Krachende Krankenschwestern: ART-NOISE-ROCK

Sonic Youth, „Sonic Nurse“, 2004 Geffen Records

Der Titel des ersten Songs verrät alles: Pattern Recognition. Wer Sonic Youth’s mittlerweile 19. Album Sonic Nurse hört, wird einiges wieder erkennen. Da sind die eindringlichen Stimmen von Kim Gordon und Thurston Moore. Da sind die extrem kratzigen, bisweilen dissonanten Gitarrenriffs von Lee Ranaldo. Neu erfunden haben die New Yorker sich und ihren Art-Noise-Rock auch nach mehr als 23-jähriger Schaffenszeit nicht – und trotzdem laufen sie zu lang vermisster Größe auf. Vielleicht, weil dieses Album nicht so experimentell daherkommt, sondern rockiger. Ganz sicher aber auch, weil Gordon und Moore so gut singen wie lange nicht mehr. mehr lesen / lire plus

FOLK: Carbon Glacier

Laura Veirs – „Carbon Glacier“, Rough Trade, 2004.

„Carbon Glacier“ heißt die neue Scheibe der amerikanischen Songwriterin Laura Veirs. Passend zum Titel ist das Cover bewusst in schlichtem Schwarz-Weiß gehalten. Veirs ist keine Frau der großen Emotionen und doch jagen einem ihre unterkühlten, manchmal fast schon teilnahmslosen Interpretation kalte, aber nicht unangenehme Schauer über den Rücken. Emotionaler Ausverkauf, wie ihn eine Alanis Morissette betreibt, ist der Amerikanerin fremd, sie erinnert in ihren kryptischen Texten und simplen Folkweisen eher an Chan Marshall von Catpower. Waren auf ihrem Debüt „Troubled by the Fire“ deutlich die Country-Einflüsse hörbar, so sind Pedal Steel und Banjo nun gänzlich einem freien Experimentieren mit Songstrukturen gewichen. mehr lesen / lire plus

J.D. SALINGERS: Der Fänger in Texas

DBC Pierre, „Vernon God Little“, Faber, 2003, 277 Seiten.

Jede Generation hat wohl ihren „Fänger im Roggen“. J.D. Salingers Kultbuch wirft auch im 21. Jahrhundert noch lange literarische Schatten. Vernon Gregory Little, der schwarzhumorige Protagonist von DBC Pierres „Vernon God Little“ ist zweifellos ein kleiner Bruder des großen Holden Caulfield. Nachdem ein Mitschüler an seiner Highschool im tiefsten Texas ein Massaker veranstaltet hat, gerät ausgerechnet Vern in Verdacht, etwas mit der Tat zu tun zu haben. Anders als Nick McDonell in „Twelve“ betrachtet DBC Pierre das ernste Thema nicht ernüchternd desillusioniert, sondern fährt statt dessen eine ganze Armee von schrulligen Nebenfiguren auf. mehr lesen / lire plus

Klappe, die zehnte: EXPLORATOR

City Guide 2004 Luxembourg, 8 €

Ein schlichtes „Dixième“ auf blauem Hintergrund hat der Explorator für die nunmehr zehnte Ausgabe des frankophonen luxemburgischen Stadtführers als Cover gewählt. Auf über 430 Seiten gibt es – neben lästigen Werbeanzeigen und im üblichen Hochglanzstyling – allerlei nützliche Informationen über Restaurants, Bars und Diskotheken. Schade nur, dass die Preiskategorien der verschiedenen Küchen nicht gleich in der Übersichtsliste aufgeführt sind, sondern nur bei der jeweiligen Kurzbeschreibung – das würde all jenen Zeit ersparen, die gezielt nach einer Lokalität für ihre Geldbörse suchen. Nervig ist auch der „Nightlife Picture Report“: Die auf Fotos der Spaßgesellschaft à la luxembourgeoise können nicht davon ablenken, dass hier zu Lande die Diskos regulär schon um ein Uhr schließen. mehr lesen / lire plus

UMWELTPOLITIK: Mehr war nicht drin

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt ein Sprichwort. Zieht man Bilanz in Sachen Umweltpolitik, so gibt es für die nahe Zukunft wahrlich nicht viel zu hoffen.

