Römisches Reich
: Wie nutzlos ist die Macht

Mit dem historischen Roman „Augustus“ ist nun auch das letzte bedeutende Prosawerk des vor einigen Jahren wiederentdeckten amerikanischen Schriftstellers John Williams ins Deutsche übersetzt. Eindrucksvoll und unterhaltsam entwickelt der Briefroman eine Phantasie davon, wie die menschliche Seite des ersten römischen Kaisers ausgesehen haben könnte.

1387LitBuchBILDAugustusEs ist das Jahr 44 vor unserer Zeitrechnung. Julius Cäsar ist tot, ermordet von einer Gruppe römischer Senatoren. Das politische Erbe des Diktators fällt seinem 19-jährigen Großneffen Gaius Octavius zu. Cäsar war einst derart beeindruckt von dem klugen und ehrgeizigen jungen Mann, dass er ihn adoptierte. Als Gaius Julius Cäsar Divi Filius, als „Sohn des Göttlichen“, ist er fortan bestrebt, das Prestige seines Großonkels für sich zu nutzen.

Schon im Alter von 25 Jahren rächt er den Mord an Cäsar, indem er Brutus und Cassius besiegt. Er tastet sich in das Machtzentrum Roms vor. Mit 33 ist er Herrscher des römischen Weltreichs und damit beschäftigt, seine Macht zu festigen. In Politik, Kultur und Gesetzgebung legt er den Grundstein für ein Reich, das viele Jahrhunderte überdauert. Er bezeichnet sich selbst als „princeps“, als ersten Bürger. Im Jahr 27 vor unserer Zeitrechnung wird ihm vom Senat der Name Augustus, „der zu Ehrende“, verliehen – als Geste der Dankbarkeit dafür, dass er 100 Jahre Blutvergießen beendet und für politische Stabilität gesorgt hat.

Über Augustus sind bereits mehrere Biografien erschienen. Die erste stammt von Nikolaos von Damaskus, einem Zeitgenossen des Kaisers. Augustus selbst verfasste eine offizielle Autobiografie. Der amerikanische Autor John Williams (1922-1994) schildert das Leben des ersten Kaisers von Rom, von seinem Aufstieg bis zu seinem Tod im Jahr 14 nach Christus. „Augustus“ ist sowohl ein biografisch-historischer Roman als auch ein Briefroman, aber weder ein Geschichtsbuch noch eine Biografie. Der nun auf Deutsch erschienene Roman handelt primär nicht von der Geschichte, sondern von Augustus selbst. Er schildert dessen Entwicklung und ist zugleich dessen Seelenspiegel. Die Form des Briefromans, lange Zeit vor allem mit Liebesthemen in Verbindung gebracht, bietet sich dabei für Williams bestens an.

Der Briefroman erlaubt dem Autor einige Freiheiten. Häufig werden die Perspektiven gewechselt. Mehrere Personen berichten subjektiv und vermeintlich intim, ohne einen Überblick über das Gesamtgeschehen zu haben. Gegliedert wie ein klassisches Drama, beginnt das Werk mit einem Prolog, gefolgt von drei Büchern, und endet mit einem Epilog. Während Prolog und Epilog aus jeweils einem einzigen Brief bestehen, ergeben sich die drei Bücher des Mittelteils aus Briefen verschiedener Personen, ergänzt durch Tagebuchnotizen, Protokolle, Flugblätter und Militärbefehle sowie durch die Memoiren des Marcus Agrippa, dem treuen Freund von Augustus.

Das erste Buch umfasst die Phase von der Ermordung Cäsars bis zur Niederlage von Marcus Antonius, einst Verbündeter Cäsars und mit Augustus‘ Schwester Octavia verheiratet, später Verbündeter und Geliebter der ägyptischen Königin Cleopatra. Vor allem die Machtkämpfe und Intrigen werden hier lebendig. Octavius wird zuerst nicht ernst genommen. „Der Junge ist ohne Bedeutung, wir müssen ihn nicht fürchten“, unterschätzt ihn der Philosoph und Redner Cicero, nach Cäsars Tod zugleich einer der einflussreichsten Politiker Roms.

Die Art und Weise, wie Umstände und Zufälle den Menschen für immer verändern, seine Wandelbarkeit, gehört zu den zentralen Themen von Williams‘ Werk.

Im zweiten Buch, das mit einem Bericht von Augustus‘ früherem Kindermädchen beginnt, geht es mehr um die privaten Beziehungen des Herrschers. Ein Hauptthema ist das Verhältnis zu seiner Tochter Julia. In Auszügen aus ihrem Tagebuch erhält man einen Einblick in ihr Leben und wie sie dieses rückblickend sieht. Lange dient sie als Spielball für ihres Vaters Machterhalt. Mehrmals wird sie verheiratet. Augustus adoptiert ihren Ehemann Tiberius, der sein Nachfolger wird.

Julia ist neben Augustus die interessanteste Romanfigur. Sie ist intelligent, ironisch, rebellisch, weltgewandt – und scharfzüngig in ihren Aussagen: „Ich finde es seltsam, in einer machtlosen Welt zu warten, in der nichts wichtig ist. In der Welt, aus der ich kam, war allein Macht entscheidend, und alles war wichtig. Man liebte sogar um der Macht willen, und das Ende einer Verbindung erzeugte nicht ureigene Freude, sondern zählte zu den tausendfachen Freuden der Macht.“

Das dritte Buch besteht aus einem persönlichen Brief von Augustus an den griechischen Philosophen und Schriftsteller Nikolaos von Damaskus, gut eine Woche vor seinem Tod. Augustus, inzwischen 76 Jahre alt und krank, ist auf einem Schiff unterwegs von Ostia nach Neapel, um Tiberius durch einen Besuch seine Unterstützung zu signalisieren. Er vergleicht sein Leben und Schaffen mit dem Werk Vergils, den Augustus sehr bewundert. Zwar hat Rom 40 Jahre Frieden erlebt, die Grenzen sind gesichert und das Land prosperiert. Doch die alten Tugenden sind verschwunden. Augustus weiß: Während Vergils Werk ewig ist, ist seines dem Untergang geweiht. Im Epilog schreibt Philippus von Athen, sein Leibarzt, der den Kaiser bis zu dessen Tod begleitet hat, an den Philosophen Seneca.

