Mladić-Urteil
: Was für Fikret Alić wichtig ist

Mit dem Urteil gegen Ratko Mladić ging der letzte Prozess vor dem Jugoslawien-Tribunal (ITCY) in Den Haag zu Ende. Fraglich ist, ob die Urteile über die individuelle Bestrafung hinaus auch gesellschaftliche Wirkung entfalten werden. Es gibt Skepsis, aber auch leise Hoffnung.

Sein vermutlich letzter Auftritt für längere Zeit: Ratko Mladić vor der Urteilsverkündung beim Gang in den Gerichtssaal in Den Haag. (Foto: EPA-EFE/Peter Dejong/Pool)

Die großen Tage des Jugoslawien-Tribunals in Den Haag erkennt man daran, dass die ersten Demonstranten schon vor der Morgendämmerung da sind. Dasselbe gilt für die Kamera-Teams, die in Stellung gehen und ihre Beleuchtung setzen. Und natürlich darf auch Fikret Alić nicht fehlen: In dicker Winterjacke und mit schwarzer Mütze steht er da im Wind und raucht, und wie immer hat er das Titelbild des „Time“-Magazins dabei, das ihn im August 1992 weltberühmt gemacht hat. 22 Jahre alt war er damals; bis auf die Knochen abgemagert blickte er durch den Stacheldraht des berüchtigten Konzentrationslagers im bosnischen Trnopolje in die Kamera.

Wie oft er in den letzten Jahren nach Den Haag gereist ist, vermag Alić nicht mehr zu sagen. Doch könnte es immerhin sein, dass er nach dem heutigen Tag nicht mehr kommen muss. Denn an diesem 22. November wird der letzte wichtige Akt des UN-Tribunals vollzogen, dessen Mandat Ende Dezember auslaufen wird: der Urteilsspruch gegen Ratko Mladić.

Damals, als Fikret Alić in Trnopolje beinahe zu Tode geschunden wurde, war Mladić Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Armee. Später wurde er zu einem der prominentesten Angeklagten des seit 24 Jahren bestehenden Jugoslawien-Tribunals. Darum hat Alić vor zwei Tagen in Bosnien einen Bus bestiegen und ist nach Rotterdam gereist. 32 Stunden war er unterwegs. Wenn nach dem Urteil die Dämmerung einsetzt, wird Alić sich wieder auf den Weg nach Hause machen.

Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags, als Alphons Orie, der Vorsitzende Richter der dritten Tribunal-Kammer, zur Urteilsverkündung ansetzt. Stille ergreift den Saal, bevor Orie die Anklagepunkte noch einmal einzeln durchgeht. Zehnmal sagt er „schuldig“, einmal „nicht schuldig“. Vor den Zuhörern entfaltet sich abermals ein Horrorszenario aus Genozid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord, Geiselnahme von UN-Personal, Terror, Angriffen auf Zivilisten – „einige der schlimmsten Verbrechen, die die Menschheit kennt“, so Orie. Fazit: „Die Kammer verurteilt Herrn Mladić zu lebenslänglicher Haft.”

Fikret Alić hat das Titelbild des „Time“-Magazins dabei, das ihn 1992 weltberühmt gemacht hat: bis auf die Knochen abgemagert, blickte er durch den Stacheldrahtzaun des Konzentrationslagers Trnopolje in die Kamera.

„Herr Mladić“ selbst befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits „in einem Raum mit einem Sofa, wo er den weiteren Verlauf verfolgen kann“. So beschreibt der Richter den Ort, an den er den Angeklagten kurz zuvor verbannt hat. Den Beginn der Urteilsverkündung hatte Mladić, in schwarzem Anzug mit roter Krawatte, noch stoisch, mit unbeteiligtem Gesichtsausdruck verfolgt.

Dann aber, nachdem Orie auf Mladićs Wunsch hin eine Pause angeordnet hatte, entspann sich ein bizarres Szenario: Verteidiger Dan Ivetic verwies auf den Blutdruck des Angeklagten, der angeblich gefährlich hoch sei, und bat um Aufschub des Urteilsspruchs. Als Orie das verweigerte, sprang Mladić auf. Wild gestikulierend begann er zu schimpfen und hörte nicht mehr auf, bis er des Saals verwiesen wurde. Damit endet einer der markantesten Prozesse des Jugoslawien-Tribunals, wie er 2011 begann: mit einem grotesken Schauspiel des Mannes, der als „Schlächter des Balkans“ berüchtigt war.

Das Urteil selbst ist kaum überraschend und entspricht der Forderung der Ankläger: Schuldig befunden wird Ratko Mladić unter anderem des Genozids in Srebrenica. Auch seine Verantwortung für die Belagerung Sarajevos und das Terrorisieren der dortigen Bevölkerung sieht das Gericht als erwiesen an. In vier Fällen sei der frühere General zudem ein zentraler Teil krimineller Vereinigungen gewesen – gemeinsam mit weiterem militärischen und politischen Führungspersonal der bosnisch-serbischen Republik.

