LGBTI-Flüchtlinge in Luxemburg
: Unsichtbar bedeutet nicht geschützt


Die sexuelle Orientierung von Flüchtlingen ist in Luxemburg kaum ein Thema. Gut so, könnte man meinen. Doch das greift ein wenig zu kurz.

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(Photos : Julia Druelle)

Wer von „Flüchtlingsströmen“, „-wellen“, „-fluten“ und sogar „-lawinen“ redet, löscht den Einzelnen mit seinem Leid und seinen Nöten aus. Dies gilt auch für die Situation von lesbischen, schwulen, transgender sowie bi- und intersexuellen (LGBTI-) Flüchtlingen. Rund 175 Millionen Menschen – 2,5 Prozent der Weltbevölkerung – sind gezwungen unter Bedingungen zu leben, die für sie bedrohlich bis lebensgefährlich sind, soweit man in ihrem Umfeld ihre sexuelle Orientierung kennt. Das gilt für etwa ein Prozent von ihnen: 1,75 Millionen Menschen sind willentlich oder unwillentlich unter solchen existenzbedrohenden Bedingungen „geoutet“. Von ihnen schaffen es jedoch laut Schätzungen der Migrations-NGO „Oram“ nur 17.500 jährlich, tatsächlich aus ihrem Herkunftsland zu fliehen. Lediglich 2.500 von ihnen pro Jahr finden schließlich Asyl.

Das ist ernüchternd und verschafft einen ersten Eindruck davon, wie klein die Zahl derer sein mag, die es bis nach Luxemburg geschafft haben. Über genaue Zahlen hierzu verfügt man auf behördlicher Ebene nicht. Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen, „wie wir auch nicht nach der Religion fragen“, sagt Corinne Cahen, die für die Integration der Flüchtlinge zuständige Ministerin.

„Für uns ist die sexuelle Orientierung der Flüchtlinge nicht wichtig“, bestätigt Nathalie Medernach vom OLAI. Auch hier ist das sehr nachvollziehbare Motiv, dass man niemand unter Druck setzen will, genau die Informationen zur Persönlichkeit preiszugeben, wegen derer die Betroffenen in der Vergangenheit diskriminiert worden sind. Gleichermaßen verfährt man bei der Asti, ebenso beim Roten Kreuz, das unter anderem das Centre de Premier Accueil Lily Unden auf Limpertsberg betreut.

In der Tat empfinden es nicht wenige LGBTI-Flüchtlinge als Risiko, sich bei den Behörden des Landes, in dem sie um Asyl ersuchen, zu outen. Einerseits ist die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung in der EU prinzipiell als Asylgrund anerkannt. Andererseits setzt das, was ihnen möglicherweise einen legalen Status verleiht, sie zugleich jener Bedrohung aus, die sie in der Vergangenheit als existenziell erfahren haben. „Das kann dazu führen, dass sie ihren Asylantrag gar nicht auf ihre sexuelle Orientierung aufbauen wollen und diese auch im Alltag nicht leben“, sagt Roby Antony vom schwul-lesbischen Informationszentrum Cigale. Manche Flüchtlinge würden dies laut Antony so entscheiden, auch weil sie sich in den Heimen mit Flüchtlingen aus Ländern zusammenfinden, „die kulturell oder religiös bedingt nicht so positiv gegenüber LGBTI eingestellt sind“.

Das bestätigt auch Irina Fedotova, die in Luxemburg Asyl sucht, nachdem sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in der Russischen Föderation verfolgt worden ist (siehe Interview). Selbst wenn es möglicherweise in Luxemburg nur wenige LGBTI-Flüchtlinge gebe, müssten sich in den Flüchtlingsunterkünften viele verstellen: „LGBTI-Flüchtlinge aus Syrien beispielweise haben sehr viel Angst. Weil um sie herum Menschen aus Syrien sind, und Muslime aus verschiedenen Ländern, von denen einige eben eine homophobe Einstellung haben.“

Das läge zum Teil auch daran, dass die Menschen gar nicht konkret über die Rechte von Homosexuellen in Luxemburg Bescheid wüssten, so Fedotova. Ein Problem, das auch Roby Antony sehr gut kennt: „Je nachdem, wo die Leute her sind, denken sie gar nicht darüber nach, ob und wo es LGBTI-spezifische Hilfen hier in Luxemburg gibt, weil sie das aus ihrem Herkunftsland gar nicht kennen.“ Antony ist sich bewusst, dass das für Behörden und Hilfsorganisationen ein heikles Thema ist. Schließlich gehöre es zum Schutz der Betroffenen, niemand gegen seinen Willen zu outen. Das gelte auch für die Arbeit von Cigale: „Ich werde mich stark hüten, mal eben in ein Heim zu gehen und über Homosexualität zu quatschen.“

1362RegardsThorstenEs bedarf einer gezielten Politik zur Unterstützung der LGBTI-Flüchtlinge, besagt gleichwohl eine Studie der in San Francisco ansässigen NGO „Oram“, die sich die Unterstützung dieser Migranten-Gruppe zur Aufgabe gemacht hat. Sehr häufig gingen Hilfsorganisationen davon aus, dass die sexuelle Orientierung und Gender-Identität der Betroffenen für deren Schutz nicht von großer Bedeutung ist.

