Monodrama-Festival: „Wie Luxemburgs Lebensrealität“ 


Zum 6. Mal findet in diesem Jahr das Fundamental Monodrama-Festival statt. 17 Produktionen in fünf Sprachen bilden einen künstlerischen Kontrapunkt zum Ausgang des Referendums. Zur Halbzeit des Festivals zieht dessen Direktor Steve Karier eine erste Bilanz.

(© Damien Valette)

(© Damien Valette)

woxx: Was war die Idee des Festivals? Und wie hat es sich seit seiner Gründung verändert? Es wird ja auch an ungewöhnlichen Orten gespielt …


Steve Karier: Entstanden ist es 2010. Zuerst wurde es nur in Niederanven veranstaltet. Es ist eine Weile umhergewandert und findet jetzt im dritten Jahr in der Banannefabrik statt. Und es kommt drauf an, da ist „TaTi – Take Time“ – eine Reihe, die im öffentlichen Raum gespielt wird oder aber im Museum. Damit erkunden wir eine andere Form. Zudem ist es so, dass Theater im öffentlichen Raum mittlerweile belegt ist durch Clownerie, durch Straßentheater. Das ist ein wenig schade. Ich habe nichts gegen diese Form, aber Theater im öffentlichen Raum reduziert sich darauf, und andere Formen geraten durch den ganzen Spaß- oder Eventkulturwahn in Vergessenheit.

Wie läuft es bisher in diesem Jahr? Wird ein breites, heterogenes Publikum erreicht? Auch bei Tanzstücken? Tanz-Performances ziehen ja ein anderes Publikum an, Moderner Tanz ist oft weniger zugänglich.


Nein, im Gegenteil, Tanz-Performances haben in Luxemburg mittlerweile ein größeres Publikum als komplexere Darstellungsformen. Das hat ein wenig mit den Sprachbarrieren zu tun, es ist eine luxemburgische Eigenheit. Tanz kennt die Sprachbarrieren nicht und ist deshalb allen in Luxemburg lebenden Menschen zugänglich. Zum anderen haben wir Tanz in dem Festival, weil natürlich das Festival pluridisziplinär und nicht auf Sprechtheater beschränkt ist. Von vornherein ist das so, sonst wäre das gesamte Projekt sinnlos. Und wir haben ja verschiedene Reihen, wie das „Minimono“ in Niederanven. Das sind Solo-Performances für Kinder. Das Hauptprogramm zieht wieder ein ganz anderes Publikum an. Im „TaTi“ sind es in der Regel Passanten. Die wenigsten, die sich das angucken, gehen explizit dahin. Was das eigentliche Festival in der Banannefabrik angeht, sind wir im Moment bei einer Auslastung von knapp 85 Prozent. Die Ziele, die wir uns gesetzt haben, sind damit mehr als erreicht.

Funktioniert die Mehrsprachigkeit? Es sind ja Stücke auf Französisch, Englisch, Lëtzebuergesch und Deutsch.


Ja, auch auf Arabisch! Selbst das Arabische scheint die Leute nicht abzuschrecken. Für eine gute Performance lassen sie sich drauf ein. Insgesamt ist die Mehrsprachigkeit ohnehin eine gesellschaftliche Realität. Natürlich kommt für Danny Bravermans Produktion „Wot? No Fish!!!“ mehr angelsächsisches Publikum, andere Produktionen wie die von Sawsan Bou Khaled ziehen eher ein frankophones Publikum an. Ein solches Angebot ist notwendig, wenn man ein Festival machen möchte. Es ist für mich nichts Ungewöhnliches: Sieht man sich das Programm der größeren Häuser an, so wird ja auch auf den Bühnen der Stadt Luxemburg letztlich in vier Sprachen gespielt. Für die ausländischen Besucher ist das allerdings überraschend. Im letzten Jahr hat es ein griechischer Kritiker sehr treffend in Worte gefasst: Offenbar ist dieses Festival ein klarer Ausdruck dessen, was in Luxemburg die Lebensrealität ist.

Die Stücke behandeln eine weite Bandbreite von Themen: Migration, Emanzipation, das Spiel mit Identitäten und ihr Hinterfragen, Kriege … Gibt es in diesem Jahr einen roten Faden? Gibt es ein Highlight? 


Ein Highlight will ich nicht nennen. Es ist zu viel los. Wir versuchen, weitgehend bei der Programmierung die Notwendigkeit des Themas und der Darstellung zu sehen. Da kommt man automatisch zu politisch relevanten Erzählungen, weil das die Erzählungen sind, die den Autoren und Performern unter den Nägeln brennen. Das hat zum Teil mit ihren Beobachtungen oder ihrer Lebensrealität zutun, wie bei Deah Loher oder der syrischen Schauspielerin Amal Omran. Das war in den letzten Jahren immer ein Ansatz. Man könnte es „sozialkritisch“ nennen, wenn der Begriff nicht so abgedroschen wäre.

Ihr Wunsch für die Entwicklung des Festivals? Sie trotzen ja den Einsparungen im Kulturbereich. „Le Fundamental Monodrama fait sa résistance„ haben Sie getitelt. Haben Sie eine Prognose?


Ich möchte keine Prognosen mehr abgeben. Ich lebe jedes Festival so, als könnte es das letzte sein. Unsere Finanzierung ist einfach so unsicher, dass es fahrlässig wäre, vorauszusagen, was nächstes Jahr sein wird. Wir sind da völlig abhängig von Entscheidungen, die wir nicht beeinflussen können. Pläne gibt es genug, Möglichkeiten, Ideen – das ist nicht das Problem!

Das Monodrama Festival läuft noch bis zum 21. Juni 2015. Informationen über Programm und Spielorte unter: www.fundamental.lu

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