MeYouZik 2018 – In zwei Tagen um die Welt

Auch die diesjährige Ausgabe des MeYouZik-Festivals kann sich sehen – und hören – lassen. Auch wenn die Organisatoren die hartgesottenen Fans etwas auf die Folter spannten.

Elektronik, Rap, Soul und noch vieles mehr bringen die Musiker*innen von Gato Preto aus Mosambik auf die Bühne. (Foto: © www.gatopretomusic.com)

In diesem Jahr veranstaltet das LCTO das Weltmusik-Festival MeYouZik an zwei Tagen in der Woche. Am 14. und 15. August (Mariä Himmelfahrt) kann man auf Bühnen am Knuedler, der Place d’Armes, der Place de la Constitution und in der Rue du St. Esprit wieder globale Klänge genießen. Umrahmt von Ständen verschiedener NGOs nehmen diesmal 25 Bands aus 5 Kontinenten teil und decken ein breites Spektrum musikalischer Stile von Klezmer über Latin-Rock bis zu Afro-Funk ab. Im Europa von heute, das von Nationalisten zur todsicheren Festung umgebaut wird und in dem sich viele in eine muffig-bornierte Enge zurücksehnen, die sie als Heimat missverstehen, könnte so ein Fest auch als Demonstration humanistischer Weltoffenheit und multikultureller Verständigung begriffen werden. Das Programm ist umfangreich und man sollte sich nicht von den Headlinern abschrecken lassen. Der Kapverdianer Nelson Freitas singt flachen Luso-Kuschel-Pop im kommerzialisierten Kizomba-Stil und das Plaza Francia Orchestra (Ex-Gotan-Project) aus Frankreich ist nach 17 Jahren Elektro-Tango nett, aber doch ein bisschen altbacken für einen Headliner. Während des Festivals gibt es weitaus Spannenderes zu erleben. Auf der LCTO-Seite findet man aber leider wieder keine Informationen zu den Bands, sondern nur Internetlinks. Deshalb hier meine persönliche Favoritenliste. Ein paar weibliche Acts mehr hätten allerdings nicht geschadet.

Am Dienstag, dem 14. um 17.30 Uhr eröffnet Flavia Coelho das Festival. Die umtriebige Brasilianerin mit Wohnsitz in Frankreich verwebt Samba und Bossa Nova mit Cumbia, Rock und Techno und streut gern noch eine Prise karibischer Gewürze in die heiße Mischung. Danach wird Bitori mit seiner Gruppe die Bühne übernehmen. Der 80-jährige kapverdianische Akkordeonist Victor Tavares alias Bitori hat 1997 ein Meisterwerk der Funaná-Musik aufgenommen, die während der portugiesischen Kolonialherrschaft verboten war. Die Platte wurde vor zwei Jahren wiederveröffentlicht und seitdem versetzt Bitori das Publikum weltweit in Staunen. Das ist authentischer, treibender Funaná, rau, kantig und schnörkellos. Wer energiegeladene Akustikgitarrenmusik mag, ist beim australischen Duo Opal Ocean bestens aufgehoben. Das ist akustische Hochspannung auf 12 Saiten.