Übergeordnetes Ziel sei es laut der Urteilsbegründung gewesen, „Muslime und Kroaten permanent aus dem serbisch beanspruchten Territorium in Bosnien-Herzegowina zu entfernen“. An mehreren Stellen in dem Text heißt es, die genannten Verbrechen wären „ohne den Angeklagten nicht in dieser Form begangen worden“. Im Fall des Genozids in Srebrenica sagt Orie, Mladić habe „beabsichtigt, die bosnischen Muslime zu eliminieren“.

Freigesprochen wurde Mladić dagegen im ersten Anklagepunkt: dem Genozid in sechs bosnischen Kommunen zu Beginn des Krieges 1992. Wer diesen und andere Prozesse am Tribunal verfolgt hat, erlebt bei dieser Szene eine Art Déjà-vu: Auf Englisch spricht Orie die Namen dieser bosnischen Orte aus, die vor den Verbrechen kaum jemand im Ausland je gehört hat und die nun für immer mit grausamen Hinrichtungen verbunden sein werden. Die Verbrechen gegen die dortige Bevölkerung, sagt Orie, hätten in mehreren Fällen den Tatbestand der Eliminierung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfüllt. Auch habe es teilweise einen Willen zur „Zerstörung“ der bosnischen Muslime gegeben. Allerdings seien davon „relativ kleine Gruppen“ der jeweiligen Bevölkerung betroffen gewesen.

Von manchen wird er noch immer verehrt: Mural von Ratko Mladić in einem Vorort von Belgrad. (Foto: EPA/Koca Sulejmanovic)

Bei vielen Organisationen von Hinterbliebenen stoßen solche Einschätzungen und Formulierungen auf Kritik – zumal auch der einstige bosnisch-serbische Präsident Radovan Karadžic 2016 in diesem Punkt freigesprochen worden war. Einen Genozid als solchen zu benennen und die Täter zu verurteilen, sei wichtiger als die Höhe der Strafe, hatte am Morgen auch Fikret Alić gesagt. Ein Genozid müsse auch so benannt werden, damit nicht wieder ein neuer entstehen kann, irgendwo auf der Welt.

Dieses Benennen aber ist auch zweieinhalb Jahrzehnte nach Ausbruch des Bürgerkriegs noch immer eine heikle Sache. Zumal im früheren Jugoslawien, wo nicht nur die Vergangenheit, sondern auch der Jugoslawien-Gerichtshof extrem unterschiedlich bewertet wird. „In Bosnien, Serbien und Kroatien sieht sich die Gesellschaft jeweils als Opfer des Kriegs. Also sieht man das Tribunal wahlweise als anti-serbisch oder anti-kroatisch, und in Bosnien kritisieren Opfer, dass die Urteile zu lasch seien.“ So beschreibt es Rada Pejic-Srmac, Mitte 30, aus Serbien stammend und am ICTY für „Outreach“ zuständig – die Kommunikation mit den jugoslawischen Nachfolgestaaten. Ihre Einschätzung ist erschütternd: „Das Tribunal ist dort nie grundsätzlich akzeptiert worden – bis heute nicht.“

Das kleine Büro der „Outreach“-Abteilung liegt hinter der Glastür im Erdgeschoss des ICTY-Gebäudes, im Teil, der für Publikum unzugänglich ist. Wie in anderen Bereichen des Gerichtshofs wurde auch hier das Personal bereits zurückgefahren. Wobei „Outreach“, erst 1999 und damit sechs Jahre nach dem ICTY ins Leben gerufen, nie mehr als zehn Mitarbeiter hatte – verteilt auf die Standorte Den Haag und Sarajevo, Belgrad, Zagreb und Pristina. Heute sind es noch sechs.

„Das Tribunal ist in Serbien nie grundsätzlich akzeptiert worden – bis heute nicht.“

Bereits ein paar Tage vor der Urteilsverkündung empfängt Rada Pejic-Srmac zum Gespräch. Als der Krieg ausbrach, war sie kaum ein Teenager. Seither, sagt sie, versuche sie verzweifelt zu verstehen, wie es soweit kommen konnte. 2007 trat sie der „Outreach“-Abteilung bei, die gegründet worden war, um den Menschen in Ex-Jugoslawien die Arbeit des Tribunals näherzubringen. Zuvor waren nicht einmal die Urteile aus dem Englischen übersetzt. „Es gab keine Kommunikation“, sagt die frühere Journalistin. Sie spricht von einer „verlorenen Periode“, die mit dazu beitrug, dass ein Urteil in Den Haag vor Ort heute noch Potenzial für eine Krise habe.

