Mexico
: Gefährliche Bilder

In Mexiko wurden erneut ein Journalist und vier Frauen ermordet. Das Verbrechen verdeutlicht die Verstrickung der Regierung in solche Fälle.

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Proteste vor der Wohnung in der Colonia Narvarte in Mexiko-Stadt in der Ruben Espinosa und vier Frauen mit Kopfschüssen hingerichtet wurden. (Foto: Número Zero)

Rubén Espinosa war sich sicher, dass ihm in der mexikanischen Hauptstadt nichts zustoßen würde. Obwohl er auch fünf Wochen nach seiner Flucht aus dem Bundesstaat Veracruz das Gefühl hatte, verfolgt zu werden. „Ich glaube, nachdem das mit Regina war, wären sie echt bescheuert, sich mit mir anzulegen”, sagte er wenige Tage vor dem 31. Juli zu einem Arbeitskollegen. Regina Martínez wurde im April 2012 erdrosselt in ihrer Wohnung aufgefunden. Die staatlichen Behörden gingen damals von einem sogenannten Verbrechen aus Leidenschaft oder von einem Raubüberfall aus – doch daran mochte niemand so richtig glauben. Als Nachrichtenkorrespondentin schrieb Martínez aus Veracruz für die renommierte regierungskritische Wochenzeitschrift Proceso. Espinosa fotografierte jahrelang in Veracruz für dasselbe Magazin und für die Fotoagentur Cuartoscuro.

Mit seinem Exil in Mexiko-Stadt wollte der 31jährige einem ähnlichen Schicksal entgehen. Zuvor hatte ihn nach eigenen Angaben ein in zivil gekleideter Polizist mit dem Tod bedroht. In einem jüngeren Interview gab Espinosa zu verstehen, dass er der Regierung als „unbequemer Fotograf” galt – er berichtete immerhin über politische Proteste sowie soziale Bewegungen und informierte über Exzesse staatlicher Gewalt. Am 31. Juli wurde er zusammen mit vier Frauen in einer Wohnung in der Colonia Narvarte in Mexiko-Stadt ermordet aufgefunden. Ihre Körper wiesen Spuren von Folter auf, mindestens zwei der vier Frauen sollen vergewaltigt worden sein. Mit fünf Kopfschüssen wurden sie schließlich hingerichtet.

„Wir alle sind schockiert”, teilt Marta Durán de Huerta, eine Kollegin Espinosas bei Proceso, der woxx mit. „Sie haben Proceso und Cuartoscuro eine sehr klare Nachricht hinterlassen.” Damit bezieht sie sich nicht unbedingt auf den oder die Mörder. Hinter diesen vermutet sie die Landesregierung von Veracruz und ihren Gouverneur Javier Duarte de Ochoa von der Partei der Institutionellen Revolution (PRI), die auf Bundesebene den Präsidenten stellt. Ist Mexiko im lateinamerikanischen Raum seit längerem schon das gefährlichste Land für Journalisten, sieht es in Veracruz spätestens seit Duartes Amtsantritt im Dezember 2010 besonders düster aus: 13 ermordete Journalistinnen und Journalisten zählt die Statistik, fünf sind verschwunden und mehr als ein Dutzend wurde gewaltsam vertrieben.

Es trifft vor allem diejenigen, die die Verbindungen des Staates und seiner Funktionäre mit dem organisierten Verbrechen aufdecken. Verweigern Journalisten eine Selbstzensur, ereilt sie oftmals der Tod, sagt Durán de Huerta. Sie selbst erhielt schon Morddrohungen und befindet sich deswegen seit vergangenem Jahr in einem staatlichen Schutzprogramm für Journalisten. Überzeugt von dessen Schutzgarantie sei sie jedoch nicht. Die eigentliche Arbeit würden hauptsächlich journalistische Menschenrechtsorganisationen wie Reporter ohne Grenzen oder Artículo 19 erledigen. Bei ihr dauerte es damals ganze sieben Monate, bis der Staat einen Streifenwagen zu ihrem Wohnsitz schickte. Auch deshalb habe Espinosa diese Möglichkeit nicht in Betracht gezogen. Er hielt es für eine „Zeitverschwendung” und bevorzugte stattdessen, an andere Türen zu klopfen. Sein Fall wurde schließlich von Artículo 19 am 15. Juni öffentlich gemacht. Sein Tod in der Hauptstadt stellt ein Novum dar; bis dahin hatte die Gewalt aus den jeweiligen Herkunftsbundesstaaten die vertriebenen Journalistinnen und Journalisten in Mexiko-Stadt nicht erreicht.

