Moderne Klassiker: Autor der Vielstimmigkeit

Die längst überfällige und äußerst gelungene Neuübersetzung von William Faulkners „Absalom, Absalom!“ ermöglicht gleichermaßen die Neuentdeckung eines Klassikers der Moderne wie auch eines zentralen Werkes der amerikanischen Literatur.

1365LitBuchBILDAbsalomDie Suche nach der Great American Novel, dem großen amerikanischen Roman, durchzieht die amerikanische Literaturgeschichte wie ein roter Faden. Die Frage, wer sie geschrieben hat, ist bis heute unbeantwortet. William Faulkner (1897-1962) gehörte immer zu den heißesten Anwärtern. Der Literaturnobelpreisträger steht wie kein zweiter Schriftsteller für den Übergang des US-Romans in die literarische Moderne. Als er das Manuskript für „Absalom, Absalom!“ abgab, war es Faulkner selbst, der behauptete, dies sei der beste Roman, der je von einem Amerikaner geschrieben wurde. Wie heute gesagt wird, fiel die Bemerkung damals im Suff. Gleichwohl ist das 1936 erschienene Buch eines der besten und prägendsten in der amerikanischen Literaturgeschichte.

Mit zwei Revolvern und ein paar Münzen spanischen Geldes ausgestattet, taucht Thomas Sutpen auf einem Pferd in Begleitung eines französischen Architekten und einiger Sklaven im Sommer 1833 in einer Kleinstadt im fiktiven Yoknapatawpha County auf, das im US-Bundesstaat Mississippi liegt. Der zwielichtige Rassist erwirbt von den Indianern Land, errichtet eine Baumwollplantage und baut ein Herrenhaus namens „Sutpen’s Hundred“ – eine Villa ohne Fenster, wie es heißt. Er heiratet Ellen Coldfield, die Tochter eines angesehen Ladenbesitzers. Es ist keine glückliche Beziehung: „Die Ehe war in der Tat verregnet.“ Sutpen wird mit Ellen zwei Kinder haben, den Sohn Henry und die etwas jüngere Tochter Judith. Dies ist der Anfang einer Familiendynastie. Zwar kommt Sutpen zu Reichtum, die Anerkennung der Einwohner von Jefferson bleibt ihm jedoch versagt.

Jahre später bringt Henry seinen Studienfreund Charles Bon mit nach „Sutpen’s Hundred“. Der schöne, exotisch-elegante Charles verdreht beiden Geschwistern den Kopf, verliebt sich aber in Judith. Sutpen verbietet die Heirat der beiden jungen Leute, weil Bon sein Sohn aus erster Ehe mit der Tochter eines reichen Plantagenbesitzers auf Haiti ist. Henry verlässt das Elternhaus und zieht, ebenso wie sein Vater und Charles, in den amerikanischen Bürgerkrieg.

Der Titel des Romans geht auf den alttestamentarischen Klageruf des jüdischen Königs David über den Tod 
seines abtrünnigen 
Sohnes Absalom zurück.

So beginnt die Handlung der komplexen Saga über den Aufstieg und Untergang einer Familie, die ein Jahrhundert umspannt und von welcher die LeserInnen sofort in den Bann gezogen werden. Sie steht stellvertretend für das historische Schicksal der Südstaaten. In Rückblenden von fünf Erzählern aus vier unterschiedlichen Perspektiven erzählt, werden die verschiedenen Geschichten durch einige Figuren verbunden. Beispielsweise durch den Studenten Quentin, den Faulkner bereits in seinem Roman „Schall und Wahn“ (1929) eingeführt hat. Darüber hinaus gibt es einen auktorialen Erzähler, der alle Perspektiven überblickt. Die Erzählweise ist also nicht linear, sondern verschachtelt. Der Roman ist polyphon und komplex und damit schwierig. Seine Struktur ist mehrdimensional. Dialoge und innere Monologe verschmelzen.

Außer dem Rassismus der Südstaatenwelt behandelt Faulkner die Themen Homosexualität, Inzest und Bigamie. Um die Hauptperson Thomas Sutpen ranken sich Mythen. Es wird erzählt, dass er wie ein Wilder mit seinen Sklaven lebt, mit denen er Französisch spricht. Ein anderes Mal wird berichtet, dass er sie wie Jagdhunde einsetzt und mit ihnen Faustkämpfe veranstaltet, bei denen er ab und zu selbst in den Ring steigt. Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) kämpft er wie seine beiden Söhne auf der Seite der Konföderierten und wird Colonel. Seine erste Frau, mit der er in Haiti Charles Bron zeugt, verstößt er, als er erfährt, dass sie „Negerblut“ in sich trage. Sutpen wird mehrmals als „Dämon“ dargestellt.

