Nocturnal Animals
: Emotionale Wüste

Vergangene Woche ist im Ciné Utopolis der neue Film von Tom Ford angelaufen – ein ästhetischer Psychothriller, an dem sich die Geister scheiden.

In „Nocturnal Animals“ kann Amy Adams wieder einmal ihre beeindruckende Wandelbarkeit unter Beweis stellen.

Im Zentrum der auf mehreren Zeit-
ebenen ablaufenden Handlung von „Nocturnal Animals“ steht die unglückliche, ihrem Lebensgefährten entfremdete Galerie-Inhaberin Susan Morrow (Amy Adams), die eines Tages ein von ihrem Ex-Mann Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal) verfasstes Romanmanuskript erhält. Dieses trägt nicht nur eine an sie gerichtete Widmung, sondern nimmt auch im Titel Bezug auf den Kosenamen, den der Autor etwa zwei Jahrzehnte zuvor der chronisch Schlaflosen gegeben hatte: Nocturnal animals. In dem Buch geht es um Tony Hastings (ebenfalls von Gyllenhaal gespielt), der auf einer nächtlichen Fahrt mit seiner Ehefrau und seiner Tochter eine Begegnung mit einer Gruppe junger Männer hat, die zu einem traumatischen Erlebnis wird. Über Susans Lektüre nimmt das Publikum an ihrem Innenleben teil – an der Art und Weise, wie sie die Erzählung imaginiert und sich ihr dabei immer wieder Erinnerungen an die vergangene Beziehung aufdrängen.

Vor sieben Jahre kam Tom Fords Erstlingswerk „A Single Man“ mit Colin Firth, Nicholas Hoult und Julianne Moore in die Kinos. Der Film zeigt einen Tag im Leben des Protagonisten George Falconer, der seit dem Verlust seines langjährigen Partners jede Lebensfreude verloren hat. In langsamem Tempo voranschreitend, gewährt der Film mit seiner besonderen visuellen Ästhetik tief berührende Einblicke in die Psyche dieses Mannes. „A Single Man“ erntete größtenteils positive Kritiken, und die Erwartungen an Fords zweites Filmprojekt waren dementsprechend hoch.

Auch „Nocturnal Animals“, der auf dem Roman „Susan and Tony“ von Austin Wright beruht, kreist um Themen wie Einsamkeit, Erinnerung, Männlichkeit und Verlust, doch bleibt die emotionale Wirkung hier eher mäßig. Einzig der von Amy Adams gepielten Hauptfigur gelingt es, die ZuschauerInnen in die Geschichte hineinzuziehen. Sie reiht sich in die Darstellungen von Frauen ein, die von Schuldgefühlen und dem Nachtrauern vertaner Lebenschancen geplagt sind und einen wachsenden Frust gegenüber der Leere ihrer Existenz empfinden. Wie beispielsweise in Sam Mendes‘ „Revolutionary Road“ findet auch in „Nocturnal Animals“ eine fortwährende Reflexion über die Vergangenheit der weiblichen Protagonistin statt. Sowohl Susan als auch April erfüllen ihre Alltagspflichten nur noch zum Schein, sind im Grunde nur noch Schatten ihres ehemaligen, hoffnungsvolleren Selbst.

Der Soundtrack, der bei „A Single Man“ wesentlich zum atmosphärischen Ton beitrug, liegt in „Nocturnal Animals“ schwerfällig und forciert auf Szenen, deren emotionale Wirkung durch mehr akustische Zurückhaltung möglicherweise stärker zur Geltung käme. Dass Ford eigentlich ein gutes Gespür für Ton als Erzählmittel hat, zeigt sich immer dann, wenn die subjektive Wahrnehmung der Figuren durch ein Ausblenden der Hintergrundgeräusche in den Vordergrund gerückt wird. Solche Momente erinnern an seine eigentliche Stärke, die „A Single Man“ zu einem besonderen Filmerlebnis hatte werden lassen: den Blick für die unausgesprochene, sich in fast unmerklichen Augenblicken offenbarende innere Zerrissenheit seiner Figuren. Leider bilden solche Elemente in „Nocturnal Animals“ die Ausnahme in der Fülle plumper Expositionsdialoge.

Vor allem jedoch die Thriller-Ebene des Films, nämlich die Visualisierung der im Buch erzählten Geschichte, enttäuscht in ihrer müden Formelhaftigkeit. Die Szenen sind zwar handwerklich solide inszeniert und genuin beängstigend, doch schrecken sie durch ihre Vorhersehbarkeit, Gewaltlastigkeit und sexistische Tendenz ab. Vor allem bleibt die Frage offen, worin eigentlich die Parallelen zwischen der Handlung des Buchs und der einstigen Ehe Susans und Edwards bestehen und welcher Mehrwert sich daraus ergibt, diese Botschaft auf derart umständliche Weise zu vermitteln.

Obwohl „Nocturnal Animals“, oberflächlich betrachtet, über alle notwendigen Zutaten für einen richtig guten Psychothriller verfügt, weiß das Resultat nicht zu überzeugen. Zu viele Fragen bleiben unbeantwortet, und die Einzelteile wollen sich einfach nicht zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügen. Es bleibt unklar, was Ford mit diesem zynischen Film eigentlich zum Ausdruck bringen wollte.

Im Utopolis Kirchberg

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