„Wir wollen mehr“, titelte der Kommentar der ersten woxx-Nummer, die zur Ökofoire 2000 erschien. Die Überschrift bezog sich auf die gerade angekündigten Solarstrom-Fördertarife. Nicht dass uns die Vergütungen zu niedrig erschienen – es waren die höchsten in Europa. Aber es war das erste positive Zeichen, das der seit einem Jahr amtierende Umweltminister Charles Goerens (DP) setzte – nach dem von den Liberalen verschuldeten Tram-Debakel und Rückschritten beim Naturschutz Bravo, schrieben wir deshalb, und forderten mehr von diesen ermutigenden Zeichen. mehr lesen / lire plus

PACS: Jein zum Ja-Wort

In Frankreich hat ein Bürgermeister zwei Männer getraut. Luxemburg bekommt unterdessen den Pacs. Doch eine Gleichberechtigung für Homosexuelle bedeutet dies noch lange nicht.

Noël Mamère hat es geschafft. Indem er am vergangenen Samstag zwei Männer miteinander verheiratete und damit die erste gleichgeschlechtliche Ehe Frankreichs schloss, hat der Bürgermeister des Gironde-Städtchens Bègles und Präsidentschaftskandidat von 2002 die Aufmerksamkeit der Medien auf sich gelenkt – und die Homo-Ehe zum Thema im französischen EU-Wahlkampf gemacht. Ob die Ehe auch rechtskräftig ist, steht auf einem anderen Blatt. Bereits im Vorfeld hatte der Staatsanwalt von Bordeaux darauf hingewiesen, dass sie gegen den Code Civil verstoße. Justizminister Dominique Perben warf Mamère sogar Amtsmissbrauch vor. mehr lesen / lire plus

TANZ: Die Schönheit des Einfachen

Anlässlich des Tanzfestivals „Cour des Capucins“ sprechen die beiden Choreographinnen Annick Pütz (32) aus Luxemburg und Anu Sistonen (41) aus Finnland über Ausgangspunkte und Zukunftsperspektiven.

Annick Pütz führt im Rahmen des Festivals ihr Solo-Programm „Foliabis“ auf.

Wie sind Sie beide zum Tanzen gekommen?

Anu Sistonen: Mit sechs brachte mich meine Mutter zum Ballett. Als ich 13 Jahre alt war, merkte ich, dass ich die Möglichkeit hatte, aus dem Tanz meinen Beruf zu machen. Deshalb zog ich allein nach Helsinki und lebte dort bei einer Freundin der Familie. Das war ein ziemlich großer Schritt. Ich weiß nicht, ob ich meine vier-jährige Tochter in ein paar Jahren schon loslassen könnte. mehr lesen / lire plus

ALFONSO CUARON: Kein Zauber gegen Pubertät

Harry Potter ist kein Kind mehr. Regisseur Alfonso Cuarón zeigt im dritten Teil der Fantasy-Saga einen 13-Jährigen auf der Suche nach sich selbst – eine reife Leistung.

Eine Zitterpartie: Harry und Hermine bleibt nur ein zeitlicher Rückwärtsgang, um zu entkommen.

Harry schnappt sich seinen Koffer und verlässt wütend das Haus. Er ist es auch der plötzlich aus einer Kneipe rennt. Er hastet bis zu einem großen Stein und weint. Wenige Minuten später schreit er verbittert los. Kein Zweifel: Potter kommt in die Pubertät. „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“, Teil drei einer Saga mit sieben Folgen, vollzieht hier eine entscheidende Wende – die auch in der Verfilmung gelingt: der Zauberlehrling verliert seine Naivität. mehr lesen / lire plus

KEVIN MACDONALD: Touching the Void

Garantiert nicht schwindelfrei ist das Dokudrama um zwei Bergsteiger in den peruanischen Alpen. Filmautor Kevin MacDonald hat dem verzweifelten Überlebenskampf der beiden Alpinisten Simon Yates und Joe Simpson ein würdiges Denkmal gesetzt: mit actiongeladenen Spielfilmszenen in schwindelerregenden Höhen sowie ungeschminkten Aussagen aus Live-Interviews mit beiden Überlebenden.

