Nach dem Neoliberalismus
: Philosophie der Selbstverantwortung

Mark Terkessidis entwirft eine Theorie der Kollaboration, bei der die Unzufriedenheit mit den Institutionen sich in Aktivität der Bürger umsetzt. Zu diskutieren bleibt, wie selbstbestimmt ihre sozialen Verhältnisse dadurch werden.

Kann dem Rückzug des Staates aus der sozialen Verantwortung einiges abgewinnen: Der Autor und Sozialwissenschaftler Mark Terkessidis. (Foto: Internet)

Kann dem Rückzug des Staates aus der sozialen Verantwortung einiges abgewinnen: Der Autor und Sozialwissenschaftler Mark Terkessidis. (Foto: Internet)

„Kollaboration hat in Kontinentaleuropa keinen guten Ruf.“ Mit diesen Worten beginnt Mark Terkessidis sein Buch „Kollaboration“. In der Tat denken auch in Luxemburg die meisten, wenn sie den Begriff hören oder lesen, an die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg und an jene „Kollaborateure“, die sich aus Angst, Feigheit oder Überzeugung mit den deutschen Besatzungstruppen und den Nazis eingelassen haben.

Der 1966 geborene deutsche Autor, Publizist und Migrationsforscher Mark Terkessidis begreift „Kollaboration“ anders. Er erinnert an die neutrale oder sogar positive Konnotation des Begriffs „collaboration“ im Englischen, in der es um kollektive Zusammen-Arbeit im Sinne des Wortes geht. Diese sei, so Terkessidis, in den letzten Jahren ein entscheidender Faktor geworden. Denn auf den Staat als paternalistische Autorität, den viele Menschen einst noch als Rückhalt verstanden haben, ist kein Verlass mehr.

Terkessidis zufolge war diese Autorität am ehesten Realität, als das Leitprinzip der Gesellschaft noch Disziplin hieß. Die Menschen lebten in sogenannten Einschließungsmilieus, wie der Autor erklärt. Das konnte die Familie, die Schule, das Militär, aber auch eine Fabrik, ein Büro oder ein Gefängnis sein. Der Staat war diesen übergeordnet. Die Individuen entwickelten ein „Über-Ich“, das die Überwachung von innen organisierte und als schlechtes Gewissen Schuldgefühle entstehen ließ, wenn die Disziplin nicht eingehalten wurde.

Vor allem seit den 1960er Jahren hat sich Widerstand gegen die permanente Disziplinierung geregt. „Seitdem hat sich der Griff der Disziplin gelockert“, schreibt Terkessidis, „aber verschwunden ist sie nicht.“ Bereits in der politischen Gemeinschaft der griechischen Polis, die heute als modellhafter Stadtstaat gleicher und freier Bürger begriffen wird, herrschte Disziplin vor.

Auch über unsere heutige Gesellschaft wird noch immer als Kontrollgesellschaft gesprochen, ob im Zug der NSA-Affären oder im Zeitalter der Internetkultur. Allerdings geht es weniger um Disziplinierung als um Grenzwertermittlung und penetrante Evaluation.

Die mit dem Neoliberalismus einhergehende Deregulierung hat zwar den staatlichen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft reduziert. Die Disziplinartechniken sind jedoch nur optimiert worden – wie von Michel Foucault bereits in den 1970er Jahren beschrieben. Foucault hat unter anderem in seinem Werk „Überwachen und Strafen“ ein Schwinden der Einflüsse machtausübender Institutionen beobachtet. An deren Stelle traten subtilere Zwischeninstitutionen.

Terkessidis hat in seinem vor fünf Jahren entstandenen Buch „Interkultur“ der Polis, der homogenen Bürgergemeinde, die sich stets weiterentwickelnde, vielschichtige und von einer hohen Mobilität gekennzeichnete Parapolis entgegengesetzt. Er beschreibt sie als ein urbanes Nebeneinander von unterschiedlichen Lebensentwürfen, eine Gesellschaft der Vielheit, in der es „keine gemeinsame Vergangenheit mehr gibt“.

