LGBTIQ-Aufklärung
: Vielfalt will gelernt sein

Zum Themenfeld der Sexualerziehung gehört auch die Aufklärung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Im zweiten Teil unserer Interviewserie haben wir uns über diesen Aspekt mit Cigale-Mitarbeiter Roby Antony unterhalten.

woxx: Wie gut sind junge Menschen heutzutage über LGBTIQ-Thematiken informiert?


Roby Antony arbeitet seit 16 Jahren im Cigale. (FOTO: Privat)

Roby Antony: Ich stelle fest, dass Schüler über eine offenere Haltung verfügen und besser informiert sind, als dies noch etwa vor 15 Jahren der Fall war. Die Medien haben in dieser Entwicklung eine große Rolle gespielt. Allerdings nicht nur eine positive: Besonders in populären Fernsehsendungen werden oft Stereotype reproduziert. Diese schaffen beziehungsweise bestärken Vorstellungen davon, wie lesbische, schwule, bisexuelle oder trans Personen aussehen, sich verhalten, wofür sie sich interessieren und was ihre sexuellen Vorlieben sind. Uns beim Cigale [Centre d’information gay et lesbien; Anm. d. Red] geht es darum, die offene Geisteshaltung zu nutzen, um aufzuzeigen, wie vielfältig die LGBTIQ-Gemeinschaft ist und dass es wenig sinnvoll ist, auf Unterschiede zu pochen. LGBTIQ-Menschen sind gar nicht so anders als der Rest der Bevölkerung.

Das Cigale bietet unter anderem Workshops für Schulklassen an. Welche Ziele werden damit verfolgt?


Uns geht es nicht darum, jemandem etwas beizubringen, es geht nicht darum, jemanden von etwas zu überzeugen, sondern die Perspektive ein wenig zu erweitern. Es soll ein Bewusstsein geschaffen werden für LGBTIQ einerseits, und die Auswirkungen des eigenen Sprachgebrauchs andererseits. Eine offene und tolerante Haltung verhindert nicht unbedingt, dass man sich manchmal auf diskriminierende Weise ausdrückt. Implizit wollen wir ein Bewusstsein dafür vermitteln, dass jeder einzelne mitverantwortlich ist, damit eine Gesellschaft funktioniert. Was die Gestaltung angeht, versuchen wir Frontalunterricht weitestgehend zu vermeiden. Natürlich geht es in einem gewissen Sinne auch um Wissensvermittlung, hauptsächlich findet aber ein emotionales Lernen statt.

Wie kann man sich einen solchen Workshop vorstellen?


In den Workshops wird sich insgesamt mit drei Themenfeldern befasst: sexuelle Orientierung, Geschlechts-
identität und Geschlechtsmerkmale. Zunächst einmal informiere ich mich über den Wissensstand der Schüler. Ich frage dann zum Beispiel: „Was kommt euch spontan in den Kopf, wenn ihr an Homosexualität denkt?“ Die jeweiligen Antworten werden dann an die Tafel geschrieben. Das können Begriffe sein oder zum Beispiel auch Fragen wie: „Dürfen Homosexuelle Kinder bekommen?“ „Geht es diesen Kindern gut?“ Anhand dieses Frage-Antwort-Spiels wird dann ein Tafelbild erstellt, das den Anhaltspunkt und roten Faden für den Rest des Workshops darstellt. Alleine schon der Sprachgebrauch gibt Aufschluss über die Haltung der jungen Menschen. Was innerhalb eines Workshops aufgegriffen wird, ist also von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich. In den Workshops selbst ist es wichtig zuzugeben, wenn man etwas nicht beantworten kann. Die Schüler merken dann, dass man ehrlich ist und nehmen das dann auch meist gut an.

Gibt es stereotype Vorstellungen, die besonders häufig genannt werden?


Eine Aktivität, die ich manchmal mit Schülern durchführe, besteht darin, sich einen Raum vorzustellen, in dem eine Lesbe steht und dann zu beschreiben, wie diese aussieht. Die Schüler sagen dann meist: „klein, pummelig, männliche Kleidung, rasierter Kopf, Tattoos, Piercings“. Wenn ich aber sage, sie sollen sich zwei Lesben vorstellen, dann kommen eher Aussagen wie „sie sind sehr weiblich, haben große Brüste, lange Haare, sind geschminkt, küssen sich gegenseitig“. Die Einzelperson entspricht also dem visuellen Stereotyp, ab zwei Personen sind die Vorstellungen eher sexuell konnotiert. Besonders für junge Männer stellen Lesben eine Projektion der eigenen sexuellen Fantasien dar.

Das Cigale betreibt also keine Sexualaufklärung im engeren Sinne?


