Populismus in Europa: Jargon der Unbestimmtheit


Eine Konferenz in Brüssel wollte ausleuchten, was hinter der rechts-nationalistischen Mobilisierung in Europa steckt.

Der Philosoph Slavoj Žižek 
(zweiter von rechts) und die türkische Schriftstellerin Elif Shafak (zweite von links) auf der Konferenz „European Angst“ im Brüsseler Museum „Bozar“. (Foto: Twitter)

Der Star der Veranstaltung kommt erst ganz zum Schluss. Anderthalb Tage hat man im Brüsseler „Bozar“ artig über den sogenannten Rechtspopulismus in Europa konferiert. Und jetzt betritt Slavoj Žižek die Bühne und tut, wofür man ihn eingeladen hat: Er schlägt alles kaputt. „All dieses Geschwätz über einen neuen Faschismus – das ist nur ein Symptom, was wir nun erleben! Die Mitte-Links-Bewegung in Europa hat nichts gelernt! Wir brauchen eine scharfe Selbstkritik!“ Das Publikum johlt und feixt. Die Twitter-Wall auf der Bühne wird zum endlosen Strom der Begeisterung. Der Meister geriert sich als Philosophen-Derwisch: Wild gestikulierend überschlägt er sich in seinem Redefluss, zupft sich dabei unablässig hektisch am schlabbrigen Hemd. Der slowenische Philosoph, von seinen Jüngern liebevoll „Slavojiek“ genannt, hatte vor den US-Wahlen einen Sieg des „populistischen“ Kandidaten Donald Trump herbeigesehnt – immer auf der Suche nach dem großen Kladderadatsch.

Es ergibt sich ein dürftiges Bild von der gesellschaftlichen Bedeutung der europäischen Kontinentalphilosophie, wenn intellektuelle Kneipenschläger wie Žižek als vorrangige Vertreter der philosophischen Zunft durchgehen. Versprach Hegel einst Erkenntnis durch die mühevolle Arbeit des Begriffs, sucht manch einer heute offenbar lieber den dröhnenden Krawall. Letzteren ist Žižek immer gerne zu liefern bereit: „Hinter jeder ethnischen Säuberung steckt ein Poet“, sagt Žižek (Applaus) und verweist auf den serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadžic – er, Žižek, sei diese Aussage in vollem Umfang zu belegen bereit.

Haltung finden

Er, Žižek, kommt gleichwohl nicht bei allen gut an: „Ein faschistoider Clown! Das hat Didier Eribon einmal über mich gesagt!“, beschwert sich Žižek. Der Franzose aber, neben Žižek der zweite Star der Konferenz, ist zu diesem Zeitpunkt längst abgereist.

Zur Tagung „European Angst“ hatte das Goethe-Institut in Brüssel vergangene Woche eingeladen, um im Museum für moderne Kunst über das Erstarken der globalen Rechten und den „Populismus“ zu diskutieren. Das Interesse war enorm. 500 bis 600 Gäste unterschiedlicher Nationalität versammelten sich jeweils zu den vier verschiedenen Gesprächsrunden im „Bozar“, darunter auch Vertreter von Medien und NGOs.

Journalisten wird zur Begrüßung eine grüne Pressemappe überreicht. „Sprache. Kultur. Deutschland“, blafft es in weißen und roten Lettern vom Deckblatt entgegen. Man scheint keinerlei Sorge zu haben, dass so ein Slogan auch als Drohung verstanden werden könnte.

„Ressentiments, Wut und Angst verbreiten sich in Europa“, schreibt der Gastgeber im Einladungstext. Angesicht der um sich greifenden „populistischen Rhetorik“ wolle man sich nicht „in einem liberalen Konsens einkapseln“, sondern „mit Haltung“ auf die Stimmungsmache reagieren.

Nach der Begrüßung ist es als erstes an der rumänisch-deutschen Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, zu demonstrieren, wie das geht. Sich und anderen soziologische Erklärungsversuche sparend, berichtet sie in aufschlussreicher, schlichter Prosa von ihrer dissidenten Haltung in der Ceausescu-Diktatur und den damit verbundenen Dimensionen von Angst. Knapp dreißig Jahre nach dem Ende der sich als kommunistisch verstehenden Diktaturen, so fürchtet Müller, stelle sich in Osteuropa „das individuelle Bedürfnis danach, bevormundet zu werden, wieder ein“.

Die Konferenz-Besucher erleben derweil nicht nur virtuell, was es heißt, im Innern einer „Echo-Chamber“ zu sein, von der auch auf der Tagung immer wieder die Rede ist. Über die Twitter-Wand sausen einzig Kommentare aus dem Sitzungssaal selbst. Statements, die, wer der Veranstaltung nicht beiwohnt, gar nicht verstehen kann. Während Herta Müller noch von Einschüchterungen durch den rumänischen Geheimdienst Securitate berichtet, zwitschert jemand, die Autorin teile mit dem Publikum ihre Erfahrungen „vor ’89 in Ost-Deutschland“.

Zuhören lernen

Auch ein rechter Troll nutzt die Wand für bissige Kommentare: „Als nächstes erzählt sie bestimmt, die berechtigten Ängste der Menschen in Sachsen seien Xenophobie“, twittert etwa Lukasz Warzecha. Ein Blick auf die Rednerliste zeigt: Der Mann ist der Rechtsausleger im linksliberalen Bozar-Mainstream, den sich der Veranstalter geleistet hat. Er wird anderntags selbst auf dem Podium sitzen.

