Sacha Polak
: Stille Totenklage

„Zurich“ ist das Porträt einer getäuschten Frau, die an dem Tod ihres Mannes und seinem Betrug zugrunde geht. Ein Roadmovie der besonderen Art.

Sucht in der Truckerszene Halt, bleibt aber mit ihrem Schmerz allein.

Sucht in der Truckerszene Halt, bleibt aber mit ihrem Schmerz allein.

Das schrille Pink der Namen im Vorspann lässt einen an Filme der 1980er Jahre denken. Grell springt einem das Wort „Zurich“ entgegen. Doch poppig sind in Sacha Polaks zweitem Drama allein die Farben. Sie stehen in Kontrast zu dem dominierenden Grau der Stimmung der Hauptfigur Nina (Wende Snejders), die um ihren bei einem Unfall umgekommenen Geliebten Boris trauert. – Ein Verlustschmerz, mit dem sie allein steht und zu dem sich noch der Schock über einen Betrug gesellt. Denn der LKW-Fahrer Boris hatte neben Nina und ihrer gemeinsamen Tochter noch eine andere Familie, die ebenfalls nichts von seinem Doppelleben wußte.

Das Thema des Films ist ähnlich wie in „Hemel“, dem gefeierten Filmdebüt der in England geborenen Regisseurin, das eine pathologische Vater-Tochter-Beziehung nach dem Tod der Mutter beschreibt und 2012 bei der 62. Biennale den Fipresci-Preis gewann. Auch in „Zurich“ – in der deutschen Fassung: „Die getäuschte Frau“ – geht es um Gefühle in der Folge des Verlusts eines Menschen. Mehr noch, „Zurich“ zeigt mit Nina eine Frau, der das Leben entgleitet, weil der Schmerz sie zerfrisst. Denn Nina steht neben sich, lebt wie in einer Zwischenwelt und sucht Halt an Bezügen der Vergangenheit, die sie an den Verstorbenen erinnern.

Kopflos treibt sie umher, sucht Unterschlupf in der Truckerszene – geplagt von den Erinnerungen an Boris. Ein Verhältnis mit dem geschiedenen Lastwagenfahrer Matthias (Sascha Alexander Gersak) dient so nur als Ersatz. Bei Matthias sucht sie den Verstorbenen und kann in der kurzen Liaison nur episodisch Lust und Freude finden. Von dem sie zerfressenden Schmerz kommt sie nicht los. „Man kann sich von Leuten so viel nehmen, bis nichts mehr da ist – bei mir ist nichts mehr“, bricht es schließlich aus Matthias heraus, bevor er Nina abschüttelt und sie ihrer Selbstzerstörung überlässt, weil er nichts von ihr zurückbekommt. Das Ganze mag als Plot abgedroschen klingen, doch vermag Polak Ninas Zwischenwelt in eindrucksvollen surrealen Bildern festzuhalten. Überhaupt lebt der Film von seinen feinsinnigen Einstellungen, sieht man immer wieder Ninas leeren Blick im Spiegel des Lastwagens oder ihres eigenen Autos.

Eine Chronologie ist nur schwer auszumachen, folgt der nur 89 Minuten lange Film doch einer eigenwilligen Regie. Polak lässt ihn mit dem zweiten Teil beginnen, um danach im ersten Teil, „Boris“ übertitelt, die Hintergründe des Todes der männlichen Hauptfigur zu beleuchten. Und trotzdem bleibt bis zuletzt Ungewissheit zurück, nimmt man den Film wie durch einen Filter wahr und fühlt sich streckenweise gar an David Lynchs mysteriösen Road-Movie „Mulholland Drive“ erinnert,wenngleich die Figuren keiner US-amerikanischen Ästhetik folgen sondern zumindest äußerlich angenehm unprätentiös wirken und obwohl der Plot deutlich weniger verschachtelt ist. Auch das Sprachenmischmasch aus Niederländisch, Deutsch und Englisch kommt in „Zurich“ ganz selbstverständlich rüber und wirkt in keinem Moment aufgesetzt.

Letztlich sind es aber Polaks poetische Bilder, wie das der Lastwagenkolonne, die mit wehendem schwarzen Trauerflor an den Spiegeln an dem Friedhof vorbeifährt, die „Zurich“ zu einem – gleichsam beklemmenden – Genuss machen. Und es ist zweifellos Wende Snejders, in den Niederlanden eine bekannte Sängerin, die in Zurich zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen ist und die Figur der Nina großartig spielt.

Und obschon es sicher Stimmen geben wird, die diese Figur als schwach und unemanzipiert einschätzen werden, weil sie sich, gelähmt von ihrem Schmerz, in Abhängigkeiten manövriert und sich im Leben aufgibt, ist Polaks weiblicher Blick auf sie an keiner Stelle abwertend. Gerade ihr Blick auf Nina dürfte es sein, der die ZuschauerInnen für ihre Figur einnimmt.

Im Utopia

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