Neue Weltraumfirma Kleos: Big Brother or bust

Die Erfolgsgeschichte des Luxemburger „Space Cluster“ geht weiter. Diese Woche ist eine britische Firma hinzugeklommen, die ein hochinteressantes Projekt hat – das aber auch Fragen aufwirft.

Die Besatzung der HMS Kleos, bereit für die Landung in Luxemburg. (Foto: RK)

„Das ist es, was ich mit kurzfristigem Nutzen meine“, freute sich Étienne Schneider über die künftige Zusammenarbeit der neuen Firma Kleos mit dem bereits ansässigen Unternehmen Emtronix. Der Wirtschaftsminister lud am Montagmorgen zu einer Pressekonferenz, um die Ansiedlung eines neues Unternehmens im Bereich „Space Resources“ bekanntzugeben.

Bei Kleos handelt es sich um eine Tochter der auf Technologieentwicklung für Luft- und Raumfahrt spezialisierten britischen Firma Magna Parva. Die gesamten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten von Kleos sollen in Luxemburg konzentriert werden. In der Anfangsphase werden dort fünf Personen arbeiten. Sobald das Projekt in Fahrt kommt, soll die Belegschaft auf 60 Personen anwachsen.

Horchposten und Nudelmaschine

Worum geht es? Vom Weltraum aus lassen sich heute so manche Dinge orten, zum Beispiel über Satellitenbilder oder über das AIS-Meldesystem für Hochseeschiffe. Wird aber bei einem solchen Schiff das Signal ausgeschaltet – zum Beispiel wenn Piraten es kapern – ist es mit den gegenwärtig verfügbaren technischen Mitteln unauffindbar. Der geplante Kleos-Satellit überwindet diese Schranke. Mit seinen vier extrem langen Antennen kann er Funksignale beliebiger Art – Handy-Signale zum Beispiel – erfassen und orten.

Hier kommt nach der konzeptuellen eine technologische Innovation ins Spiel, auf die Magna Parva besonders stolz ist: die Möglichkeit, im Weltall auf der Basis von Karbonfiber Antennen von bis zu 100 Metern Länge herzustellen. Derzeit werden Antennen zusammengefaltet in den Satelliten transportiert. Nachteil: Die Konstruktion ist anfällig für Schocks, und die Länge ist beschränkt. Transportiert man aber im Satelliten nur den Rohstoff und katapultiert ihn dann in die Umlaufbahn, so kann viel weniger schiefgehen. Im Satelliten fliegt die für die Produktion erforderliche Anlage mit, eine Art Nudelmaschine, die den Rohstoff zu einem langen Träger verarbeitet (siehe Video).

Scheibenwischer statt Science Fiction

Bemerkenswert an der neuen Firma ist, dass sie eher nach angewandter Forschung als nach Science-Fiction klingt, und sich damit von den „In zwanzig Jahren Gold vom Asteroiden“-Projekten abhebt. Kein Wunder, die Firma Magna Parva hat zuvor so „bodenständige“ Geräte wie den Duster entwickelt, einen Roboterarm, der bei der europäischen Exomars-Mission den Marsstaub von den Solarpaneln abwischen soll.

Dass die neue Firma Kleos sich auf Datenerfassung in der Erdumlaufbahn beschränkt, statt mehr oder weniger friedlich den Weltraum zu „erobern“, heißt aber nicht, dass keine ethischen Einwände gegen ihr Projekt vorzubringen wären. Wie Schneider treffend zusammenfasste, geht es darum, „die zu finden, die nicht gefunden werden wollen“. Das können in der Tat entführte Schiffe oder illegal operierende Fischkutter sein. Das können aber auch russische oder chinesische Kriegsschiffe sein, wenn die Nato den Satelliten mietet. Oder im Mittelmeer die sogenannten Schlepperboote.

Ich weiß wo du treibst

https://vimeo.com/212878439

Ob Kleos, wie Schneider argumentiert, tatsächlich dazu beitragen wird, dass Flüchtlinge in Seenot schneller gerettet werden, ist zweifelhaft. Ziel dürfte eher sein, die Boote frühzeitig zu erfassen und zum Umkehren zu zwingen – wobei die Gewaltanwendung Sache der nichteuropäischen Küstenwache wäre und die EU für die kostpieligen Satellitendaten aufkommen würde. Dafür, wie sie den technischen Fortschritt nutzen, sind dann allerdings in erster Linie die Politiker verantwortlich, und nicht die Ingenieure und die Geschäftemacher.

Ob überhaupt ein Geschäft mit der „Weltraum-Horchstation“ zu machen ist, scheint ebenfalls zweifelhaft. Viel kann schiefgehen, wie der Chef und Gründer von Magna Parva Andrew Bowyer eingesteht: „Im Space Business geht es binär zu, man verdient nur Geld, wenn man oben ankommt.“ Das erklärt, warum das Kapital von Kleos nur für einen Großversuch mit den Antennen hier unten auf der Erde ausreicht. Danach soll am Luxemburger Finanzplatz das Risikokapital für den Transport des Satelliten in seine Umlaufbahn gesammelt werden. Im Falle eines Scheiterns wird das der britischen Firma die Schadensbegrenzung erleichtern. Und Étienne Schneider setzt wohl darauf, dass zumindest ein paar der in Luxemburg angesiedelten riskanten Weltraum-Projekte zum Erfolg werden, und die Misserfolge vergessen lassen, mit denen auf jeden Fall zu rechnen ist.


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