#MeToo
: Nicht nur Monster im Visier

Spätestens seit den Vorwürfen gegen den US-Schauspieler Aziz Ansari, der sich selbst als Feminist begreift, werden Stimmen laut, dass die #Metoo-Bewegung nun zu weit gehe. Dabei ging es von Anfang an um die Hinterfragung einer Kultur, in der sexuelle Belästigung toleriert wird.

Das Ausmaß der #Metoo-Bewegung geht manchen mittlerweile zu weit. (Foto: Wikimedia Commons
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„Jemanden auf den Hintern klopfen ist nicht dasselbe wie eine Vergewaltigung. Beide Verhaltensweisen gilt es zu beseitigen, aber sie dürfen nicht gleichgestellt werden.“ Als Matt Damon im Dezember letzten Jahres in einem Interview mit dem US-amerikanischen Sender ABC erklärte, dass es bezüglich sexueller Übergriffe ein „Spektrum an Verhaltensweisen“ gäbe, hagelte es so viel Kritik, dass der Schauspieler sich kurze Zeit später für seine Aussagen entschuldigte. Dabei reflektierten diese eine weit verbreitete Befürchtung gegenüber #Metoo.

Von Hexen und Puritanern

Seit den Enthüllungen rund um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein haben in den letzten Monaten zehntausende Frauen unter dem Hashtag Metoo von sexuellen Übergriffen und Missbrauch berichtet. Wer die diesbezügliche Debatte aufmerksam mitverfolgt hat, mag bemerkt haben, dass Kritiker*innen immer wieder Begriffe wie „Puritanismus“, „Krieg gegen Sex“ oder„Hexenjagd“ verwenden. Und auch wenn vor allem letzteres zunächst auf mangelndes Geschichtswissen hinzudeuten scheint, offenbaren diese Anwürfe doch viel über unsere Gesellschaft: Über unser Verständnis von Sex einerseits und strukturelle Unterdrückung andererseits.

Solange nur Weinstein beschuldigt wurde, gingen noch (fast) alle mit. Angesichts zahlreicher Zeug*innenaussagen bestand kein Zweifel daran, dass der Produzent nur bekam, was er verdiente. Doch dann folgten Anschuldigungen gegen zahlreiche weitere Männer, sowohl in als auch außerhalb Hollywoods.

Stimmen wurden laut, dass das Ausmaß von #Metoo mittlerweile nicht nur übertrieben werde, sondern sogar gefährlich sei. Immer wieder wird vor einer „Hexenjagd-Atmosphäre“ gewarnt. Man(n) müsse nun befürchten, beim kleinsten nicht erwiderten Flirt ein juristisches Strafverfahren am Hals zu haben. In einem solchen Klima wilder Beschuldigungen werde sich bald kein Mann mehr trauen, auch nur Augenkontakt zu einer Frau herzustellen.

Als eine anonyme Frau dem US-amerikanischen Schauspieler und Autor Aziz Ansari öffentlich übergriffiges Verhalten vorwarf, war die Entrüstung besonders groß. Die Reaktionen reichten von „Ansari hat sich auf einem Date daneben benommen, dafür ist er doch kein Sextäter!“, bis hin zu „Wieso ist sie nicht einfach gegangen, wenn sie das nicht wollte?“

Die #Metoo-Bewegung diene allein den Interessen von Reaktionären und Gegner*innen der sexuellen Freiheit, heißt es in einem von Catherine Deneuve mitunterzeichneten Brief, der Anfang Januar in der französischen Tageszeitung „Le Monde“ publiziert worden ist. Zur sexuellen Freiheit gehöre nun einmal auch die „Freiheit zu belästigen“, wie es im Titel des Textes heißt. Doch auch wenn jene, die ernsthaft darum bangen, künftig nicht mehr belästigt werden zu dürfen, auch in Frankreich wohl eine Minderheit darstellen, scheinen doch nicht wenige die #Metoo-Bewegung als eine Attacke gegen Sexualität, oder, wie im englischen Sprachraum oft beschrieben, als „sex panic“, wahrzunehmen.

Weinstein konnte noch leicht als schwarzes Schaf abgetan werden, doch spätestens am Fall von Ansari, der sich selbst als Feminist begreift, wurde deutlich: Übergriffiges Verhalten kann potenziell von jedem Mann ausgehen. Folglich muss jeder Mann damit rechnen, wegen eventueller Fehltritte in die Mangel genommen zu werden.

