Rechtsextremismus: „Patriotisches Streetwork für die Jugend Europas“

In Österreich versucht die rechts-
extreme „identitäre Bewegung“, sich als Alternative zur klassischen Jugendarbeit zu positionieren. 
Die woxx sprach mit der Sozial-
forscherin Eva Grigori über dieses Phänomen.

Rechtsextreme Identitäre in Deutschland bei einer gemeinsamen Aktion mit der AfD (Foto: CC-BY-SA Metropolico.org)

woxx: Sie arbeiten gerade in einem Forschungsprojekt zum Thema „Jugendarbeit von rechts“ – wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen? 


Eva Grigori: Das Thema ist eher ein bisschen auf mich gestoßen. Man ist in Österreich in den letzten Jahren eigentlich nicht darum herumgekommen, sich mit den Identitären zu beschäftigen. Dabei kommt man eigentlich relativ schnell darauf, dass die so ein paar zentrale Begriffe und Themen haben, die sie in einem regelrechten Wiederholungsdrang immer wieder benutzen, um die sich dann aber auch ihre Aktionen und ihre Politik drehen. In der bisherigen Rezeption wurden vor allem die sprachlichen Verwirrspiele wie „Null Prozent rassistisch, 100 Prozent identitär“, „der große Austausch“ oder „Reconquista“ behandelt. Mir ist aber aufgefallen, dass quer dazu das Thema Jugend bei den Identitären eine große Rolle spielt. Das macht sich bemerkbar in Slogans wie „Europa, Jugend, Reconquista“ oder „Jugend an die Macht“. Dieses Detail wurde in der Rezeption der Identitären bisher eher übersehen, weshalb ich mir das genauer angesehen habe. Vor anderthalb Jahren habe ich bei einem Workshop mit Jugendarbeiter*innen in der Steiermark auch konkrete Hinweise bekommen, dass es ganz klare Bestrebungen der identitären Bewegung in Richtung Jugendarbeit gibt. Das war der Startschuss für eine systematische Beschäftigung mit dem Thema. Ich arbeite da gemeinsam mit dem Soziologen und Sozialarbeiter Jerome Trebing in einem privat durchgeführten Forschungsprojekt, und zwar sowohl auf theoretischer wie auch auf empirischer Ebene. Wir haben also keinen institutionellen Träger, stellen unsere Ergebnisse aber auf fachwissenschaftlichen Tagungen vor.

Welche Beispiele für Jugendarbeit von Rechtsextremen gibt es?


Zuerst ist vielleicht wichtig, vorauszuschicken, dass Jugendarbeit kein geschützter Begriff ist. Wir bezeichnen damit jedes Angebot, das sich an Jugendliche richtet, und auch alle entsprechend gestalteten Aktivitäten der Jugendlichen selbst. Dabei gibt es keine Einschränkungen, das reicht von Naturschutz, inklusiver Arbeit bis hin zu simplen Freizeitbeschäftigungen. Was die Jugendarbeit von Rechtsextremen angeht, so ist die Steiermark dafür besonders interessant, weil dort eine der aktivsten Regionalgruppen der identitären Bewegung tätig ist. In der Hauptstadt Graz haben sie zum Beispiel ein identitäres Bildungszentrum gegründet, das von einem Träger mit dem auffallenden Namen „Verein für nachhaltige Völkerverständigung und Jugendarbeit“ betrieben wird. Der Begriff „Völkerverständigung“ stammt eigentlich aus der internationalen Jugendarbeit der 1950er-Jahre und bezeichnet ein demokratiebildendes und antirassistisches Projekt. Man sieht, dass hier wieder ein Begriff aus dem linken oder linksliberalen Spektrum genommen und umgedeutet wurde – so wie die Identitären das gerne machen und womit sie bewusst eine sprachliche Verschiebung betreiben. Außerdem haben die Identitären immer wieder betont, dass sie patriotisches Streetwork für die Jugend Europas machen. Damit ist kein professionelles Streetwork, also die Unterstützung von Wohnungslosen, Suchtmittelabhängigen und Jugendlichen, gemeint, sondern lediglich die Förderung von Menschen der gleichen Staatsbürgerschaft. Es gibt also von Seiten der Identitären immer wieder ganz konkrete Absichtsbekundungen, die bisher aber eher wenig beachtet wurden.

Wie werben die Identitären für ihre Jugendarbeit?


Es fängt eigentlich ganz banal damit an, dass die Identitären in Graz in der Fachstelle für Jugendinformation wöchentlich Flyer von sich auslegen. Dort gibt es Infomaterial zu ganz vielen Angeboten für Jugendliche, und sie versuchen sehr hartnäckig, dort auch Präsenz zu zeigen. Online zeigt sich ein ausgeprägter Regionalismus: Da geht es um steirische Sagen, darum, die Heimat wandernd zu erkunden, sie zu schützen und aufzuräumen. Das sind durchaus Dinge, die auch für Jugendliche ansprechend sind.

