Castillo über die Momente, in denen ihm zum Heulen zumute ist. Darüber, dass er häufig Gott um Hilfe bittet und sich schuldig fühlt, weil er Angehörige gefährdet. Seine vier Kinder leben schon lange nicht mehr in der Stadt. Vor drei Jahren wurde seine Lebensgefährtin getötet. Eine verirrte Kugel während eines Schusswechsels zwischen Kriminellen sei dafür verantwortlich gewesen, sagt die Polizei. Aber das glaubt Castillo nicht: „Die Paramilitärs verfolgen uns.“ Er spricht nur von „Paramilitärs“. Schließlich seien die „Bacrims“ direkt aus den rechten Truppen hervorgegangen, die in vielen Regionen die Bevölkerung terrorisieren. Für den Soziologen steckt hinter der Gewalt mehr als nur ein Revierkampf. Es gehe um wirtschaftliche Interessen: um den Ausbau des Hafens, der mit allem Mitteln durchgesetzt werden soll.

Am Horizont kündigt sich mit einem lauten Hupen einer der vielen Frachter an, die täglich in die Bucht von Buenaventura einfahren. Zwischen den verletzlich klein wirkenden Holzbooten der Fischer bahnen sich die schwimmenden Kolosse ihren Weg. „China Shipping“, „Evergreen“ oder „Hamburg Süd“ ist auf den Containern zu lesen, die sie transportieren. Von Puente Nayero aus erscheinen Behälter wie unzählige fein säuberlich gestapelte bunte Schuhschachteln. Etwa 600.000 von ihnen werden jährlich hier umgeschlagen.

Der Hafen ist zum wichtigsten in ganz Kolumbien geworden, und angesichts der zunehmenden Geschäfte mit asiatischen Staaten, Chile, Mexiko und den USA gewinnt er weiter an Bedeutung. Spediteure vergrößern ständig ihre Lager, auf jeder Freifläche in Meeresnähe stehen die Metallbehälter. Gesellschaften wie „TC Buen“ oder „Sociedad Portuaria“ werben mit Hochglanzbroschüren, die sauber gestrichene Krananlagen und Frachtkähne zur Schau stellen. Wie sich Stadtplaner die Zukunft Buenaventuras vorstellen, demonstriert eine Wandtafel im Rathaus. Sie zeigt einen modernen Hafen und Hotelanlagen. Wo heute noch die Pfahlbauten der Armen ins Meer ragen, soll eine schicke Promenade für Touristen entstehen.

Bischof Epalza ist skeptisch. Sein Sitz liegt gleich am Hafen. Schaut er aus dem Fenster, blickt er auf die Anlage. Nur wenige Meter entfernt stehen Soldaten hinter Sandsäcken und kontrollieren Fahrzeuge. Auch Metallzäune, Stacheldrahtrollen und Blechwände schützen das Gelände. Der Geistliche sieht einen Zusammenhang zwischen dem hochgesicherten und prosperierenden Hafen und dem Terror der Banden. „Da agieren mächtige Personen im Hintergrund“, ist er überzeugt. Dann verweist er auf die vielen Menschen, die wegen der Gewalt aus ihren Vierteln flüchten. Etwa 15.000 sind es jedes Jahr, die ihr Zuhause verlassen und in einen anderen Stadtteil ziehen müssen. Die meisten stammen aus den armen Barrios.

Epalza befürchtet, dass die Angriffe der Banden auch zum Ziel haben, Anwohner zu vertreiben, die der Verwertung im Wege stehen. Genau das sei schließlich die Aufgabe der paramilitärischen Gruppen in Antioquia und dem Chocó gewesen. „Die Leute sollen ihre Häuser verlassen, um die geplanten Bauarbeiten durchführen zu können“, vermutet er. Aktivist Castillo unterstreicht das: „Immer wenn die Leute aus einem Ort geflüchtet sind, beginnen ein paar Monate später die Arbeiten an dem Megaprojekt.“ Den Unternehmern traut er ziemlich viel zu. So sei etwa ungeklärt, warum im vergangenen Jahr das Viertel Santa Fe abgebrannt sei. „Vieles spricht dafür, dass Paramilitärs gezündelt haben“, meint er. Schließlich lagere TC Buen gleich nebenan Container und wolle sich schon lange weiter ausdehnen. Bereits in den Neunzigerjahren habe die Polizei den damaligen Chef des Unternehmens mit der Mafia in Verbindung gebracht.

