Musiktherapie: „Musik erreicht jeden“

Dass Musik eine heilende Wirkung hat, ist seit langem erwiesen. Der „Europäische Tag der Musiktherapie“ am 15. November gibt der Luxemburger Vereinigung „GML“ und dem Europäischen Dachverband „EMTC“ Gelegenheit, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren.

Lieber auf den Gong einschlagen als auf die Schwester.

Lieber auf den Gong einschlagen als auf die Schwester.

„Was halten Sie von Musik?“ fragt ein Arzt einen Alzheimer-Patienten im Film „Alive Inside“. „Mein Herz schlägt für Musik. Ich liebe Musik“, antwortet der. Der Dokumentarfilm zeigt, wie Musikstücke bei dementen Menschen starke Gefühle auslösen, wie sie Erinnerungen wecken. Musik aktiviert mehr Synapsen im Gehirn, regt umfassender an als alles andere, so die unmissverständliche Botschaft. „Jeder Mensch braucht Stimulation von außen – vom Kindesalter an bis ins hohe Alter“, erklärt ein Arzt im Film. Nun mag der Ansatz, fast ausschließlich Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen, also Demente, schwer an Multipler Sklerose Erkrankte oder Menschen, die in sich gekehrt und zurückgezogen sind, vor die Kamera zu stellen, etwas abgeschmackt wirken. Doch beeindruckt „Alive Inside“ gerade durch jene Szenen, in denen diese aufhorchen, lachen und weinen und sogar tanzen. Plötzlich kommen Erinnerungen an Kindheit, Jugend oder frühe Phasen des Lebens hoch, und die erloschen wirkenden Augen der älteren Menschen leuchten auf. – Der Luxemburger „Gesellschaft fir Musiktherapie ze Lëtzebuerg“ (GML) schien der Film so wertvoll, dass sie ihn in ihre Veranstaltungen zum Europäischen Aktionstag aufnahm.

Seit über zehn Jahren kämpft die Organisation für die offizielle Anerkennung der Musiktherapie in Luxemburg. Laut Definition der GML ist Musiktherapie „der gezielte Einsatz von Musik zum Fördern, Entwickeln, Pflegen und Wiederherstellen der Gesundheit des Menschen in seiner körperlich-seelisch-geistigen Ganzheit“. Musiktherapie mobilisiert Ressourcen und Potenziale präventiv, rehabilitativ und kurativ – mit dem Ziel, die Lebensqualität zu optimieren. Als non-verbales Kommunikations- und Ausdrucksmittel vermag Musik den Menschen in seiner Emotionalität zu berühren und in ihm kognitive, soziale und kreative Fähigkeiten zu entfalten, die es ihm ermöglichen, die Anforderungen und den Leistungsdruck des Lebens besser zu bewältigen. Mit Klang, Rhythmus, Melodie, Harmonie, Dynamik und Form setzt Musik in rezeptiver und/oder aktiver Form intrapsychische und interpersonelle Prozesse in Gang. „In Resonanz mit einem qualifizierten Musiktherapeuten werden diese Prozesse indikationsspezifisch verbal und/oder non-verbal im Einzel- oder Gruppensetting weiter bearbeitet“ heißt es auf der Web-Seite der GML, die vor elf Jahren mit dem Ziel gegründet wurde, die Idee der Musiktherapie zu verbreiten und ihre Anerkennung zu erwirken.

Doch die Musiktherapie gehört zu den alternativen Therapieformen und ist damit ein von der klassischen Schulmedizin nicht zwangsläufig anerkanntes Konzept. Zudem umfasst der summarische Begriff viele unterschiedliche Konzeptionen, die in methodischer Hinsicht tiefenpsychologischen, verhaltenstherapeutisch-lerntheoretischen, systemischen, ganz-
heitlich-humanistischen und integrativen Ansätzen folgen.

Musiktherapie mobilisiert Ressourcen und Potenziale präventiv, rehabilitativ und kurativ – mit dem Ziel, die Lebensqualität zu optimieren.

In Luxemburg wird Musiktherapie in der Psychatrie, in der Logopädie und bei Menschen mit Lernschwierigkeiten in Sonderschulen („Pédagogie différenciée“) eingesetzt. Auch hier gibt es verschiedene Richtungen. Die Verfahren sind entweder systemisch oder erkenntnistherapeutisch orientiert – genau wie die psychotherapeutischen Ausbildungen. In der Psychiatrie findet Musiktherapie mitunter Anwendung, um unterdrückte Gefühle auszudrücken oder zu kanalisieren. Gerade Aggressionen oder starke Ängste können Patienten über den Gebrauch von Musikinstrumenten ausleben. In der Sprachförderung arbeiten Musiktherapeuten zum Beispiel mit einem speziellen Resonanzboden, der die Vibrationen wiedergibt (etwa um die Sprache zu lernen). Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung oder Hörgeschädigte machen bei der Musiktherapie oft die Erfahrung, dass sie fast ebenso gut die Rhythmen spüren wie Nicht-Behinderte.