„Wir erleben im Moment europaweit eine Normalisierung von rechtsextremen Agenden.“

Mit Hashtags wie #kernig versucht man, einen Bezug zur regionalen Produkten und Wendungen herzustellen. Internetphänome werden in der allgemeinen Diskussion oft als nicht real abgetan, für Jugendliche sind sie aber sehr stark Teil ihrer Wirklichkeit, und die Identitären mobilisieren ihre Klientel durch das Internet. Sie nennen das auch „digitales Streetwork“.

Was für Aktivitäten bieten die Identitären an?


Im Prinzip vieles, was die professionelle Jugendarbeit ebenfalls anbietet. Wir haben festgestellt, dass viele ihrer Ortsgruppen sehr klein sind, die Jugendlichen aber zu Veranstaltungen mit Kleinbussen abgeholt werden. Da wird dann gemeinsam gegrillt, Transparente werden gemalt, es gibt Lieder- oder Kegelabende, aber auch Bildungsarbeit wie Schulungen oder Vorträge. In der Steiermark ist die Mobiltiätsarmut sehr hoch, es ist oft nicht leicht, von einem Dorf zum nächsten zu kommen. Daher ist das Angebot, dass Jugendliche abgeholt und nach dem Event wieder zurückgebracht werden, nicht zu unterschätzen. Hinzu kommt, dass in einigen Regionen die Jugendarbeit keinen guten Ruf hat, weil sie sehr viel für Geflüchtete, arme Familien oder Jugendliche mit Suchtproblematiken tut. Ein „patriotisches“ Angebot kommt da besser an – auch bei den Erwachsenen. Das heißt nicht, dass die Identitären die komplette Jugendarbeit übernehmen, aber diese Organisierung und Mobilisierung von Jugendlichen müssen wir durchaus ernstnehmen.

Ist das ein „typisch österreichisches“ Phänomen? 


Nein, auch in Deutschland hören wir aus der extremen Rechten immer wieder Rufe nach nationalen Jugendzentren oder patriotischem Streetwork. In Dortmund gab es 2017 beispielsweise für kurze Zeit eine Hausbesetzung „für deutsche Jugendliche“, damit diese nichts mit Migranten zu tun haben müssen. Die Identitären berufen sich ja auf die italienische Casa Pound, die dort einen unglaublichen Erfolg mit ihrer Jugendarbeit haben und sogar staatlich als gemeinnützige Organisation anerkannt sind. In den 2000ern gab es dort zuerst Hausbesetzungen, später wurde Infrastruktur geschaffen und niederschwellige Unterstützung für Jugendliche in sozialen und medizinischen Notlagen angeboten – natürlich immer nur für Menschen mit italienischem Pass. Das geht so weit, dass es Jugendzentren mit ausgebildeten Sozialarbeitern gibt, in denen nachmittags Arbeitslose beraten und Abends Rechtsrock-Konzerte organisiert werden.

Die Versuche der „Identitären Bewegung“ mittels Stickern den öffentlichen Raum einzunehmen, sind nicht überall gerne gesehen. (Foto: CC-BY-SA Thomas Knapp)

Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Rechtsextreme mit solchen Strategien erfolgreich sein können?


Das kann man so pauschal nicht beantworten, aber grundsätzlich haben sie in infrastrukturschwachen Regionen eher Erfolg. Überall dort, wo Menschen sich zurückgelassen fühlen und wo Hilfe und Unterstützungsangebote zu langsam ankommen, wo der Sozialstaat zurückgebaut wurde und Ungleichheiten sich zuspitzen. Allerdings bieten Rechtsextreme nicht nur Jugendarbeit an, in Italien und Deutschland wenden sie sich auch an Erwachsene. Da wird Hilfe angeboten, die leicht zugänglich ist, wo andere Hilfereichungen zu langsam oder zu stigmatisierend sind. Konkrete Unterstützung, die erst im Nachhinein oder parallel mit rechtsextremen Inhalten gefüllt wird. Einfallstore gibt es auch dort, wo Jugendliche nicht ernstgenommen oder aus dem öffentlichen Raum vertrieben werden. Schwierig wird es für die Jugendarbeit, die ja einen sehr starken sozialpolitischen und gesellschaftskritischen Ansatz hat, dort, wo die Bedingungen schlecht sind, wenig Ressourcen zur Verfügung stehen und kein selbstbewusstes, offensives Auftreten mehr möglich ist. Trotzdem ist nicht zu befürchten, dass die Jugendarbeit in Österreich übernommen wird; es werden höchstens rechtsextreme Parallelstrukturen geschaffen.

Wie kann man gegen diese Entwicklungen ankämpfen?