Statt einer Leitkultur gibt es eben eine „Interkultur“. Der Begriff der Leitkultur wurde einst von dem deutschen Politikwissenschaftler syrischer Herkunft Bassam Tibi eingeführt und meint einen westlich geprägten europäischen Wertekonsens. Sie beinhaltet Werte wie Demokratie, Aufklärung und Menschenrechte. Allerdings wurde die „Leitkultur“ um die Jahrtausendwende von dem deutschen CDU-Politiker Friedrich Merz politisch instrumentalisiert und als „deutsche Leitkultur“ konservativ ausgelegt.

Auf die Vorstellung einer Interkultur haben die gegenwärtigen Institutionen Terkessidis zufolge aber keine zufriedenstellende Antwort mehr: „Sie nehmen zu wenig Rücksicht auf kulturelle Besonderheiten.“ Maßnahmen zur Interkultur sind stattdessen pragmatische Handlungsregeln. Sie beziehen sich auf die Institutionen. Interkultur gibt nichts vor, sondern stellt nur einen Rahmen zur Verfügung, innerhalb dem sich die Vielheit entfalten kann und „deren kleinste Einheit das Individuum als unangepasstes Wesen“ ist.

Die Sesshaftigkeit ist für Terkessidis keine Voraussetzung für die Definition eines politischen Gemeinwesens.

Dabei geht es nicht um Integration. Dieser Begriff ist nach Terkessidis veraltet. Das „Wir“ werde darin als Norm verstanden, die „Hinzugekommenen“ hingegen hätten Defizite und sind aufgefordert, sich integrieren, indem sie sich der Norm anpassen. Diesem Denken setzt der Autor die Kollaboration entgegen. Kollaboration sei nötig, denn der Staat, der einst vor allem autoritär war, ist heute häufig nicht mehr zu erreichen. Die neoliberale Politik der 1990er Jahre mit ihrer Forderung nach mehr Eigenverantwortung hat dafür gesorgt, dass sich die Bürger nicht mehr auf die Behörden, also auf den Staat, verlassen können.

Das Vertrauen der Bürger in die Politik ist demnach erschüttert. Politiker versagen in den Augen vieler bei der Aufgabe, sich um die grundlegenden Gemeingüter und Lebensgrundlagen zu kümmern. Als Reaktion darauf ist beispielsweise eine „Kultur des Teilens“ entstanden. Booksharing, Carsharing, Landsharing, Wohnungssharing oder Sharing im Finanz- und Versicherungswesen, aber auch Tausch-, Verleih- und Verschenkbörsen, Crowdsourcing und Crowdfunding, Wikipedia und einiges mehr – immer wieder entstehen neue Plattformen und Netzwerke. Der kollaborativen Entwicklung scheinen keine Grenzen gesetzt. Zugleich tragen all diese Formen auch die Züge einer bloßen Verwaltung des Elends, das die neoliberale Wirtschaftspolitik hinterlassen hat. Statt die Kapitalwirtschaft kritisch zu hinterfragen, drohen sich die Menschen notdürftig in der künstlich produzierten Knappheit einzurichten.

Angesichts der Flüchtlings- und Migrationsproblematik in Europa ist der neue Kulturbegriff, den Terkessidis fordert, besonders interessant, denn er macht auch vor Grenzen nicht halt. Die Sesshaftigkeit ist, im Gegensatz zur griechischen Polis, keine Voraussetzung für die Definition eines politischen Gemeinwesens. Darin spielt selbst die Staatsbürgerschaft keine herausragende Rolle mehr, auch wenn fortschrittliche Projekte wie die versuchte Einführung des Ausländerwahlrechts etwa in Luxemburg einen Dämpfer erhalten: „Die geographischen und kulturellen Positionen der Bürger sind flüchtig; niemand befindet sich mehr auf seinem angestammten Platz, die Stadt ist eine vielgliedrige Parapolis geworden“, legte Terkessidis bereits in dem gemeinsam mit Tom Holert verfassten Buch „Fliehkraft – Gesellschaft in Bewegung“ (2006) dar.