Das Gegenteil ist jedoch der Fall, wie die im Juni 2012 veröffentlichte interviewbasierte Untersuchung zur weltweiten Praxis von NGOs gegenüber LGBTI-Flüchtlingen resümiert. Dadurch werde nicht nur die erzwungene Unsichtbarkeit, sondern auch die Verletzlichkeit der LGBTI-Flüchtlinge verstärkt, beklagt Oram. Es komme zu einem „Kreislauf der Exklusion“: Vielen MitarbeiterInnen fehle das Wissen und die Erfahrung, den Betroffenen adäquate Hilfe anzubieten und deren spezifisches Leid zu sehen. Je mehr die Betroffenen andererseits den Eindruck bekämen, dass die HelferInnen nicht verstehen, was es bedeutet, LGBTI zu sein, desto weniger offenbaren sie sich.

„Wir wollen diskutieren, ob es Bereiche gibt, in denen sich die Situation von LGBTI-Flüchtlingen von der heterosexueller Flüchtlinge unterscheidet.“

Auch in Luxemburg bekommt man zu hören, die Lebenslage von LGBTI unterscheide sich nicht von jenen der anderen Flüchtlinge. Dieser Eindruck mag dadurch verstärkt werden, dass es bislang nicht zu aggressiven Handlungen seitens homophober Flüchtlinge gegenüber LGBTI-Personen in den Heimen kam. Das sagen zumindest die MitarbeiterInnen, mit denen die woxx gesprochen hat. Und es spiegelt sich in den Erfahrungen von Irina Fedotova wider, die deshalb auch nicht von einem wirklichen „Problem“ sprechen will. Aber unangenehm seien manche Situationen doch.

Nachdem Fedotova, die als LGBTI-Aktivistin in Russland immer offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgegangen ist, Anfang September dem „Quotidien“ ein Interview gegeben hatte, hätten viele im Lily Unden-Heim Bescheid gewusst: „Es war dann schwierig für mich. Zum Beispiel sitzen im Speisesaal jeden Tag viele Menschen beisammen. Und wenn ich mich an einen Tisch gesetzt habe, dann hat sich niemand zu mir gesetzt, obwohl links und rechts von mir und gegenüber noch Platz war. Niemand wollte neben mir sitzen, und es wurde gesagt, weil ich ‚haram‘ (nicht der Sharia gemäß, „Tabu“; die Red.) sei.“

Aus anderen Städten Europas gibt es Drastischeres zu berichten. „Alle Flüchtlinge, mit denen wir Kontakt haben, haben Angst“, sagt etwa Stephan Jäkel von der Schwulenberatung Berlin, sehr vielen unter den geschätzt vier- bis acht Prozent LGTBI-Flüchtlingen Berlins habe man in den Unterkünften Gewalt angetan. In Berlin-Treptow gibt es daher seit Ende Februar eine Unterkunft ausschließlich für LGBTI-Flüchtlinge. In Amsterdam werden ähnliche Überlegungen angestellt.

„Die Strukturen in Luxemburg sind weniger groß und daher übersichtlicher“, vermutet Corinne Cahen als Grund dafür, dass es in Luxemburg größere Probleme bislang nicht zu geben scheint. Auch die Betreuung durch Sozialarbeiter sei im Großherzogtum engmaschiger organisiert, was womöglich dazu beitrage, dass Konflikte bereits in einem frühen Stadium abgebaut würden, wie die Ministerin meint: „die Leute werden weniger sich selbst überlassen“.

Wenn man mitbekommt, dass Einzelne aus den erörterten Gründen an mangelnder Privatsphäre leiden, versucht man sie in kleineren Zimmern unterzubringen, berichtet etwa Nadine Conrardy vom Roten Kreuz, „obwohl wir natürlich nicht viele Einzelzimmer haben“. Irina Fedotova beispielsweise ist mittlerweile in Schifflingen untergebracht. Sie wohnt in einer Unterkunft für acht Familien, wo sie ein Zimmer für sich alleine hat. Dort ist es besser, aber nicht unbedingt entspannt.

David Petry von der Universität Luxemburg, der dort für das von der Europäischen Kommission beauftragte European Migration Network (EMN) tätig ist, betont ebenso wie seine Vorgängerin Christel Baltes-Löhr, dass es „unglaublich wichtig“ sei, die Situation von LGBTI-Flüchtlingen in Luxemburg und Europa in den Blick zu bekommen, um spezifische Unterstützung leisten zu können. Auch beim EMN verfügt man jedoch über keinerlei differenzierte Informationen, Anregungen zu entsprechenden Studien seien von der Kommission nicht aufgenommen worden.

So ist man bei Cigale und Rosa Letzebuerg derzeit auf eigene Faust dabei, sich ein Bild von der Situation in Luxemburg zu machen, denn auch die Beratungsstelle ist seit dem Zuwachs an Flüchtlingen in anderem Maße mit dem Thema konfrontiert. Unter anderem will man laut Auskunft von Roby Antony eine Konferenz zum Thema organisieren. Dabei soll es nicht zuletzt um Erfahrungsaustausch gehen, auch hinsichtlich der Erfahrungen aus anderen Ländern: „Wir wollen diskutieren, ob es spezifische Bereiche gibt, wo sich die Situation von LGBTI-Flüchtlingen von der heterosexueller Flüchtlinge unterscheidet“, fasst Antony zusammen. Zumindest können auf diese Weise aus „Strömen“ wieder Individuen werden.


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