Die Sätze mäandern, mal schwerfällig oder mal wie der poetische Fluss eines Dichters, der in Natur- und Situationsbeschreibungen schwelgt. Faulkner bedient sich der Überhöhung, wenn er zum Beispiel „einen dämmerigen, stickigen Raum“ beschreibt, „dessen Fensterläden seit dreiundvierzig Sommern allesamt geschlossen und verriegelt waren, weil irgendwer in ihrer Jungmädchenzeit geglaubt hatte, dass Licht und bewegte Luft Hitze brächten und Dunkelheit stets kühler sei, und der (während die Sonne immer kräftiger auf jene Seite des Hauses schien) ein gelbes Streifenmuster voller Stäubchen bekam, die Quentchen sich als Teilchen der toten, alten, getrockneten und von den Fensterläden abblätternden Farbe dachte, hereingeweht, wie etwa ein Windstoß sie hereingeweht haben könnte“.

Die Sätze sind spärlich punktiert und ziehen sich oftmals über halbe Seiten. Der Hauptsatz scheint dabei manchmal dabei verloren zu gehen, doch der lyrische Ton wirkt hypnotisierend auf den Leser. Details werden vergrößert, Nebensächlichkeiten bedeutsamer. Dabei tritt der für Faulkner typische „Stream of consciousness“, der unkontrollierte, assoziativ-fließende Gedankenstrom einer Figur, im Vergleich zu „Schall und Wahn“ deutlich zurück. Typisch für den Autor ist auch, dass sich die Zeitebenen, Vergangenheit und Gegenwart überlagern. Sie fließen ineinander über, wie auch die Schicksale der einzelnen Personen miteinander verwoben sind.

Der Titel des Romans geht auf den alttestamentarischen Klageruf des jüdischen Königs David über den Tod seines abtrünnigen Sohnes Absalom zurück, der seinen Halbbruder erschlug, nachdem dieser die Schwester vergewaltigt hatte. Für den Roman bekam Faulkner einen Vorschuss von 1.500 Dollar und versprach, nicht mehr zu trinken. Er brauchte zwei Jahre dafür. Mehrmals unterbrach er das Schreiben, weil er Auftragsarbeiten annehmen musste oder weil er an Schreibblockaden litt. Letztere lähmten den Autor ein ums andere Mal. Als der Roman fertig war, musste Faulkner für eine Entziehungskur in die Klinik.

Nikolaus Stingl, der zuvor Werke unterschiedlicher Autoren wie William Gaddis, Thomas Pynchon und Cormac McCarthy ins Deutsche übersetzt hatte, liefert eine brillante Neuinterpretation des Texts. Seine Übersetzung ist realistisch bis wuchtig, lyrisch bis umgangssprachlich, die alte von 1938, seit Jahren vergriffen, war hingegen schwerfällig.

Nachdem zuvor „Licht im August“ (2008), der vielleicht zugänglichste Roman Faulkners (woxx 946), sowie „Als ich im Sterben lag“ (2012) und „Schall und Wahn“ (2014) endlich neu auf Deutsch veröffentlicht worden sind, stellte „Absalom“ vielleicht die größte Herausforderung für einen Übersetzer dar. Stingl hat sie gemeistert, obwohl dies bei Faulkner nicht einfach ist, denn von einem typischen Faulkner-Stil, an dem sich eine Übertragung des Texts orientieren könnte, lässt sich kaum sprechen.

Liest man einen der genannten Romane, dann ist zu verstehen, warum sich viele LeserInnen damit schwerer taten als beispielsweise mit Margaret Mitchells Schmonzette „Vom Winde verweht“. Aber auch, warum Schriftsteller weltweit Faulkner zum Vorbild nahmen, ob in Amerika, Europa oder anderswo. Er ist der Autor der Vielstimmigkeit, der die Realität in seiner Prosa auf geradezu lyrische Weise darzustellen vermochte und ihr einen höheren Sinn gab.

William Faulkner: Absalom, Absalom! Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, 2015, 480 Seiten.

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