Mehrsprachigkeit im Theater: Die Bühne 
als Babylon

Zahlreiche Bühnenprojekte und grenzüberschreitende Festivals zeigen den Trend auf: Die Theater-
welt wird polyglotter. Welche Rolle spielt Mehrsprachigkeit auf der Bühne?

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Liegt der Schlüssel für die Zukunft des Theaters in der Mehrsprachigkeit?


Dienstag Abend, 18.30 Uhr: In den Bahnhofsrotunden findet ein Rundtischgespräch zum Thema „Mehrsprachigkeit im Theater“ statt, organisiert von dem Luxemburger Theaterkollektiv Independant Little Lies (ILL). Am selben Abend geht im Kasemattentheater die Premiere von „Die Torte“ über die Bühne, der letzten Produktion des kleinen Off-Theaters in dieser Spielzeit. Die gut einstündige Inszenierung, eine Collage aus mehreren Szenen (basierend auf Texten von Ionesco, Campbell und Tucholsky) ist ein Ausloten von Grenzen, das vor allem auf Gestik und Mimik setzt, fast ohne Sprache auskommt und so selbst frankophonen Zuschauern das Verstehen ermöglicht. Einige Szenen erinnern sogar an die alten Filme Charlie Chaplins. Dass die Sprache lediglich eines der Elemente des Theaters ist, wie Andreas Wagner, Dramaturg am Theâtre National du Luxembourg (TNL), in seinem Beitrag anlässlich der Table Ronde ausführte, ist in der amüsanten Performance im Kasemattentheater offensichtlich. Und es wird klar: Das Theater funktioniert zwar auch über Sprache, hat aber seine eigenen Codes und Regeln, ist ein Universum für sich, das durch die Sprachenvielfalt zusätzlich belebt wird. Mehr noch: Beim Versuch, unterschiedliche Sprachen auf die Bühne zu bringen und in ein Stück zu verweben, prallen oft verschiedene Haltungen und Spielarten von Schauspielern aufeinander. Die Landessprache bringe man so als kulturelles Gepäck mit, so Wagner, der in seinen Überlegungen zu dem Schluss kommt, man müsse – wie es einst Antonin Artaud gefordert hat – den Schauspieler zunächst von seiner Sprache befreien. Multilingualität im Theater ist für den Dramaturgen des TNL gerade in Luxemburg längst eine Selbstverständlichkeit. In den letzten Jahren sei eine ganze Reihe von mehrsprachigen Projekten entstanden: „Faust 2.0“, ein in Bulgarien entstandenes Stück, wurde in sieben Sprachen zugleich aufgeführt, die „Hamlet-Maschine“ in fünf. In Sofia sah Wagner vor Jahren ein Projekt des Konservatoriums, bei dem Gruppen aus dem gesamten Mittelmeerraum zusammengekommen waren und in wechselnder Besetzung, beispielsweise ein Israeli und eine Kroatin, die Balkonszene aus „Romeo & Julia“ nachspielten. Die verschiedenen Spielkulturen trafen hier aufeinander und ergänzten sich auf beeindruckende Weise.

Multilingualität im Theater ist für den Dramaturgen des TNL gerade in Luxemburg längst eine Selbstverständlichkeit.

„Playing a Part“, ein Stück, das im Rahmen des Rundtischgesprächs vorgestellt wurde, beruht auf einer ähnlichen Idee, gesamteuropäischen Zuschnitts. Es ist ein Theaterprojekt, das gemeinsam von dem Lëtzebuerger Theaterkollektiv „Independent Little Lies“ (ILL), der katalanischen Kompanie „Theatre de l’Enjolit“ und dem italienischen „Teatro Excelsior“ ins Leben gerufen wurde. Entstanden im Rahmen des europäischen Programms Grundtvig (heute: Erasmus+), kombiniert „Playing a Part“ lebenslanges Lernen auf spielerische Art mit Theater und will zugleich die Idee der Vielsprachigkeit von Minoritäten erforschen.

Im selben Rahmen ist zum einen das Theaterstück „99%“ entstanden, zum anderen wurden 2014 und 2015 in Italien, Luxemburg und Spanien eine Serie von Workshops durchgeführt, die neben der künstlerischen eine pädagogische und soziale Absicht verfolgen. Die Vorstellung von „99%“ in den drei Ländern bildet den Abschluss. Auf dem multilingualen Blog (https: playingapartproject.wordpress.com) des Grundtvig Projekts RFAMPE (Re-engagement for a more productive Europe) können zudem Lernende wie auch das Personal der unterschiedlichen Organisationen ihre Erfahrungen austauschen. In Luxemburg hat die ILL beschlossen, für arbeitssuchende Menschen oder solche, die keinen höheren Schulabschluss haben, Workshops zu den Etappen einer Theaterproduktion anzubieten, berichtet Jill Christophe, die das Projekt koordiniert hat. So wurden zu verschiedenen Etappen der Theaterproduktion 
workshops organisiert, etwa zu „dramatischem Schreiben“ oder „alternativer Kommunikation“ in Luxemburg.

