Luxemburger Wort: Willkommen im Club

Anfang 2016 wurde Luc Frieden Verwaltungsratspräsident bei Saint-Paul. Jetzt ist der Chefredakteur des Wort Jean-Lou Siweck „gegangen worden“.

(Bild: Wikimedia Commons)

„Die derzeitigen redaktionellen Leitlinien des ‚Luxemburger Wort’ sehen eine Nähe der Zeitung zu jenen Gesellschaftsakteuren vor, die dieselben Werte vertreten wie der Aktionär, also die Kirche. Das werden wir ändern. Das kritische Hinterfragen aller Parteien, Gewerkschaften und sonstiger Akteure ist eine wichtige Arbeit im Journalismus. Wenn wir das nicht tun können, haben wir ein Problem.“ Jean-Lou Siweck hatte seine Stellung als Chefredakteur erst wenige Tage inne, als er am 9. November 2013 im Luxemburger Wort sein Einstiegs-Interview gab, aus dem wir hier zitieren. Knapp vier Jahre später kündigt er nun seinen Job, weil es „Diskussionen“ zwischen ihm und dem Verwaltungsrat über die „ligne éditoriale“ der Zeitung gab.

Wenn Reformer geschasst werden, dann kann das zwei unterschiedliche Ursachen haben. Entweder sie wurden ihrem selbstgesteckten Ziel nicht gerecht und müssen als Versager ihren Hut nehmen. Oder aber der Auftraggeber merkt nach einer gewissen Zeit, dass die Veränderungen doch nicht nach seinem gusto sind oder zu weit gehen, bedankt sich höflich für die geleistete Arbeit und hält nach Ersatz Ausschau.

Die schriftliche Stellungnahme von 68 redaktionellen MitarbeiterInnen der Sankt Paulusgruppe, die ihr Unverständnis über die jüngsten Entwicklungen zum Ausdruck gebracht haben, deutet darauf hin, dass die erstgenannte Ursache ausgeschlossen werden kann.

Wenn der jetzige Verwaltungsratspräsident gegenüber Redaktionsmitgliedern eine „Mitte-rechts“-Positionierung des Blattes anmahnt, widerspricht er der „ligne éditoriale“ des Luxemburger Wort gleich zweifach: Einmal weil er – indem er überhaupt eine Richtung vorgibt – das dort festgehaltene Prinzip bricht, wonach es Aufgabe der Redaktion unter Leitung des Chefredakteurs ist, im Tagesbetrieb über die Einhaltung der ligne zu wachen; zum anderen weil er der katholischen Soziallehre, auf die sich die Sankt Paulus Gruppe beruft, mit einer Verortung „mitte-rechts“ in keiner Weise gerecht wird.

Aber vielleicht ist die Unzufriedenheit des Eigentümers, also des Bistums, ja auch nur ein vorgeschobenes Argument, und in Wahrheit geht es um ganz andere Interessen und ganz andere Kreise. Das Agieren des Verwaltungsrates lässt nämlich wenig Affinität zur katholischen Soziallehre, dafür aber umso mehr zu knallharten Wirtschaftsinteressen erkennen.

Siweck wurde seinerzeit per Headhunter ausfindig gemacht, weil für die gewünschte Erneuerung frische Impulse von außen als wichtig erachtet wurden. Er hatte nach eigenem Bekunden Bedingungen gestellt, und zwar sowohl bezüglich einer Öffnung der Zeitung als auch der Sicherung seiner eigenen Eigenständigkeit und jener der Redaktion.

Verwaltungsräte sind keinesfalls dazu da, Inhalte vorzugeben.

Immerhin soll jetzt die Idee einer Interessengemeinschaft der JournalistInnen weiter getrieben werden, damit diese in dem nun offen geführten Streit mit dem Verwaltungsrat ihr volles Gewicht einbringen können.

Ein nach rechts driftendes Wort könnte ein Segen für die Konkurrenz sein, weil sich die LeserInnenschaft einen gewissen pluralistischen Ausgleich wieder woanders besorgen müsste. Medienpolitisch wäre es aber ein Rückmarsch in Zeiten, als Zeitungmachen vor allem dazu diente, die Kommunikationsbedürfnisse der politischen und wirtschaftlichen Entscheider zu befriedigen.

Verwaltungsräte – egal ob privatwirtschaftlich geführter Zeitschriften oder öffentlich-rechtlicher Radiostationen – sind dazu da, um über eine transparente und angemessene Verwendung der zur Verfügung stehenden Mittel, aber auch über die Einhaltung der Verpflichtungen gegenüber den Belegschaften zu wachen; sie sind keinesfalls dazu da, Inhalte vorzugeben.

Sollte dem Bistum (oder den bestimmenden Lobbys) die Lust am Zeitungmachen vergangen sein, können sie ja den Titel an die zu gründende Gesellschaft der Wort-RedakteurInnen veräußern. Der Club der selbstverwalteten Medienbetriebe ist in Luxemburg von überschaubarer Größe und kann Verstärkung gut gebrauchen.


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