Die „Outreach“-Mitarbeiter erfahren dies am eigenen Leib, wenn sie zu Veranstaltungen in der Region unterwegs sind. Aber sie erleben auch Lichtblicke: Pejic-Sremac atmet förmlich auf, wenn sie von der Unterstützung durch die Zivilgesellschaft spricht, von jungen Menschen, die in Umfragen sagen, Kriegsverbrechen gehörten vor Gericht – unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit. Sie erzählt von einer Schule im bosnischen Städtchen Stolac, wo sich die zuvor getrennten kroatischen und bosnischen Kinder während einer „Outreach“-Veranstaltung erstmals begegneten, und von einem Essay-Wettbewerb für Schüler und Studenten. „Wir bekamen unglaublich viele Einsendungen. Und beim Lesen merkte man: es gibt Hoffnung.“

Einer, der diese Hoffnung in den letzten Jahren immer wieder beschworen hat, ist Serge Brammertz. Der Jurist aus dem kleinen belgischen Städtchen Eupen ist seit 2008 Chefankläger des Jugoslawien-Tribunals. Dass mit Radovan Karadžic und Ratko Mladić auch die letzten beiden flüchtigen Angeklagten vor Gericht gestellt wurden, sieht er als Erfolg gegen die Straflosigkeit von Kriegsverbrechen. Wichtig war Brammertz, dass in zahlreichen der 161 ICTY-Fälle Vergewaltigung als Anklagepunkt auftaucht; auch diese zentrale Dimension des Krieges sollte nicht ungestraft bleiben. Was ihm hingegen nicht passt, hat er während des Tribunals mehrfach beklagt: die „Glorifizierung von Kriegsverbrechern“.

(Foto: Wikimedia)

Genau darauf zielt Brammertz auch ab, als er kurz nach dem Mladić-Urteil im Foyer des Gerichtshofs vor die Presse tritt. Man merkt ihm die Erleichterung darüber an, dass der Richter der Anklage gefolgt ist. „Ein Meilenstein“, freut sich der Belgier, und verwahrt sich sogleich dagegen, ein solches Urteil richte sich gegen die serbische Bevölkerung. „Es ging einzig und allein um Mladićs Schuld.“ Dieser sei keineswegs ein Held oder Verteidiger seines Volks, wie manche noch immer sagten. Die wahren Helden seien die Zeugen des Bürgerkriegs, die immer wieder die lange Reise nach Den Haag angetreten hätten.

Als der Krieg ausbrach, war Rada Pejic-Srmac kaum ein Teenager. Seither versucht sie verzweifelt zu verstehen, wie es soweit kommen konnte.

Tatsächlich haben seit der Gründung des ICTY im Jahr 1993 insgesamt 4.650 Zeugen dort ausgesagt. In einer detaillierten Untersuchung erlebten die meisten von ihnen ihren Beitrag zur Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit ausgesprochen positiv. 591 dieser Zeugen traten allein im Verfahren gegen Ratko Mladić auf, das sich über 530 Prozesstage hingezogen hat. Ende dieses Jahres wird das Tribunal seine Pforten schließen. Die verbleibenden Berufungsverfahren werden von der Nachfolge-Organisation „Mechanism for International Criminal Tribunals“ (MICT) abgehandelt, die im selben Gebäude sitzen wird. Unter anderem wird es dabei auch um Radovan Karadžic gehen, den Präsidenten der bosnischen „Republika Srpska“.

Erwartet wird, dass Mladićs Verteidigung ebenfalls in Berufung gehen wird – der Sachlage des Urteils zum Trotz. Dass Fikret Alić dann auch wieder nach Den Haag kommt, ist eher unwahrscheinlich. Was ihm auf der Heimreise durch den Kopf gehen mag, an Bord seines Busses, in die dunkle Landschaft starrend. Irgendwo im Gepäck hat er die Titelseite des „Time“-Heftes, die an diesem Tag wieder Hunderte Male fotografiert und gefilmt worden ist. Jetzt sind die Scheinwerfer und Kameras weg. Knapp anderthalb Tage, dann wird Fikret Alić zurück sein in Kozarac, Kreis Prijedor, im Nordwesten Bosniens.

Prijedor liegt dort, wo der Krieg in Bosnien-Herzegowina begonnen hat. Wo es schon im Frühjahr 1992 Konzentrationslager gegeben hat. Hätte man den Krieg damals schon aufgehalten, meint Alić, wäre Srebrenica nicht passiert. Deswegen ist es ihm so wichtig – wichtiger noch als das Strafmaß für Mladić – dass ein Genozid als solcher benannt wird, nicht nur in Srebrenica, sondern auch in den Kommunen im Nordwesten.

Serge Brammertz wird auch dem ICTY-Nachfolger MICT als Chefankläger erhalten bleiben – ebenso wie Alić als Präsident dem Verein, mit dem er sich zu Hause in Kozorac dem Gedenken an den Krieg widmet: „Als Zeugen des Genozids setzen wir uns dafür ein, dass so etwas nie wieder geschieht.“

Tobias Müller berichtet für die woxx vorwiegend aus den Niederlanden und Belgien.

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