Fest der Offenheit

Das Programm des folgenden Mittwochs beginnt um 11.30 Uhr und endet erst zwölf Stunden später. Die Gruppe Gato Preto ist erst kürzlich höchst erfolgreich durch Zentralafrika, die USA und Kanada getourt. Die Sängerin, die sich Gata Misteriosa nennt, stammt aus Mosambik, lebt in Deutschland und überzeugt mit starker Stimme und ihrer athletischen Bühnenpräsenz. Zusammen mit Lee Bass verbindet sie mosambikanische Klänge mit Elektronik, Rap, Soul und harten Beats zu einem Sound, der in die Beine geht. Drei Bands bringen das zu Gehör, was in Lateinamerika angesagt ist. La Chiva Gantiva kommt aus Belgien, die Kerntruppe stammt aber aus Kolumbien. Sie kreuzt afro-kolumbianische Wurzeln mit heftigem Rock und Funk. Chico Trujillo, die als Ska-Punk-Gruppe begonnen hat und sich dann dem Cumbia zuwandte, ist seit vielen Jahren eine der Top-Bands in Chile. Beide Gruppen spielen eine Form ansteckender, elektrifizierter lateinamerikanischer Musik, die mit dem Mestizo-Sound Barcelonas eng verwandt ist. Das Trio Delgrès, das sich nach einem Helden des Befreiungskampfes der Sklaven benannt hat, kommt aus Guadeloupe und mischt karibische Klänge mit denen des Mardi Gras aus New Orleans. Berichten zufolge ist das eine ganz heiße Liveband. Die junge Formation Mokoomba aus dem südafrikanischen Zimbabwe hat schon einmal das Luxemburger Publikum begeistert und ist nach der Veröffentlichung ihres hochgelobten zweiten Albums im letzten Jahr wieder hier. Mit ihrem gitarrenbasierten, groovenden Sound, schönen Melodien und einer quicklebendigen Bühnenpräsenz macht sie mit Sicherheit auch in diesem Jahr wieder großen Spaß. Eine Band von jungen Palästinensern, die sich in Jordanien gründete, dann nach London zog und von dort aus weltweit nicht nur die arabische Diaspora begeistert, ist 47SOUL. Sie verbindet arabische mit westlicher Musik, den Dabke-Tanz mit Rock und singt über die üble Lage der Palästinenser.

Viele Newcomer

(©Jacob Crawfurd)

Eine der – besonders auch live – aufregendsten Weltmusik-Newcomer der letzten Monate: Eine sehr interessante Mischung aus US-amerikanischem Blues und westafrikanischer Musik spielt Griot Blues. Mighty Mo Rodgers kommt aus East Chicago und Baba Sissoko, ein Griot, aus Bamako, Mali. Sie erforschen die Berührungspunkte zwischen den beiden Musikformen und gelangen zu ganz faszinierenden Ergebnissen. Zwei der wichtigsten Gruppen ihres Genres haben gerade eine Platte zusammen aufgenommen und kommen nun nach Luxembourg. Die niederländische Amsterdam Klezmer Band ist seit 22 Jahren einer der weltweit bedeutendsten Vertreterinnen der Musik der osteuropäischen Juden. Söndörgö ist eine der ungarischen Vorzeigegruppen, die sich der Musik Osteuropas widmet. Mit ihrem kürzlich veröffentlichten gemeinsamen Album Szikra im Gepäck touren sie jetzt quasi als Supergroup unter der augenzwinkernden Eigenbezeichnung „Balkan BigBand Orchestra Adventure Fusion Sound Experience“. Der italienische Multiinstrumentalist Stefano Saletti liebt es, die Musikkulturen des Mittelmeerraumes zu erkunden und ist gleich zweimal vertreten. Mit seiner Stammgruppe Banda Ikona lässt er kaum eine mediterrane Region aus und reist musikalisch von Tanger bis Istanbul. Im Duo Caracas, das am gleichen Tag früher auftritt, spannt er zusammen mit Valerio Corzani den Bogen noch weiter und macht auch vor Reggae nicht halt. Diesen multikulturellen Italiener sollte man nicht verpassen.

Darüber hinaus ist noch einiges mehr zu entdecken. Das vollständige Programm mit den Spielorten und -zeiten kann man auf der LCTO-Seite im Internet finden. Übrigens: Andere Festivalorganisatoren machen Monate im Voraus Werbung für ihre Veranstaltung, während das LCTO sein Programm bis zuletzt besser als ein Staatsgeheimnis hütet und selbst die Medien (jedenfalls die woxx) im Dunkeln tappen lässt. Merkwürdig, denn ein in der ganzen Großregion einzigartiges Festival mit diesem Programm hat ein „volles Haus“ verdient.


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