Im Utopia mehr lesen / lire plus

ALTERNATIVER ROCK: Who the Fuck

PJ Harvey – „Uh Huh Her“, Universal Island Records 2004

„… you think you are?“, kreischt Polly Jean Harvey. Und ehrlich, man kann ihr Genervtsein verstehen. Wohl keinE KritikerIn, die nicht auf die vermeintliche Düsterkeit verweist, welche die Sängerin umgeben soll. (Fast) alle mühen sich, die Hörbarkeit ihrer Musik zu messen – wobei freilich unterstellt wird, dass ein Album umso hörbarer wird, je weniger es sich Mainstream, Pop und dem großen Geld versperrt. Wer sich PJ Harveys siebtem Album Uh Huh Her so nähert, sollte es am besten gleich sein lassen. Die rotzige Gitarre, die kühl kalkulierte Melange aus Melodie und Disharmonie, die intimen, bisweilen ironischen Texte entziehen sich nämlich konventionellen Hörgewohnheiten. mehr lesen / lire plus

ESCHERANGE: La Cremaillère

41, rue Principale, 57330 Escherange, Tel: 0033 3 82 50 25 56, 19-22h, außer Mo. und Di.

So leckere Tartes flambées können nur die Franzosen zaubern. Was für ein Glück, dass Frankreich so nah liegt – und damit auch „La Cremaillère“. Das kinderfreundliche Familienrestaurant in einem kleinen Kaff in der Lorraine, nur ein paar Autominuten von Düdelingen entfernt, hat sich auf die pizzaähnlichen Gerichte spezialisiert. In gemütlicher, ländlicher Atmosphäre, vom Koch mit Riesenschnauzbart persönlich beraten, lässt sich preiswert speisen.

Die Cremaillère ist kein Edel-Restaurant mit überbordender Speisekarte für luxemburgische Neureiche. Hierher kommt, wer in netter frankophoner Gesellschaft etwas Schlichtes essen will, wem Ambiente vor Schick geht – und wer sich auch mal vom jovialen Küchenchef augenzwinkernd tadeln lässt, weil er/sie die großen Portionen beim besten Willen nicht bewältigt hat. mehr lesen / lire plus

NOTIZ: Die schöne Welt des Delvaux

Die Ausstellung „Paul Delvaux in den Privatsammlungen“ läuft noch bis zum 26. September.

Er ist ein Maler der Züge, der Akte und der Skelette. Die Arbeiten am Luxemburger Bahnhof zeigt der junge Paul Delvaux noch impressionistisch inmitten dampfender Loks. Später positioniert er nackte Frauen vor Ruinen antiker Städte. Die Kreuzigung stellt er 1954 allein mit Skeletten dar und löste damit auf der Biennale in Venedig einen Skandal aus. Die Werke des Belgiers stellt das Musée national d’histoire et d’art jetzt anlässlich seines zehnten Todestages aus. Bei einem Rundgang lassen sich einzelne Schaffensphasen gut erkennen. Leider werden aber die für Ausstellungen absolut notwendigen Zusatzinformationen förmlich in die Ecke gedrängt. mehr lesen / lire plus

MUSEK: Keng kleng karéiert Chaos-Kanner

„In Defence of Rock“ heescht déi zweet Compilatioun vum lëtzebuerger Label Winged Skull. De Rock muss verteidegt ginn, mee géint wat? De Giordano Bruno (24),
ee vun de Grenner vum Label, schwätzt iwwert d’Problemer vun der lëtzebuerger Underground Musikszeen.

„Mir sinn eng kleng Oppositioun“, seet de Giordano Bruno iwwert den Underground-Label Winged Skull.

Ween ass Winged Skull?

Winged Skull ass am Dezember 1999 entstan. Et war eng Idee vun dräi Leit, déi an dräi verschiddene Gruppen waren an öfters Concert’en a Café’en gespillt hun. Iergendwann hu mir gemierkt, dass awer verschidde Läit un deem interesséiert waren, wat mir do gezwafft hunn. mehr lesen / lire plus

ROLAND EMMERICHS: Mit offenen Augen

Zieht euch warm an, die Eiszeit kommt. „The Day After Tomorrow“ zeichnet ein fatalistisches Bild der Auswirkungen der Naturkatastrophe – Kritik am Konsumverhalten bleibt dem Publikum erspart.

Dabei hatte er es doch kommen sehen: Klimaforscher Jack Hall (Dennis Quaid) versuchte vergeblich die Öffentlichkeit vor der neuen Eiszeit zu warnen.

Was haben „Der weiße Hai“ und „Erin Brockovich“ gemeinsam? In beiden Filmen ist das Böse besiegbar. In Roland Emmerichs „The Day After Tomorrow“ dagegen ist die angekündigte Naturkatastrophe so global, dass es sich kaum noch lohnt, dagegen anzukämpfen: Die von Menschen gemachte Erwärmung der Erdatmosphäre löst eine neue Eiszeit aus, welche die gesamte Nordhemisphäre trifft. mehr lesen / lire plus