„Augustus“ fällt im Vergleich zu John Williams‘ anderen Werken aus dem Rahmen. Das Buch ist der erfolgreichste der vier Romane des Autors und bescherte ihm schon zu Lebzeiten Ruhm. Es erschien nach mehrjähriger Entstehungszeit 1971, zwei Jahre später wurde Williams dafür mit dem National Book Award ausgezeichnet. Nun endlich wurde es auf Deutsch übersetzt. Es ist nicht nur das letzte Buch des Schriftstellers und Literaturprofessors. Auch scheint es weit entfernt von den amerikanischen Themen, mit denen sich Williams in den anderen Romanen beschäftigte. So unterscheiden sich die vier Romane in Thema, Ort und Zeit grundlegend.

Nach dem Debüt „Nothing But the Night“ (1948), das noch nicht auf Deutsch vorliegt und von dem er sich später distanzierte, ist „Butcher´s Crossing“ (1960) die Geschichte eines jungen Mannes aus Boston, der 1876 in den amerikanischen Westen reist, um die Wildnis zu erleben und den Sinn des Lebens zu finden. Vor allem der lange Zeit in Vergessenheit geratene und erst 2013 auf Deutsch veröffentlichte Roman „Stoner“ aus dem Jahr 1965 wurde in den vergangenen Jahren von der internationalen Literaturkritik gefeiert und ein großer Publikumserfolg. Williams spürt darin dem unscheinbaren Leben eines Assistenzprofessors für englische Sprache und Literatur an der Universität von Missouri nach.

Die Protagonisten dieser beiden Romane, William Andrews und William Stoner, beide idealistische und am Ende desillusionierte Charaktere, könnten nicht in einem größeren Kontrast zu der historischen Figur Augustus, Herrscher über ein Weltreich, stehen. Trotzdem gibt es eine versteckte Verwandtschaft zwischen Augustus und den Hauptpersonen der beiden früheren Romane. Die Art und Weise, wie Umstände und Zufälle den Menschen für immer verändern, seine Wandelbarkeit, gehört zu den zentralen Themen von Williams‘ Werk.

In „Augustus“ blickt der Autor hinter die Fassade der Geschichte und betrachtet den Menschen Augustus, in diesem Fall ein Charakter, der sich mehr als andere viele „Ichs“ zulegen musste, um an der Macht zu bleiben. Er steht am Ende nicht anders da als die von Niederlagen heimgesuchten Hauptfiguren der beiden anderen Romane.

In Williams‘ Romanen wird beleuchtet, wie unser Leben sich am Ende oft als unerwartetes Resultat von Spannungen zwischen uns und der Welt präsentiert, wie immer unser Charakter und unsere Wünsche beschaffen sein mögen. Und es geht um den Konflikt zwischen Individuum und Institutionen, sowie um den Unterschied von Wahrnehmung und Wahrheit, offiziell und inoffiziell, öffentlicher Pflicht und privaten Bedürfnissen.

Während „Butcher‘s Crossing“ Williams‘ sprachmächtigster Roman sein dürfte, ist „Augustus“ der am konsequentesten strukturierte. Die Entscheidung, den Kaiser selbst erst gegen Ende auftreten zu lassen, ist dabei ein cleverer Schachzug. In einem Brief an Nikolaos von Damaskus blickt Augustus auf sein Leben zurück. Nachdem er die von ihm autorisierte Biografie von Nikolaos gelesen und über seine eigene offizielle nachgedacht hat, sagt er: „Es kommt mir vor, als hätte ich damals, als ich jene Bücher las und meine Worte schrieb, über einen Mann gelesen und geschrieben, der zwar meinen Namen trug, aber jemand war, den ich kaum kannte.“

Die bittere Ironie am Ende ist typisch für Williams. Sie ähnelt dem Finale von „Butcher´s Crossing“, als die Büffeljäger in die Zivilisation zurückkehren und erfahren, dass der Markt für Felle in den Monaten ihrer Abwesenheit zusammengebrochen ist, all ihre Anstrengungen also umsonst waren. Dennoch betrachtet Williams seine Helden nicht als gescheitert. Sie werden nur mit sich selbst konfrontiert, ohne Illusion und falschen Schein. Diese Konfrontation ist der Höhepunkt, auf den jedes Leben zusteuert, auch das von Augustus, der „die schreckliche Tatsache begreift, dass er allein ist, getrennt von allen anderen, und dass er niemand sonst sein kann als dieses arme Geschöpf, das er nun mal ist.“

Williams hat aus verschiedenen Perspektiven das Porträt einer komplexen historischen Persönlichkeit geschaffen, die sich selbst unzähligen Veränderungen unterzog und unterschiedliche Rollen spielen musste, um schließlich die Welt zu verändern – die das Schlachtfeld und die Einsamkeit des Studierzimmers dem Luxus vorzog und nichts lieber geworden wäre als ein Gelehrter oder Dichter – und die am Ende zur Erkenntnis kam, dass jede Macht nutzlos ist.

John Williams – Augustus. 
Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. Mit einem Nachwort von Daniel Mendelsohn. dtv, 475 Seiten.

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