Von den enormen Steuereinnahmen aus dem Hafen bleibt nur ein Prozent in der Stadt.

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Je größer die Containerschiffe, desto mehr Platz wird zum Löschen der Ladung gebraucht: Ein Resultat ist die mörderische Vertreibungspolitik.

Wer bei TC Buen nachfragen will, muss aus der Stadt hinaus fahren, sich am Betriebstor von der Polizei kontrollieren lassen und dann ziemlich lange warten. Zwischen Lagerhallen und Fuhrparks liegt das Gebäude der Firma, und während draußen die tropische Sonne brennt, sorgt in Gabriel Corrales Büro die Klimaanlage für kühle Luft. Die Vorwürfe von Bischof Epalza und den Aktivisten weist der Geschäftsführer der Firma naturgemäß von sich. „Niemand muss befürchten, dass wir ihn vertreiben“, sagt er. Im Gegenteil: Durch die Investitionen im Hafen seien mehr als 700 Arbeitsplätze geschaffen worden. Davon profitierten auch kleine Unternehmen. Corrales setzt auf Modernisierung: „Gerade dort, wo es keine Beschäftigung gibt, ist es doch besonders unsicher.“

Zurück in Puente Nayero. Castillo hat es jetzt ein wenig eilig. Gleich beginnt die Versammlung der Anwohner – wie jeden Samstagnachmittag. Vor dem Haus der Castillos stellen ein paar Damen bereits Plastikstühle auf den Schotterweg, zwei junge Frauen testen die Lautsprecheranlage. Heute soll es wieder um Sicherheitsvorkehrungen gehen. Doch bevor der 36-Jährige zu seiner Rede vor den versammelten Nachbarn anhebt, will er noch etwas klarstellen. Der Hafen erwirtschafte hohe Steuereinnahmen, von denen aber nur ein Prozent in der Stadt bleibe, die immerhin 400.000 Menschen beherberge. Das treffe besonders Afrokolumbianer, die vier Fünftel der Bevölkerung stellten. „Wir wehren uns nicht gegen die Entwicklung Buenaventuras, aber wir müssen mit einbezogen werden“, betont er.

Das sieht auch Merci Caisero so. Aber sie geht nicht zur Versammlung, weil sie ihre Würste nicht alleine lassen kann. Vor ihrem Haus riecht es nach Gebratenem, hinter dem Holzverschlag wartet sie mit ihren kleinen Sohn auf Kundschaft. An der Wand meldet indes ein kleiner Flachbildschirm die neuesten Nachrichten, an einem Plastiktisch spielen ein paar Männer Karten. Wenn es gut läuft, verdient sie mit dem Laden etwa sechs Euro am Tag. Das reicht knapp, um die Kinder über die Runden zu bringen. Sie hätte gar nichts dagegen, wenn die Hafenpromenade gebaut wird. Dann würde sie dort ihre Würste mit Kartoffeln verkaufen. Und vielleicht könnte sie dann sogar den Traum ihrer Tochter erfüllen: Die Dreizehnjährige will Ärztin werden. Auch für Buenaventura hat Caisero eine Vision: „Wenn wir es schaffen würden, dass alle Arbeit haben oder lernen können, wäre Schluss mit der Gewalt. Denn dann hätten alle etwas, von dem sie leben könnten.“

Wolf Dieter Vogel berichtet für die woxx seit vielen Jahren aus Lateinamerika.

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