„Wie kam es über uns?“, lautete der Titel der ersten Diskussionsrunde – immerhin (so hofft man) nicht ohne Selbstironie. Mit von der Partie unter anderem Didier Eribon. Wo es um die Ursachen des Populismus geht, darf der Soziologe aus Frankreich in von deutschen Intellektuellen organisierten Debatten derzeit nicht fehlen. Die Linke ist schuld am Aufstieg des Populismus, weil sie die Sorgen und Nöte der Menschen mit Desinteresse behandelt hat – so lautet das Credo, das man von ihm hören will. Eribon meint, wenn er „Linke“ sagt, allerdings in erster Linie die europäische Sozialdemokratie.

Mit dem Wort „Populismus“, so Eribon, werde „alles zu diskreditieren versucht, was sich gegen den Neoliberalismus“ und gegen dessen verheerende Auswirkungen richtet. Abbau der sozialen Sicherungssysteme, Knappheit auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt – alles „Segnungen“ der europäischen Sozialdemokratie. Eribon geht noch einen Schritt weiter: Den Front National lehne er selbstverständlich ab. Dass man den Front im Milieu der sozial Abgehängten wähle, verstehe er aber schon: „Der FN ist für sie die einzige Möglichkeit, dass man sie hört.“ Abschließend gibt er zu bedenken, dass eine enge Korrelation zwischen dem Bildungsniveau und der Bereitschaft, rechte Parteien zu wählen, existiert.

Das Publikum scheint den Gedanken zu akzeptieren, wonach das Phänomen „Populismus“ als Resultat mangelnder politischer Repräsentation zu deuten sei. Der niederländische Soziologe Paul Scheffer gibt zu bedenken, dass die Furcht vor Problemen angesichts von Migranten aus islamischen Ländern nicht völlig unbegründet sei: „Menschen aus zutiefst illiberalen Gesellschaften verwandeln sich nicht über Nacht in Liberale. Es ergeben sich reale Konflikte um Werte und Traditionen, die man verstehen und anerkennen soll.“ Generell plädiert Scheffer dafür, immer den konkreten sozio-ökonomischen Konflikt herauszuarbeiten, der sich hinter dem in den unterschiedlichsten Situationen verwendeten Label „Populismus“ jeweils verbirgt.

„Die Lebensrealität der meisten Menschen zeichnet sich nicht aus durch Mobilität“, rückt Scheffer Hinweise auf die Folgen der Globalisierung zurecht: 97 Prozent der Weltbevölkerung seien immobil. Dieser Umstand sei eine Wurzel des Populismus.

Wenig hilfreich findet es Scheffer, Standpunkte anderer, die man für falsch hält, als irrational zu bezeichnen und umstandslos zu pathologisieren. „Es mag sein, dass wir uns besser fühlen, wenn wir andere als ignorant bezeichnen, aber weiter bringt uns das nicht.“ Scheffer verrät, dass er in seiner soziologischen Arbeit auf Zuschreibungen wie xenophob oder rassistisch daher verzichtet, so lange es irgend geht. Je genauer man also hinschaut, desto vernünftiger schaut es zurück?

Feinde erkennen

Bezüglich dieser Frage macht Slavoj Žižek einen Punkt: „Es ist verlogen, wenn man sagt, dass es keine echten Feinde gibt“, zetert er. „Feinde sind also nur Feinde, weil man nicht genau genug zugehört hat? Wir haben also Hitler nicht gut genug zugehört?“

Während Žižek jedoch zur öffentlichen Debatte um islamisch geprägte Gesellschaften nur die vermeintliche „Islamophobie“ der KritikerInnen einfällt, bleibt es seiner Gesprächspartnerin Elif Shafak vorbehalten, auch schwierige Themen in diesem Zusammenhang auf den Tisch zu bringen. Die türkische Schriftstellerin berichtet, dass im Zuge der Flüchtlinge aus Syrien das vermehrte Auftreten von syrischen Kinderbräuten zu beobachten sei, diese würden an türkische Männer vermählt. Die Eltern der Mädchen erhoffen gesichertes Bleiberecht für sich und ihre Kinder davon.

Shafak kritisiert auch, dass in Europa die Situation von Frauen und LGBTI-Flüchtlingen nicht zur Sprache kommt, die in den Unterkünften nicht selten fortgesetzt unter der Diskriminierung leiden müssen, die allererst ihr Fluchtgrund war. Dies gelte auch für die Hunderttausende von Flüchtlingen in den Lagern in Syrien, der Türkei und Jordanien.

Am Ende der Tagung bleibt nicht zuletzt das unangenehme Gefühl, dass der Begriff Populismus, wie auch das Gerede von „den Eliten“, ihrerseits bereits Ausdruck einer erfolgreichen „Post-Wahrheits-Politik“ sind, von der im Gefolge der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten so viel zu hören ist. Solche Termini ersparen einerseits die Mühsal, soziale Widersprüche und Konflikte genau zu analysieren. Andererseits erlauben sie es, soziale Sachverhalte auf ausreichend unbestimmte Weise zu artikulieren, damit jedeR selbst nach Lust und Laune ausdeuten kann, von wem beziehungsweise wovon die Rede ist, wenn es in öffentlichen Debatten wieder einmal gegen eine „Elite“ geht.


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