Legendäre Graphic Novel
: Der ewig Suchende


Nach fast 60 Jahren erscheint „El Eternauta“ von Héctor Oesterheld und Francisco Solano López endlich auf Deutsch. Die bedeutendste Graphic Novel Argentiniens nahm den Staatsterror der argentinischen Militärdiktatur sowie das Schicksal des Autors und seiner Familie vorweg.

Vicente López, ein Vorort von Buenos Aires, im Jahr 1963. Juan Salvo, Besitzer einer kleinen Batteriefabrik, sitzt mit Freunden beim „Truco“, einem in Argentinien weit verbreiteten Kartenspiel, als es zu schneien beginnt. Der vergiftete Schnee, der auf die argentinische Hauptstadt fällt, ist tödlich. Sein Gift dringt durch jede Ritze. Wer ihn berührt, stirbt sofort. Außerirdische haben Buenos Aires erobert.

Die Stadt ist voller Leichen. Fast alles Leben ist erloschen. Mit Hilfe des Schnees sowie mit einer Armee aus gigantischen Käfern und versklavten Wesen von einem anderen Planeten töten die Aliens die meisten Bewohner oder verwandeln sie in Roboter. Juan Salvo, seine Frau, seine Tochter und seine Freunde gehören zu den wenigen Überlebenden. Sie basteln sich Schutzanzüge und ziehen gegen den übermächtigen Feind in den Kampf. Die Gruppe trifft auf die „Manos“, die „Hände“, eine menschengleiche Spezies, welche die Käfer und haushohen Monstren steuert.

Das ist die Geschichte von „El Eternauta“. Es ist die neben „Mafalda“, der legendären Comicfigur des argentinischen Zeichners Quino, wohl bedeutendste und berühmteste Graphic Novel Argentiniens. Der Szenarist Héctor Germán Oesterheld verfasste sie zusammen mit dem Zeichner Francisco Solano López. Zuerst erschien sie von 1957 bis 1959 in dem BD-Magazin „Hora Cero“ als Fortsetzungsgeschichte.

Die Graphic Novel beginnt auf einer Metaebene: Ein Comicautor, als Oesterheld selbst zu erkennen, erhält Besuch von dem Protagonisten Juan Salvo, der aus dem Nichts auftaucht, dem Autor gegenübersitzt und von seinen Erlebnissen berichtet. Die Geschichte, die er erzählt, ist eine Science-Fiction-Geschichte, allerdings nicht im Sinne von Jules Verne den späteren technischen Fortschritt vorwegnehmend, sondern eine negative politische und gesellschaftliche Entwicklung voraussagend. Konkret antizipiert diese Antiutopie ein Trauma, welches das südamerikanische Land bis heute zu bewältigen hat, die durch den Staat ausgeübte Gewalt der 1970er Jahre, der schließlich auch Oesterheld selbst und seine vier Töchter Estela, Diana, Beatriz und Marina zum Opfer gefallen sind.

Die Oesterhelds zählen zu den „Desaparecidos“, den etwa 30.000 Verschwundenen der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Damals, ungefähr zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung von „El Eternauta“, wurde der Autor, der gegen das Regime in den Untergrund gegangen war, zum Protagonisten seiner eigenen Geschichte. „El Eternauta“ hat im Kontext der Geschichte Argentiniens eine prophetische Kraft. Vor dem Hintergrund des Schicksals von Oesterheld und seiner Familie ist die Graphic Novel umso beklemmender. Denn sie erzählt vom Kampf eines Familienvaters gegen einen die gesamte Gesellschaft durchdringenden Gegner. Juan Salvo verliert dabei seine Familie und macht sich auf die Suche nach ihr. Für ihn beginnt damit eine Odyssee durch Raum und Zeit.

Wie seine vier Töchter schloss sich Oesterheld den linksperonistischen „Montoneros“ an.

Ein Mann im improvisierten Schutzanzug und mit Taucherbrille, der ein Gewehr geschultert trägt – in Buenos Aires begegnet man diesem Motiv unter anderem als Graffiti-Motiv an Hauswänden oder in U-Bahnstationen. Einige dieser Stencils tragen heute das Gesicht des 2010 verstorbenen linksperonistischen Präsidenten Néstor Kirchner, der sich die juristische Aufarbeitung der Verbrechen während der Militärdiktatur auf die Fahnen geschrieben hatte. Kirchner und seine Frau Cristina Fernández de Kirchner haben die Graphic Novel politisch instrumentalisiert, unter anderem auf Wahlplakaten. Die Linksperonisten haben die Geschichte des linken Peronisten Oesterheld für sich vereinnahmt. Aus „Eternauta“ wurde „Néstornauta“.