Die Ursache des Erfolgs der Rechtsextremen liegt nicht unbedingt darin, dass es zu wenig Jugendzentren gibt. Die könnten zwar gerade im ländlichen Raum besser ausgestattet sein, aber ankämpfen müsste man auf ganz anderen Ebenen, zum Beispiel in der Schule, in den Medien, in den Gemeinden und in der Politik. Viel zu lange wurden verhetzende, menschenverachtende und rechtsextreme Agenden kleingeredet und verharmlost und Akteure wie die Identitären zu ganz gewöhnlichen Diskurspartner*innen normalisiert. Wir erleben im Moment europaweit eine derartige Normalisierung von rechtsextremen Agenden, die auf eine Exklusion ganzer Bevölkerungsgruppen abzielt. Das ist ein Problem, dem wir nur noch international begegnen können, indem wir kritisches Denken, Transkulturalität und Inklusion fördern. Wir müssen den Fokus nicht ausschließlich auf Rechte legen, sondern auch alle die stärken, die vielfach in blanker Angst leben, die bereits einen kritischen Geist entfaltet haben aber keinen Raum vorfinden, in dem sie ihn in Sicherheit nutzen könnten. Die Entwicklungen wie die Aktionen der Identitären müssen ernst genommen werden, gleichzeitig sollten wir uns intensiv mit der Frage befassen, wie man demokratiefördernde Ansätze besser implementieren kann.

„Es ist ganz gut, dass die Jugendarbeit manche Heilsversprechen rechtsextremer Erlebniswelten nicht bieten kann.“

Kann professionelle Jugendarbeit Jugendlichen, die anfällig sind für rechtsextreme Denkmuster, überhaupt das bieten, was ihnen Identitäre oder andere Rechtsextreme bieten?


Das Attraktive an den Identitären ist, dass die Strukturen offener und weniger organisiert sind. Auch die Tatsache, dass man von älteren Erwachsenen geschult wird, ist sehr wichtig. Diese informellen Bildungserfahrungen kann die Jugendarbeit in dieser Form oft nicht bieten. Es ist auch ganz gut, dass die Jugendarbeit manche Heilsversprechen und Sinnstiftungen, die aus rechtsextremen Erlebniswelten hervorgehen, nicht bieten kann. Grundsätzlich hat die professionelle Jugendarbeit mit kollektiv abwertenden Einstellungen und Handlungsmustern jeder Couleur zu tun. Sie verfügt auch über ein ansehnliches Repertoire von Verhaltensweisen für den Umgang mit solchen Einstellungen und Mustern. Was die Arbeit mit rechten oder rechtsextremen Jugendlichen angeht, ist das wichtigste Stichwort „professionelle Beziehungsgestaltung“. Dazu braucht es gut ausgebildete und mit Ressourcen ausgestattete Jugendarbeiter*innen mit entsprechenden Teamstrukturen.

Jugendarbeit ist aber immer ein freiwilliges Angebot. Aus professioneller Sicht muss man sich fragen, wen man überhaupt erreichen kann und wo es vielleicht sinnvoller ist, diejenigen zu stärken, die schon eine antirassistische Einstellung haben. Es gibt sehr viele Erfahrungen mit akzeptierender Jugendarbeit, wie sie in Deutschland nach den neonazistischen Ausschreitungen zu Anfang der 1990er-Jahre – zum Beispiel in Rostock-Lichterhagen in Deutschland entstand. Hier werden rechts orientierte Jugendliche als Menschen akzeptiert, es wird nicht ständig mit dem erhobenen Zeigefinger gearbeitet, aber klar gemacht, dass zum Beispiel bestimmte Äußerungen nicht akzeptiert werden. Allerdings kann man mit rechtsextremen Kadern, die stark ideologisiert und geschult sind, nicht auf diese Weise arbeiten. Die können eine Hegemonie schaffen und damit Jugendzentren regelrecht übernehmen. Die Jugendarbeit hat regelmäßig mit rechten Jugendlichen zu tun – hier ist es zentral, daran zu arbeiten, dass diese die Erfahrung von Verschiedenheit und Akzeptanz machen.

In Hamburg rufen die „Identitären“ ihre Mitglieder dazu auf, sich als Vormund für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu bewerben. Wie bewerten Sie diesen Vorstoß?


Das ist einer von vielen Zugriffen auf den Sozialstaat, auch wenn die Arbeit eines Vormunds keine klassische Jugendarbeit ist. Wer Vormund eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings wird, muss für das Wohl dieses Kindes tätig werden, sich also um Dinge wie Inklusion und Familiennachzug kümmern. Aus der Ankündigung der Hamburger Identitären ist aber ganz klar ersichtlich, dass sie eine eigene Agenda verfolgen und alles andere wollen, als den geflüchteten Jugendlichen zu helfen. Generell werden Vormünder sehr genau geprüft, nicht nur politisch, sondern auch hinsichtlich ihrer allgemeinen Eignung für diese Aufgabe. Daher halte ich diese Ankündigung eher für einen populistischen PR-Gag der Identitären. Sehr wichtig war jedoch die prompte und deutlich ablehnende Reaktion des Kinderschutzbundes Hamburg. Solche deutlichen Worte würde ich mir öfters – vor allem in Österreich – wünschen.

Eva Grigori ist Dozentin am Department Soziales der FH St. Pölten.

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