Piraten laufen auf Grund

Kreativ und bunt sollte sie gestern sein, die zweite Brüsseler Demonstration gegen die belgische „loi anti-squat“. Doch auch die Polizei hielt eine Überraschung bereit.

Lebhafter Start der Demo gegen die „loi anti-squat“ im Brüsseler Viertel Marolles.

Es ist kurz nach 17 Uhr auf der Brüsseler Place du Jeu de Balle. Hier soll die zweite Demo ihren Anfang nehmen gegen die sogenannte „loi anti-squat“, die das belgische Parlament Anfang Oktober verabschiedet hat und die Hausbesetzungen künftig strafbar macht. Die Reste des weithin bekannten Flohmarkts, der hier bei Wind und Wetter täglich stattfindet, sind längst beseitigt, und trotz der etwa hundert DemonstrantInnen, die sich bereits versammelt haben, macht der Platz einen recht verschlafenen Eindruck. Auf den Terrassen der angrenzenden Kneipen ist wenig Betrieb, obwohl es trocken ist und relativ mild.

Für eine Protestaktion, die sich auch gegen die Brüsseler Wohnungskrise, massenhaften Gebäudeleerstand und Gentrifizierung richtet (siehe unsere Reportage in der woxx 1447), ist die Place du Jeu de Balle in den Brüsseler Marollen ein guter Ausgangspunkt. Von hier aus hatte Jakob Kats bereits 1848 die Brüsseler Arbeiter für das allgemeine Wahlrecht mobilisiert, und Anfang des 20. Jahrhunderts war das Viertel für Streiks und Straßenkämpfe bekannt. Während des Ersten Weltkriegs war die Angst vor Revolten im Quartier so groß, dass die Staatsmacht dauerhaft eine Kanone auf der Rue Montserrat postierte, um die nähere Umgebung des Justizpalasts zu schützen. Zwischen den Kriegen dann fanden republikanische Spanier wie auch Jüdinnen und Juden, die vor den Pogromen in Osteuropa geflüchtet waren, in dem überbevölkerten Viertel Unterschlupf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Armut in den Marollen so extrem, dass manche Cafés die Ärmsten der Armen nach der Sperrstunde gar in den Schankstuben übernachten ließen, wo sie teils auf Stühlen sitzend schliefen. Ab 1959 begann die Stadt mit dem sozialen Wohnungsbau, doch schon 1969 wurde für eine Erweiterung des Justizpalasts das ganze Viertel zum Abriss bestimmt. Allerdings hatte man die Rechnung ohne dessen BewohnerInnen gemacht: die „Bataille de la Marolle“ begann – und wurde gewonnen. Symbolisch wurden damals der „promoteur“ und die „bureaucratie, sa fidèle épouse“, zu Grabe getragen.

Eine solche Massenbewegung wird das heute nicht, doch allmählich füllt sich der Platz, dessen Umwandlung in einen Parkplatz vor zwei Jahren verhindert worden war. Es ist kurz vor sechs, und mittlerweile sind rund 400 Leute hier. Flugblätter werden verteilt, ein Transparent mit der Parole „non à la loi anti-squat“ wird aufgehängt. Jemand trägt einen Eimer mit frisch angerührtem Tapetenkleister vorbei. Wie auf der letzten Demo soll wieder eifrig plakatiert werden. Ein „Pink & Silver“-Orchester bringt die Anwesenden mit Samba-Rhythmen auf Trab.

Samba im Polizeikessel

Die Veranstaltung ist nicht angemeldet, wie zuvor schon jene am 13. Oktober. Sicherheitshalber haben Gruppen wie „Piratons Bruxelles“, die zu der Protestaktion aufrufen, den Treffpunkt daher erst tags zuvor öffentlich gemacht. Natürlich informiert sich auch die Polizei im Internet, aber dennoch sind bislang lediglich fünf BeamtInnen an einem Ende des Platzes postiert – in Streifenuniform, nicht in riot gear.

Redebeiträge gibt es nicht, stattdessen werden Parolen wie „Les Squatteurs ont un coeur et ils sont à la hauteur“ skandiert, während die Demo sich allmählich vom Platz über die Rue Blaes in Richtung Porte de Hal bewegt. Nebelkerzen tauchen den nächtlichen Straßenzug in rotes Licht, Sylvester-Böller explodieren mit ohrenbetäubendem Lärm. Einige DemonstrantInnen kümmern sich um einen Hund, der sich völlig verängstigt mit eingezogenem Schwanz an eine Hauswand drückt.

Ausgebremst: Schon nach wenigen hundert Metern endet die Demonstration in einem Polizeikessel. (Fotos: Thorsten Fuchshuber)

Alle sind gespannt, wohin es geht und was für Aktionen es im Verlauf der Demo geben wird. Doch schon nach ein paar Minuten kommt der Zug zum Stehen. Am Ausgang der Rue Blaes, nur wenige Meter von der Porte de Hal, hat die Polizei die Straße komplett abgeriegelt. Eine ganze Hundertschaft hat sich aufgebaut. Hinter ihnen blockieren Polizeiwannen die Straße. Wütende Rufe, Parolen werden skandiert. Schnell jedoch ist klar: Zum Durchbrechen ist die Demo zu klein und zu heterogen. Also macht man lieber kehrt.

Doch die Polizei hat auch das rückwärtige Ende der Straße dichtgemacht. Und sie versichert: Ohne Preisgabe der Personalien kommt hier keiner mehr raus. Vermutlich will man auf jeden Fall verhindern, dass die Demonstration die Avenue de la Porte de Hal oder den Boulevard du Midi erreicht und die heimkehrenden Feiertags-Ausflügler stört.

Beraten, diskutieren; bei den Leuten von „Piratons Bruxelles“ hat auf klein beigeben keine und keiner Lust. Die „Pink & Silver“-Kapelle sorgt dafür, dass die Stimmung nicht sinkt. „Bei der letzten Demo war es weniger kompliziert“, meint Vince vom Squat „Kré-action“, der mit acht Leuten aus Liège angereist ist. AnwohnerInnen starren auf das Treiben unter ihren Fenstern. „Du soutien des voisins“, skandiert es von der Straße her. Jemand stellt eine Box ans Fenster. Sein Beitrag zur Unterstützung: volle Pulle Bérurier noir, die Punk-Legende der französischen Squat-Bewegung der 1980er-Jahre.

Dennoch lässt der Elan langsam nach. Peu à peu verdünnisieren sich die Leute. Entweder durch die Polizeisperre, wo man sich fotografieren lassen muss und die Personalien aufgenommen werden, oder über die Hinterhöfe. Gegen halb neun ziehen dann auch die Polizeikräfte ab. Die „Bataille de la Marolle“ bleibt für heute aus.


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