Oesterheld hatte sich bereits vor „El Eternauta“ als Comicautor einen Namen gemacht. Der 1919 als Sohn eines deutschstämmigen Vaters und einer aus Spanien stammenden Mutter in Buenos Aires geborene Oesterheld studierte zunächst Geologie und arbeitete danach als Journalist für die Tageszeitung „La Prensa“, bevor er Comicgeschichten zu schreiben begann. Oesterheld schloss sich 1950 dem wichtigsten Comicverlag des Landes, „Editorial Abril“, an, und schrieb die Szenarien für zahlreiche Serien. Es war Mitte der 1940er Jahre, als viele europäische Künstler nach Argentinien flohen. Die Zeit vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis Anfang der 1960er Jahre gilt als die goldene Ära des argentinischen Comics, der sogenannten „Historietas“. Zuerst lehnten diese sich an nordamerikanische Vorbilder an, entwickelten dann aber einen eigenständigen künstlerischen Stil.

Buenos Aires war das Zentrum des lateinamerikanischen Comics. Mit 165 Millionen verkauften Heften pro Jahr war Argentinien nach dem Krieg größer als irgendein nationaler Markt in Europa. Zusammen mit seinem Bruder Jorge gründete Oesterheld 1956 seinen eigenen Verlag, die „Ediciones Frontera“, in dem die Comic-Magazine „Hora Cero“ und „Frontera“ im damals üblichen Querformat herausgebracht wurden.

Oesterheld schuf unzählige weitere Serien. Er arbeitete damals unter anderem mit dem italienischen Zeichner Hugo Pratt zusammen, dem Schöpfer des „Corto Maltese“, der auf Einladung des Verlegers der „Editorial Abril“, Cesare Civita, nach Argentinien gekommen war und der Gruppe italienischer Autoren und Zeichner angehörte, die als „Grupo Venecia“ bekannt war. Oesterheld und Pratt schufen gemeinsam unter anderem die heute kaum noch bekannten Serien „Sargento Kirk“ und „Ernie Pike“, die ebenfalls in „Hora Cero“ erschienen sind.

Unvergessen hingegen ist Oesterhelds „El Eternauta“, das in Zusammenarbeit mit Solano López entstand. Er ist längst nicht nur ein anerkanntes Meisterwerk der BD-Geschichte, sondern zählt außerdem zu den wichtigsten Werken der argentinischen Literatur.

Der Erfolg dieser Graphic Novel ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sie in einer den LeserInnen vertrauten Gegend spielt und nicht in einer fernen Galaxie. Die Straßennamen von Buenos Aires und andere Details wie Metrostationen oder das Fußballstadion von River Plate sind nah an der Realität. Und die Ängste, Sorgen und Hoffnungen der Akteure sind leicht nachvollziehbar angesichts der ihnen feindlich gesinnten Übermacht. Hinzu kommt, dass Juan Salvo kein Superman ist, sondern eher ein Zweifler und gebrochener Held, der vor allem im gemeinsamen Kampf mit seinen Freunden – dem Physiklehrer Favalli, dem Bankangestellten Lucas Herbert sowie dem Pensionär und Geigenbauer Polsky – stark ist. Der Comic kann in diesem Sinne als ein Plädoyer für Solidarität und Menschlichkeit gelten – und als ein Symbol für den Widerstand gegen die Diktatur.

Der Comic impliziert zahlreiche Kommentare zur damaligen politischen Lage Argentiniens. Eine Deutungsmöglichkeit von „El Eternauta“ ist neben dem Bezug auf die innergesellschaftliche Situation auch die Referenz an die atomare Bedrohung während des Kalten Krieges. Er kann außerdem gedeutet werden als Kritik am Imperialismus der USA, zu denen das Land vor allem in der Zeit von Präsident Juan Domingo Perón ein angespanntes Verhältnis hatte. Die Nordamerikaner waren die erklärten Lieblingsfeinde der argentinischen Nationalisten dieser Zeit. Die Phase, in der der Comic entstand, zwei Jahre nach Peróns Sturz durch das Militär, fiel schließlich zusammen mit dem Beginn einer langen Phase der Instabilität in Argentinien. Über Jahre wechselten militärische und zivile Regierungen einander ab. Eine weitere Lesart ist somit jene, den Comic als Allegorie auf die Krise des Peronismus zu verstehen.

Die gegnerische Macht tritt in „Eternauta“ nur in Form ihrer Helfer, der Rieseninsekten, Monster und Robotermenschen auf, aber nie selbst in Erscheinung. Sie wird nur SIE genannt. Die Widerstandskämpfer um Juan Salvo fliehen vor ihren Verfolgern in ein Stadion, das von River Plate, und werden dort von Halluzinationen in den Wahnsinn getrieben. Am Ende bleibt ihnen nur die Flucht. Nachdem der Großteil seiner Kameraden getötet oder auch in Robotermenschen verwandelt wurde, versucht Juan Salvo mit seiner Frau und seiner Tochter in einer Raumkapsel der Aliens zu fliehen. Doch er aktiviert dabei aus Versehen eine Zeitmaschine. Die drei werden in unterschiedliche Raum- und Zeitebenen katapultiert. Juan irrt fortan auf der Suche nach seiner Familie durch die Jahrhunderte der Weltgeschichte. Er wird zum „Eternauta“, dem ewig Reisenden, dem ewig Suchenden.