„Benehmt euch”, warnte Duarte die Journalisten in seinem Bundesstaat.

Duarte wird vorgeworfen, dass er unliebsame Stimmen wie die Espinosas am liebsten mundtot sieht. So kommentierte er am 30. Juni gegenüber der Presse, zwischen Ratschlag und Drohung schwankend, es würden „schwere Zeiten kommen”. „Benehmt euch”, warnte Duarte die Journalisten in seinem Bundesstaat. Espinosa hatte zuletzt immer wieder auf den Gouverneur verwiesen, dessen historisches Vorbild nach eigenen Worten der „Generalissimo Francisco Franco” ist. „Ich weiß ganz genau, dass es der Gouverneur von Veracruz, Javier Duarte, ist, der mich verfolgt. Deswegen fürchte ich um mein Leben. Deswegen verlasse ich flüchtend dieses Veracruz. Ich will nicht die Nummer 13 sein, zumal sie eine Zahl des Pechs ist”, so der Fotograf. Es ist ein offenes Geheimnis, dass dem korpulenten Gouverneur unschön in Szene gesetzte Porträtfotos seiner Person äußerst missfallen. Ein solches Fotos schaffte es 2014 auf das Cover von Proceso, es zeigte Duarte mit einer Polizeimütze. Es heißt, dieses Foto habe den Politiker rasend gemacht. Das Bild stammte von Espinosa. Nicht verwunderlich, dass seine ehemalige Kollegin Durán de Huerta den Staatsmann als „feudalen Herrn in einem neoliberalen Feudalismus” bezeichnet. Die Geschäfte und die ökonomischen Beziehungen seien zwar allesamt neoliberal organisiert, die Gewalt jedoch artikuliere sich auf feudale Art und Weise, resümiert sie.

Espinosas Ermordnung löste auch heftige Reaktionen bei Kolleginnen und Kollegen außerhalb von Proceso und Cuartoscuro aus. Am Montag nach dem Mord publizierte Heriberto Paredes, Mitbegründer des alternativen Nachrichtenprojekts Subversiones, einen Artikel, der seine Wut widerspiegelt: Während eines Interviewtermins vor zwei Jahren, bei dem der Reporter Duarte fotografierte, bemerkte er, dass einige Personen des persönlichen Sicherheitsteams des Gouverneurs das Emblem des Kartells der Zetas trugen. Paredes weist so auf die direkte Verstrickung des PRI-Politikers mit dem organisierten Verbrechen hin. Eine öffentliche Anschuldigung dieser Art ist gefährlich. „Vielleicht hat der Text Konsequenzen oder vielleicht auch nicht. Es kann sein, dass ich persönlich von den Sicherheitskräften von Duarte, also den Zetas, gesucht werde. Aber das ist nicht neu. Es ist nicht das erste Mal, dass sie mich suchen oder bedrohen”, sagt der Reporter im Gespräch mit der woxx. Aber er wolle ihnen nicht „den Gefallen tun, mir das Leben, den Verstand und die Arbeit zu versauen. Das wäre ein Erfolg für sie.” Er spricht über das Risiko, das „ehrliche Journalisten” eingehen, wenn sie über Korruption, Repression und den Krieg in Mexiko berichten: „Mit Deutlichkeit und Klarheit die Wahrheit zu sagen, ist Grund für Tod, Bedrohungen, Verschwindenlassen und Folter.” Es gehe darum, mit den Mitteln zu reagieren, die einem zur Verfügung stehen – wohl auch deswegen ist sein Artikel mit unvorteilhaften Fotos von Duarte gespickt.