Wir reden nicht darüber, wie der Körper funktioniert oder über Verhütung. Dafür sind eher Planning Familial und HIV-Berodung zuständig. Wenn in unseren Workshops Fragen zu diesen Themen gestellt werden – oft fällt beispielsweise der Begriff Analsex –, greifen wir diese natürlich auf. Uns geht es aber auch darum, zu vermitteln, dass es uns nicht immer etwas angeht, was andere Menschen tun. Und: Gelebte Sexualität ist nicht unbedingt das, was uns die Pornokultur vermittelt. Sexualität ist immer wieder ein neues Entdecken, sie besteht aus mehr als „ficken“. Uns als Cigale geht es weder darum, Lust abzubauen, noch Angst und Druck aufzubauen. Unsere Botschaft: Sex darf Spaß machen, es darf auch gelacht werden oder etwas schiefgehen. Es ist auch in Ordnung, nicht jederzeit zu können oder zu wollen. Dieser Aspekt geht zwar im Grunde über unseren Zuständigkeitsbereich hinaus, andererseits ermöglicht er auch einen wärmeren und ehrlicheren Austausch. Durch alle Alterskategorien hindurch fällt mir auf, dass Sexualität oft mit Stress und Druck verbunden wird. Im Alltag wird uns vermittelt, dass wir jederzeit funktionieren und alles wissen müssen. Mir geht es in erster Linie darum, zu vermitteln, dass es keine dummen Fragen gibt.

Mit einer solchen Herangehensweise scheinen sich viele immer noch schwerzutun.


(Pixabay.com)

Die Schule ist der Ansicht, das sei ein intimer Bereich, der zu Hause angesprochen werden sollte. Und Eltern gehen davon aus, dass diese Erziehung in der Schule stattfindet. Bei Kindern wird oft gesagt „du bist noch zu jung dafür“. Doch sehr schnell ist ein Alter erreicht, wo man denkt „jetzt brauch’ ich meinem Kind das nicht mehr zu erklären, das weiß das alles sicherlich schon“. Der Grad zwischen diesem „zu jung“ und „zu alt“ sein, ist unglaublich schmal. Hinzu kommt, dass Sexualerziehung eine gewisse Kompetenz erfordert. Etwas zu wissen ist eine Sache, es zu vermitteln wieder eine ganz andere. Nicht jeder kann über Sex reden, ohne rot anzulaufen. Das alles führt dazu, dass manche jungen Menschen ihre Schullaufbahn abschließen, ohne eine wirkliche Sexualerziehung erfahren zu haben. Wie funktioniert mein Körper? Darf ich auch mal „Nein“ sagen? Muss ich immer bereit sein, wenn mein Freund Lust auf Sex hat? Wenn man über solche Dinge auf eine entspannte Weise spricht, hören die Menschen meist zu und sprechen dann auch viel ungehemmter über das, was sie bewegt.

Gibt es überhaupt ein „zu jung“ im Kontext der Sexualerziehung?


Nein. Mein Mantra lautet: „Wenn ein Kind eine Frage stellt, ist es bereit, eine Antwort darauf zu bekommen.“ Diese muss allerdings in einer Sprache formuliert sein, die dem Kind zugänglich ist. In der Grundschule sprechen wir als Cigale nicht unbedingt über Analsex. Da geht es dann eher um Patchwork- oder ethnisch gemischte Familien – die Themen sind sehr breit gefächert. Unser Schwerpunkt liegt zwar auf LGBTIQ, aber die Werte, die wir vermitteln, sind ganz universal anwendbar. Selbst diejenigen, die nichts mit unseren Schwerpunktthemen am Hut haben, können unseren Workshops also etwas Positives abgewinnen.

Wie kommen solche Workshops zustande? Sind es immer die Schulen, die Sie kontaktieren oder ist es manchmal auch umgekehrt?


Die Workshops erfolgen immer auf Anfrage. Heutzutage meist im Fach Vieso [Vie et société; Anm. d. Red.], manchmal aber auch im Sprachenunterricht, wenn eine Klasse beispielsweise einen Roman liest, in dem das Thema LGBTIQ aufgekommen ist. Leider ist der Aspekt immer noch nicht im Schulcurriculum enthalten. Im Herbst ist aber ein Treffen mit dem Bildungsministerium sowie den Programmkommissionen vorgesehen, um ebendiesen Punkt zu besprechen. Da werden wir dann unsere Anliegen vorstellen und es wird zusammen geschaut, was im Bereich des Machbaren liegt. Solche Initiativen sind aber erst in letzter Zeit entstanden, davor war kein richtiges Bewusstsein dafür da.

Das Cigale ist aber auch in der Fortbildung anderer Zielgruppen tätig?


Absolut. Wir versuchen immer eine passende Lösung für alle Anfragen von Fach- und Lehrpersonal zu finden, die in der Erziehungs- und Sozialarbeit sowie im Bildungswesen tätig sind und sich mit LGBTIQ-Themen beschäftigen. Hieraus ergeben sich üblicherweise auch oft Überschneidungen von Themenbereichen. Wir sind da vor allem in zwei Bereichen aktiv: LGBTIQ und geflüchtete Personen. Wir geben beispielsweise Fortbildungen für Menschen, die in Flüchtlingsunterkünften arbeiten. Fragen, die wir dann behandeln: Worauf muss ich aufpassen? Wie kann ich solche Menschen erkennen? Wie können Einzelpersonen oder Strukturen auf subtile Weise deutlich machen, dass sie eine offene Haltung haben? Was sind absolute No-Gos? Genau wie in den Schulklassen werden also hier die Inhalte in erster Linie von den Teilnehmenden vorgegeben.


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