Nach der Veröffentlichung der Graphic Novel gerieten Oesterheld und López in Konflikt mit der argentinischen Regierung. Es kam seitens der staatlichen Behörden zu Versuchen, die beiden einzuschüchtern. López wanderte schließlich aus, während Oesterheld blieb. Er arbeitete an einer neuen Version von „El Eternauta“, mit noch mehr politischen Bezügen. Dieses Mal zeichnete Alberto Brecchia, mit dem er 1968 außerdem eine Comic-Biografie von Che Guevara verfasste, deren Vertrieb jedoch von der Regierung unterbunden wurde.

Szenarist und der Zeichner kooperierten später auch für einen Band über Evita Peron. Die neue Version von „Eternauta“, experimenteller gezeichnet, kam beim Publikum nicht gut an. Später belebten Oesterheld und Solano López die Geschichte wieder. „Eternauta II“ erschien 1976. Als das Militär im selben Jahr erneut putschte, begann die brutalste und verheerendste Diktatur, die Argentinien bisher erlebt hat. General Jorge Rafael Videla hatte zu Beginn angekündigt: „Es müssen so viele Menschen wie nötig in Argentinien sterben, damit das Land wieder sicher ist.“ Oesterheld ging in den Untergrund. Wie seine vier Töchter schloss er sich den linksperonistischen „Montoneros“ an. Bald gehörten sie zu den Verschwundenen. Es wird vermutet, dass Oesterheld 1979 ermordet wurde. Nur von einer Tochter wurde die Leiche gefunden.

Aus seinem Versteck heraus rief Oesterheld zum Widerstand auf. Der Eternauta trägt in der Fortsetzung den zweiten Namen des Szenaristen, Germán. Die Frau, die er beschützt, heißt wie Héctors Tochter Beatriz. Fiktion und Realität sind nun nicht mehr voneinander zu trennen. Während „Eternauta“ zu Beginn also mehr Science-Fiction ist, wirkt die Geschichte in der zweiten Hälfte mehr wie eine Kriegsgeschichte.

Während die Figuren zumindest zu Beginn differenzierter dargestellt sind, werden sie im Laufe der Geschichte aber klischeehafter, ohne allerdings ins reine Helden-Schurken-Schema abzugleiten. Mit der Zeit ergeben sich einige Redundanzen, was auf das ursprüngliche Serienformat zurückzuführen ist. Die Zeichnungen sind realistisch gezeichnet, mit starken Schwarz-Weiß-Kontrasten, was den Effekt verstärkt. Sie zeigen zudem die innere Spannung der Protagonisten ebenso wie das gesellschaftliche Klima. Letzteres ist vom gegenseitigen Misstrauen vergiftet.

So wie der Eternauta verdammt ist, für 
immer seine Familie zu suchen, wissen noch heute viele nicht, was aus ihren Angehörigen geworden ist.

Dass „El Eternauta“ nach so langer Zeit endlich ins Deutsche übersetzt wurde, ist der deutschen Journalistin Anna Kemper zu verdanken. Sie schrieb einen langen Artikel, der im Januar 2015 im ZEIT-Magazin erschienen ist. Er hieß „Auf der Suche nach der verlorenen Familie“ und handelt vom Schicksal der Oesterhelds. Kemper war bereits 2009 auf die Geschichte gestoßen. Sie traf die verbliebenen Familienmitglieder, Oesterhelds im Juni 2015 verstorbene Frau Elsa und die beiden Enkel Martín und Fernando.

Viele Argentinier können sich mit Juan Salvo identifizieren. So wie er dazu verdammt ist, für immer seine Familie zu suchen, wissen noch heute viele nicht, was aus ihren Angehörigen geworden ist. „El Eternauta“ steht also nicht zuletzt für die Aufarbeitung der Diktatur und die Menschenrechtsverbrechen sowie für einen ewig Suchenden. Oesterheld war sicher wegweisend für den Comic als Kunstform. Mit der von Claudia Wente besorgten Übertragung ins Deutsche hat der Avant-Verlag, der übrigens auch die Fortsetzung der Geschichte veröffentlichen will, einen weiteren Schritt unternommen, einen nationalen argentinischen Mythos einem internationalen Publikum über das Ursprungsland hinaus bekannt zu machen.

Héctor Germán Oesterheld & 
Francisco Solano López: Eternauta. 
Avant-Verlag, 392 Seiten.

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