Die Arbeit der GML auf nationaler Ebene wird seit 2006 durch ein internationales Engagement – als Mitglied der „European Music Therapy Confederation“ (EMTC) – ergänzt. Am 15. November 1990 wurde dieser europäische Dachverband gegründet mit dem Ziel, Musiktherapeuten aus ganz Europa miteinander zu vernetzen. 2014 proklamierte die Vereinigung einen jährlich stattfindenden „Europäischen Tag der Musiktherapie“ am Gründungsdatum der Organisation, der per „Tag der offenen Türen“ auch in Arztpraxen begangen werden soll. In diesem Jahr wird es neben der Vorführung von „Alive Inside“ auch Rundtischgespräche geben, und am Tag darauf hält die österreichische Referentin Dr. Elena Fitzthum in den Räumlichkeiten der Copas einen Vortrag mit dem Titel „Same but different – Was die Musiktherapie im Vergleich 
zur Psychotherapie leisten kann“.

Dass sich auf dem Feld der Musiktherapie Leute mit unterschiedlichsten Ausbildungen und Qualifikationen tummeln, macht ihre Akzeptanz nicht einfacher. Gerade weil die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist, bieten viele Leute „Musiktherapie“ an, die „irgendetwas mit Musik“ gemacht haben. Das kann eine reguläre Ausbildung sein, aber auch ein Workshop von ein oder zwei Tagen. In den vier EU-Ländern, in denen die Musiktherapie anerkannt ist – neben Österreich auch England, Litauen und Lettland -, ist die Forschung entsprechend weiter, bieten auch Universitäten das Fach „Musiktherapie“ als Master- oder Aufbau- bzw. ergänzenden Studiengang nach einem Psychologie- oder Musikstudium an.

In Luxemburg wird Musik-therapie in der Psychatrie, in der Logopädie und 
bei Menschen mit Lernschwierigkeiten in Sonderschulen eingesetzt.

Den häufig von Laien erhobenen Vorwurf der Esoterik wollen Musiktherapeuten nicht gelten lassen. „Die Musiktherapie ist eine Wissenschaft“, betonen sie. Hirnforscher könnten die Wirkung von Musik nachweisen und präzise angeben, wie und an welcher Stelle Klänge im Gehirn wirken. Freilich gebe es auf dem weitläufigen Markt viele Angebote, die man als esoterisch einstufen muss. Dessen sind sich auch die GML und EMTC bewusst und haben deshalb ein Register erstellt und sich Qualitätskriterien gegeben. „Wir registrieren dort nur Musiktherapeuten, die eine anerkannte staatliche Ausbildung haben, über eine Berufspraxis von mindestens einem Jahr verfügen und sich regelmäßig Weiterbildungen und Supervisionen unterziehen. Und wir haben unseren „Ethik-Kodex“ aufgestellt“, erläutert eine Mitarbeiterin der GML. Das sei auch eine Art Selbstschutz. Die GML versuche, das Register bekannt zu machen und sich ein Stück weit von dem restlichen Angebot abzugrenzen. Rund 5.000 anerkannte Musiktherapeuten gibt es in Europa; in Luxemburg ist etwa eine Handvoll registriert.

Bedarf scheint aber gegeben: Zunehmend wenden sich Institutionen an die GML, die gern einen Musiktherapeuten einsetzen würden, mangels gesetzlicher Regelungen jedoch nicht wissen, wie man einen einstellt und bezahlt.

Die Vorgängerregierung hatte kaum Bereitschaft zu erkennen gegeben, Musiktherapie offiziell anzuerkennen. An die derzeitige Gesundheitsministerin hat die GML eine Anfrage gerichtet. Der Mangel an Offenheit dürfte in Luxemburg zudem in erster Linie mit den hohen Kosten zusammenhängen, die im Falle einer Anerkennung der Therapieform auf die Krankenkasse zukämen. Es müsste eine Regelung gefunden werden, die Therapeuten angemessen zu bezahlen und die Kosten von der CNS erstatten zu lassen. Doch angesichts des Psychotherapeuten-Gesetzes, das derzeit ausgearbeitet wird, und den mit ihm verbundenen Kosten ist dies wohl kaum ein Szenario, das bei der amtierenden Regierung Begeisterung auslöst.

Rund 5.000 anerkannte Musiktherapeuten gibt es in Europa; in Luxemburg ist etwa eine Handvoll registriert.

Natürlich ist die Musiktherapie nicht für jeden geeignet. Für manche ist zum Beispiel Kunsttherapie die bessere Variante. Und Menschen, die sich gar nicht auf alternative Ansätze einlassen wollen, wird eine solche Therapie vermutlich – ähnlich wie bei einem Patienten, dem eine Psychotherapie aufgezwungen wird – wenig bis gar nichts bringen. „Der Vorteil der Musiktherapie ist aber, dass man mit ihr auch Leute erreicht, die man über die Sprache nicht mehr erreicht, etwa Alzheimer-Kranke, Autisten oder Kleinkinder, die noch nicht sprechen. Musik erreicht eben jeden, und sie ist eine Therapie-Form ohne Nebenwirkungen“, erklärt eine Musiktherapeutin, die lange im Behindertenbereich tätig war. Werde die offizielle Anerkennung weiterhin verweigert, so zementiere das die bestehende Ungerechtigkeit, dass nur Kinder von Eltern das Angebot in Anspruch nehmen können, die das Geld dafür haben.

Die Projektion des Films „Alive Inside“ mit anschließendem Rundtischgespräch findet am kommenden Donnerstag, den 19. November um 20h in der Cinémathèque statt.
Weitere Informationen zum Programm des Europäischen Tags für Musiktherapie unter: www.europeanmusictherapyday.com und www.musiktherapie.lu

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