Alles in allem haben die Freiheitsgewinne der letzten Jahrzehnte zu neuen Formen der Selbstorganisation geführt. „Wir sind Kollaborateure, im positiven wie im negativen Sinne“, schreibt Terkessidis.

Allerdings sind viele Formen der Kollaboration kurzlebig. Das „egoistische Gen“ als Antrieb der menschlichen Entwicklung hat ausgedient. Was zählt, ist die Fähigkeit zur „Super-Kooperation“. Partizipation wird beschworen. Kollaboration ist mehr als Partizipation und auch mehr als Kooperation. Aber ist sie wirklich autonom oder ist sie vielleicht doch fremdbestimmt – also nichts weiter als eine weitere Optimierung der von Foucault festgestellten „Submacht“? Der französische Philosoph versteht diese als einen mikroskopisch kleinen Faden, der die Individuen durchzieht. „Submacht“ beschreibt einen Mechanismus, der den Individuen innewohnt und sie aus sich selbst heraus dazu bringt, sich an einen Apparat zu binden und in seinem Sinne zu handeln.

Terkessidis kann dem neoliberalen Denken immerhin als positiv abgewinnen, was von den Neoliberalen gebetsmühlenartig eingefordert wird: Eigenverantwortung. Sie ist eine Art Grundvoraussetzung. Er nennt Beispiele der „individuellen Disposition“ für die Kollaboration in den ersten beiden Kapiteln des Buches, wenn er als Beispiel unter anderem die Müllproblematik seiner Wahlheimat Berlin anführt, mit der die zuständigen Behörde überfordert ist. Wo das Ordnungsamt versagt, schaffen kollaborierende Individuen für Ordnung. Er kritisiert die Bürokratie, der gegenüber sich die vom Neoliberalismus „freigesetzten“ Individuen gemeinwohlorientiert organisieren und den Müll einfach selbst wegräumen. Mit dem Freiheitszuwachs für die Individuen geht eine hohe Belastung einher: Der Staat ist abwesend oder unberechenbar.

Im Laufe all dieser Veränderungen hat sich die Bürokratie kaum verändert. Im Beamtenapparat können sich reformorientierte Kräfte kaum durchsetzen. Die Bürokratie ist weltabgewandt, konstatiert Terkessidis, was zwangsläufig zur Kollision mit den Initiativen der Individuen führt. Er nimmt dabei Rückgriff auf die Ideen des jugoslawischen Schriftstellers Milovan Djilas von den Bürokraten als einer „neuen Klasse“. Interessant ist der Widerspruch, der entsteht, wenn man Terkessidis‘ Kritik an den Institutionen liest und diese dann seinen jüngsten Äußerungen gegenüberstellt: angesichts der Flüchtlinge und der anschwellenden Pegida-Bewegung hatte er ein Migrationsministerium gefordert – eine weitere Institution.

Terkessidis geht ausführlich auf alle möglichen Formen der Kollaboration ein – auch im Kunst- und Kulturbetrieb. Dabei verfranzt er sich gelegentlich in den Details. Auf das Thema Ungleichheit geht er nur kurz im Schlusswort ein, wenn er die neofeudalen Formen der Rentengesellschaften oder die Spekulation mit Immobilien anprangert.

Terkessidis‘ Parapolis ist eine Gesellschaftsform von Menschen, die in ihr zwar nicht in Konkurrenz leben, aber auch nicht im Kollektiv: sie leben in „Kollektionen“. Dies könnte eine Antwort auf die anarchistische Grundfrage sein, inwiefern Menschen individuell frei sein und sich zugleich mit anderen assoziieren können.

Am Ende bleibt der Autor Antworten schuldig. Auch zu den fremdenfeindlichen „Wutbürgern“ von Pegida weiß er keinen Rat. „Er habe kein Ergebnis zu verkünden. „Zeiten, die den Charakter von Sammelsurien haben, verlangen auch eine Philosophie des Sammelsuriums“, schreibt Terkessidis. Ein Sammelsurium, das sich zu lesen lohnt.

Mark Terkessidis: Kollaboration. 
Suhrkamp, 2015.

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