Und genau dieser Umstand ist es, der zu der Befürchtung führt, dass nun jede Form von Belästigung in einen Topf geworfen wird. In einer Kolumne im „New Yorker“ gibt Masha Gessen zu bedenken, dass die Art und Weise, wie gegenwärtig sexuelle Kontakte unter anderem an US-amerikanischen Universitäten kontrolliert werden würden, dazu führe, dass kein Unterschied mehr zwischen Vergewaltigungen und schlechtem Sex in betrunkenem Zustand gemacht werde: „The effect ist to both criminalize bad sex and trivialize rape“.

Das gehört halt dazu

Wenn aber nun beklagt wird, dass aus #Metoo mittlerweile etwas ganz anderes geworden ist als ursprünglich vorgesehen, so wird daran ein Missverständnis deutlich: Denn auch wenn die Bewegung sich aus Einzelaussagen speist, so zielt sie doch letztendlich auf die Hinterfragung einer Kultur, in welcher sexuelle Belästigung toleriert wird. Wie die Schauspielerin und Aktivistin Alyssa Milano twitterte: „Wir sind nicht empört, weil uns jemand auf einem Bild an den Arsch grabscht. Wir sind empört, weil man uns das Gefühl gegeben hat, das sei normal.“

Ansari mag kein Sexualstraftäter sein, doch er hat die Grenzsetzungen seines Dates nicht respektiert. Stattdessen habe er immer wieder versucht, sie zum Oralsex zu überreden, wie die Betroffene berichtet hat. Die Auffassung, dass es zum Spiel dazu gehört, dass eine Frau „Nein“ sagt und der Mann beharrlich bleibt, ist tief in unserer Gesellschaft verankert und wird auch in zahlreichen popkulturellen Erzeugnissen reproduziert. Jack in „Titanic“, Noah in „The Notebook“ – sie alle müssen die Frau ihres Herzens erst überreden, bevor diese bereit ist, sich auf mehr einzulassen.

Über solche kulturindustriellen Stereotype wird Männern von klein auf eingepaukt, dass Grenzüberschreitungen in Ordnung, ja sogar erwünscht sind. Frauen hingegen wird vermittelt, sie müssten irgendwann nachgeben, um ihr männliches Gegenüber nicht vor den Kopf zu stoßen. Die deutsche „tageszeitung“ schrieb hierzu: „Es ist die Erzählung der männlichen Eroberung und des Verführens, in der weiblicher Widerstand nur ein zu überwindendes Hindernis darstellt“.

In den Argumentationen von #Metoo-Gegner*innen wird die Haltung deutlich, dass manches Verhalten einfach zu Dates beziehungsweise Sex dazugehört: Non-verbale Hinweise können nun mal missverstanden oder übersehen werden, bei Trunkenheit darf man es mit dem Einvernehmen nicht so eng sehen und eine unangenehme, vielleicht sogar schmerzhafte sexuelle Begegnung kann halt vorkommen – ohne, dass das notwendigerweise etwas mit bösen Absichten zu tun hat.

Schaut man sich jedoch genauer an, für wen solche Erfahrungen „dazu gehören“, wird deutlich, dass weniger Zufall im Spiel ist, als man zunächst annehmen könnte. In einem Artikel in dem Online-Magazin „The Week“ schreibt Lili Loofbourow, es werde Frauen regelrecht beigebracht, regelmäßiges Unwohlsein in Kauf zu nehmen. Immer und immer wieder bekommen Mädchen und Frauen zu hören, es sei nicht ungewöhnlich, begrabscht zu werden, bei der ersten vaginalen Penetration Schmerzen zu empfinden oder beim Sex keinen Orgasmus zu haben. So wird ihnen indoktriniert, ihre Körperautonomie, ihr Wohlbefinden und ihre Befriedigung sei weniger selbstverständlich als das bei Männern der Fall sei.

(Foto: Flickr)

Wer also sagt: negative Erfahrungen gehören nun mal dazu, meint hauptsächlich, dass sie für Frauen dazugehören. Das bedeutet nichts anderes, als asymmetrische Machtverhältnisse und Grenzüberschreitungen als unverzichtbaren Bestandteil von Begegnungen zwischen Männern und Frauen allgemein und sexuellen Begegnungen im Speziellen zu zementieren. Genau darum geht es bei #Metoo: Sexistische Konventionen in Bezug auf Sex und Dates zu kritisieren, die dazu beitragen, ungleiche Geschlechterverhältnisse festzuklopfen.

Bei sexuell übergriffigem Verhalten geht es nicht um Sex, sondern um Macht – das wird oft vergessen, wenn von einem „Krieg gegen Sex“ oder „Puritanismus“ die Rede ist. #Metoo zielt daher nicht auf die Bekämpfung sexueller Freiheit, sondern auf deren Verteidigung: auf Sex, Flirten und Daten auf Augenhöhe. Das geht nur, wenn niemand seine (sexuellen) Bedürfnisse auf Kosten anderer auslebt.


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