Auch Nadia Dominique Vera Pérez hatte in Xalapa den Franco-Verehrer öffentlich kritisiert. Und auch sie wurde an jenem Nachmittag Ende Juli leblos in der Wohnung in der beschaulichen und ruhigen Gegend in Narvarte gefunden. Die 32jährige Kulturanthropologin, eine Freundin Espinosas, hatte Duarte beschuldigt, „keinen Sinn für die politischen Kosten” zu haben, welche die Gewalt mit sich bringe. In einem Videointerview von Rompeviento TV machte sie ihn mitsamt seines Regierungskabinetts verantwortlich für künftige Repression gegen politische Aktivisten und soziale Bewegungen in Veracruz. Das war vor gerade einmal acht Monaten – und fast genau zwei Jahre nachdem sie von Polizisten auf einer Demonstration gegen die Regierungspolitik zusammengeschlagen worden war.

Olivia Alejandra Negrete, 40 Jahre alt und Hausangestellte; Yesenia Quiroz Alfaro, 18 Jahre alt, die eine Kosmetikausbildung absolvierte und Mile Virginia Martín, eine 29jährige Kolumbianerin, über die nicht mehr bekannt ist – das sind die drei anderen ermordeten Frauen. Ihr gewaltsamer Tod reiht sich ein in die allgegenwärtige Gewalt gegen Frauen in Mexiko, die Feminizide. Über die drei Frauen zirkulieren die wenigsten Informationen, wohl auch, weil sie nicht über weitreichende politische und soziale Verbindungen verfügten.

Derweil laufen die staatlichen Ermittlungen in Mexiko-Stadt Gefahr, dem üblichen Muster, der Straffreiheit in mehr als 90 Prozent der Fälle, zu folgen, auch wenn bereits kurze Zeit nach dem Verbrechen der Öffentlichkeit ein erster Verdächtigter präsentiert wurde. Dieser sei laut Staatsanwaltschaft auf einem – sehr undeutlichen – Video zu sehen, das ihn beim Überqueren der Straße zur besagten Wohnung zeigt. Der vorbestrafte 41jährige soll gestanden und als Mordmotiv Raub angegeben haben. Am Freitag voriger Woche wurde er formell angeklagt. Seine zwei mutmaßlichen Mittäter gelten als flüchtig.

„Den Zufluchtsort, der Mexiko-Stadt einmal war, gibt es nicht mehr.”

Da es in Mexiko systematisch zu fälschlichen – und oftmals unter Folter erpressten – Selbstbeschuldigungen kommt und das Prinzip der Unschuldsvermutung regelmäßig de facto ausgesetzt wird, lässt die offizielle Version Zweifel zu. Zumal mit dem Geständnis wie bereits im Fall von Regina Martínez ein politisches Motiv gänzlich ausgeschlossen wird. Hinzu kommt, dass es in der Bundesregierung an politischem Willen zu fehlen scheint. In der Ständigen Kommission des Kongresses haben Abgeordnete des PRI und der Grünen Partei den Antrag der Opposition abgelehnt, die Gouverneur Duarte in Mexiko-Stadt befragen wollte. Es ist ein altes Problem, denn niemand möchte andere einer Überprüfung unterziehen, aus Angst, dass der eigene Schmutz hervorgeholt wird.

Es ist unwahrscheinlich, dass der Forderung von Durán de Huerta nachgegangen wird. Sie will, „dass die Arbeit untersucht wird”, die Espinosa und Vera Pérez leisteten, denn darin fänden sich die Gründe für ihre Ermordung. Heriberto Paredes, der mit seinem Nachrichtenkollektiv ununterbrochen über die extremen Missstände in Guerrero, Michoacán, Chiapas und anderen Bundesstaaten informiert, betont, wie wichtig es sei, von „der Fusion des Staates mit dem organisierten Verbrechen” zu berichten: „Es ist ohne Zweifel ein Wagnis, aber vor allem ist es eine Notwendigkeit.” Als die Journalistin Durán de Huerta ihren Fall im Mai vergangenen Jahres öffentlich machte, schrieb sie, dass es in Mexiko nur zwei Möglichkeiten des Schutzes für Reporter gebe: das staatliche Schutzprogramm oder das Exil in der Hauptstadt. Weniger als anderthalb Jahre später korrigiert sie ihre Aussage: „Den Zufluchtsort, der Mexiko-Stadt einmal war, gibt es nicht mehr.”


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