Dabei gab es freilich immer auch Hindernisse, doch waren diese meistens bereichernd, sind sich die Projektbeteiligten einig. Die Schauspielerin Claire Thill, Gründungsmitglied von ILL und Mit-Initiatorin des Projekts erinnert sich: Als sie in Barcelona ihr Stück aufführten, das mit einem Monolog auf Luxemburgisch beginnt, habe sie sich ein bisschen gefühlt wie Moses. Doch nach einer Weile habe sie bemerkt, dass viele Zuschauer die Übertitel der Übersetzungen gar nicht mehr mitlasen, sondern auf ihre Körpersprache achteten.

Ein Stück, das in drei verschiedenen Ländern gespielt wird, hat eben auch (mindestens) drei unterschiedliche Rezeptionen. „Es war schön in Barcelona, zu erleben, wie das Publikum das aufgenommen hat“, erzählt Thill. Im Allgemeinen sei das Stück sehr gut angekommen. Durch das Sprachenmischmasch entstanden wieder neue Energien und Synergien. Doch das Stück „99%“ könne auch als ein Experiment für Luxemburg gelten. Denn das Luxemburger Publikum sei zwar an Mehrsprachigkeit gewöhnt, aber normalerweise suche man sich dann doch Stücke in seiner (Mutter-)Sprache heraus. „Die workshops waren wie der Turm von Babel“ berichtet auch der Autor Ian de Toffoli, letztlich war aber die Mehrsprachigkeit keine Barriere, sondern ein Teil des Spiels.

„Mehrsprachigkeit im Theater ist ein europäischer Trend.“

„Mehrsprachigkeit im Theater ist ein europäischer Trend“, stellt 
Nathalie Bloch von der Uni Luxemburg fest. Im Zuge der Globalisierung löse sich das Theater zunehmend aus seiner lokalen Verankerung und werde auch aufgrund ökonomischer Zwänge globaler – gerade in Ländern, die eine sehr starke Stadtheater- oder Ensemblestruktur aufweisen. Ein weiterer Trend, der von der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit auf dem Feld des Theaters zeugt, sei die Tatsache, dass immer mehr Festivals ins Leben gerufen werden. In mehreren Artikel habe sogar das Europäische Parlament festgeschrieben, dass das Theater dazu dienen soll, die sprachliche Vielfalt zu bewahren. Multi-Lingualität werde also auch explizit von der EU gefördert. Sind die Theaterbühnen damit heute nicht längst ein Spiegelbild der Globalisierung? Und gehört das monolinguale Theater damit bald der Vergangenheit an? Mehrsprachigkeit rückt ins Zentrum des Theaters, auch wenn man noch in den Anfängen steht, betonen Bloch und Wagner. Diese Entwicklung gelte es zu fördern, indem man neue, mehrsprachige Systeme entwickelt – Pantomime und Gebärdensprache etwa seien eine Möglichkeit, auch Gehörlose einzubinden. Eine andere sei es, Übersetzer auf die Bühne zu bringen und mit neuen ästhetischen Formen zu experimentieren. Der audiovisuelle Trend stelle dabei nur eine der möglichen Alternativen dar. Und man müsse auch einmal aushalten, nicht alles zu verstehen. Die Freude am Nicht-Verstehen müsste insgesamt begreifbarer gemacht werden, meint de Toffoli. Missverständnisse in der Kommunikation gebe es immer, selbst wenn alle dieselbe Sprache sprechen.

Unbestritten ist: Gerade das multikulturelle Luxemburg eignet sich als Labor für Bühnen-Experimente. Das Monodrama Festival, das bereits Stücke in fünf Sprachen inszenierte, das TotalTheaterTreffen in der Grenzregion und zahlreiche TNL-Produktionen wie „Faust 2.0“, „Wäiss Kanénchen, roud Kanénchen“ oder eben „99%“ zeigen, dass die multikulturelle Realität wie die multilinguale Sprachensituation den Weg auf die Bühne(n) gefunden hat. Zwar sind Produktionen der größten Minorität auf Portugiesisch leider noch immer rar, doch zeigt die ILL mit „Playing a Part“ wie es gehen kann.

Sind die Theaterbühnen damit heute nicht längst ein Spiegelbild der Globalisierung?

Vielleicht muss man gerade in diesen Tagen dominierender Plattitüden über Social-Media, in Zeiten von Twitter, „Likes“, stumpfsinniger Facebook-Kommentare, von Gruppen wie „Ech schwätzen just nach lëtzebuergesch an de Geschäfter“ und den nach dem gescheiterten Referendum aufkeimenden nationalistischen Tönen die Mehrsprachigkeit auf der Bühne dem multimedialen Verflachungstrend entgegensetzen. Und auch wenn es in dem Kontext skurril wirkt, noch einmal Artaud zu zitieren, so trifft sein Ansatz die heutige Situation perfekt. Denn ihm zufolge hat jede Epoche ihre eigene Sprache hervorzubringen, die die Massen und nicht nur ein elitärer Kreis verstehen und die den Bedürfnissen der Zeit entsprechen. Will Theater also fortschrittlich sein, so kann, ja muss es gerade in Luxemburg voranpreschen und die Realität der Mehrsprachigkeit (aus-)nutzen, ja offen zelebrieren. Wo, wenn nicht hier, würde es mehr Sinn machen?


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