Roland Meyer: Sex, Drugs und Nation Branding

„Wenn immer alles so einfach wäre“ – Der neue Roman von Roland Meyer sprengt so ziemlich alle Erwartungen.

Kann ein Roman, der mit einem Radiohead-Zitat beginnt, schlecht sein? Eigentlich nicht, und doch wurde Roland Meyers Buch „Wenn immer alles so einfach wäre“ in der hiesigen Rezensionshitparade ein paar Mal nach hinten verschoben: Zu sperrig der Titel, zu hoch die Seitenzahl und zu klein die Zuversicht, dass es sich bei diesem luxemburgischen Roman wirklich um eine Entdeckung handeln könnte. Also eher die Kategorie „Sommerloch-Not-Lückenfüller“.

Durch einen 100,7-Beitrag, der das Buch in den höchsten Tönen lobte, neugierig geworden, dann ein erstes Rumblättern. Nach 10 bis 20 Seiten schwindet langsam das Gefühl, man lese den x-ten Versuch eines hiesigen Grundschullehrers, seinen verstaubten Vorbildern nachzuäffen. Denn „Wenn immer alles so einfach wäre“ ist alles andere als langweilig. Es ist packende zeitgenössische Literatur mit einem kecken Handlungsstrang, der vor nichts Halt macht. Es wird gevögelt und gekokst, gemordet und gefressen, es werden Existenzen zerstört und … sogar die woxx kommt darin vor.

Meyer, eher als Kabarett- und Kinderbuchautor bekannt, nimmt in seinem Werk das hässliche Luxemburg aufs Korn, aber ohne dabei gehässig zu sein. Ihm gelingt es, durch den Blick eines Außenstehenden Empathie zu erzeugen – den Berliner Kommunikationsberater Greg Wiesinger, der den Auftrag erhält, im Tourismusministerium das Nation Branding anzukurbeln – und so die Unzulänglichkeiten des Großherzogtums, aber auch die Europas zu entlarven. Ebenjener Greg verliebt sich ausgerechnet in die hohe Beamtin Nora Zeimes, die eigentlich ihre Karriere aufgeben will und sich deshalb einen Platz am Rande der Gesellschaft erträumt, wo sie ganz entspannt aussteigen kann.

Von A nach A.

Einen Ort, wie das „Haus am Rande des Waldes“ wo eine andere Figur, der nationale Dichter Jempi Nosbusch, in Ruhe seinen Tätigkeiten nachgehen kann. Diese beschränken sich jedoch nicht aufs Gärtnern oder Schreiben, denn der gute alte Jempi ist ein Satyr der alten Schule, steinreich noch dazu und eigentlich ein riesiges Arschloch. Genau wie Greg, dessen Ehe mit seiner Frau Hannah, einer Berliner Künstlerin, immer wieder durch Affären ins Wanken gerät.

Meyer lässt in seinen Seiten einen regelrechten Orkan aufkommen, in dem diese Figuren (und noch einige mehr) wild durcheinandergeworfen werden, sich lieben und hassen, Liebe machen und ermorden. Bemerkenswert ist auch die narrative Vorgehensweise: Anstatt die Geschichte traditionell von A nach Z zu erzählen, jagt der Autor seine Leser*innen regelrecht durchs Alphabet, auf mehreren Zeitschienen gleichzeitig, um dann doch wieder bei A zu landen. Und das, ohne dass einem dabei schwindlig wird. Dafür sorgen die kurzen Kapitel, die immer aus der Perspektive einer bestimmten Person erzählt werden, sodass es leichtfällt, sich zurechtzufinden. Hinzu kommt, dass nicht alle Handlungsstränge symmetrisch verlaufen, was dem Ganzen noch eine Prise Wildheit gibt.

Ohne ins Detail zu gehen, kann man sagen, dass „Wenn immer alles so einfach wäre“ ein Buch über eine in sich zusammenstürzende Gesellschaft ist, in der die Menschen sich so lange in Lebenslügen flüchten, bis sie sich dabei selbst verlieren. Das Branding-Leitthema ist der Firnis, der oberflächlich alles zusammenhalten soll, und dadurch alles noch viel schlimmer macht.

Kurz gesagt: Meyers Roman ist genau das Buch, das Luxemburg 2018 braucht. 


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