Schon gestreamt? Lost

„Lost“ ist eine Serie, die ihr Publikum bis heute zugleich frustiert, verwirrt und in helle Begeisterung versetzt. Das war nur möglich, weil das Team dahinter bereit war, große Risiken einzugehen.

© TV Movie

In den Prozess des Serienmachens sind stets derart viele Menschen und Entscheidungen involviert, dass es im Grunde jedes Mal wie ein kleines Wunder wirkt, wenn das Resulat ein Erfolg ist. Oft wird erst im Nachhinein  deutlich, wie sehr ein Werk in seiner realisierten Form nur deshalb möglich war, weil genau jene Menschen zu genau jenem Zeitpunkt an das Projekt glaubten und alles daran setzten, es zu verwirklichen. Dieser Eindruck einer Anneinanderreihung von Zufällen, aus denen am Ende ein Allzeit-Klassiker hervorging, ist bei nur wenigen Serien so dominant wie bei „Lost“.

Von der ersten Sekunde seiner Konzeption an, verlief das Projekt auf höchst untypische Weise. Die Idee für die Prämisse stammte nämlich nicht etwa von einem Drehbuchautor, sondern von einem Produzenten: Während eines Familienurlaubs hatte Lloyd Braun eines Tages die Idee, einer gescripteten Version von „Survivor“. In der ersten Folge sollte ein Passagierflugzeug auf einer entlegenen Insel irgendwo im Südpazifik abstürzen und im Folgenden würde es darum gehen, wie das Duzend Überlebende versucht, wieder nach Hause zu kommen. Eine Idee für einen Titel hatte Braun auch bereits: Lost.

Zurück aus dem Urlaub pitchte Braun dem Sender ABC die Idee und ab da folgte ein derartiges Chaos, dass das Projekt von vorne herein zum Scheitern verurteilt zu sein schien. Nachdem der erste Autor gefeuert worden war, weil Braun unzufrieden mit dem Script war, blieben dem anschließenden Team nur noch etwa acht Wochen zum Schreiben, Casten und Verfilmen der ersten Folge.

Als Braun J.J. Abrams, der zu diesem Zeitpunkt für ABC an „Alias“ und „The Catch“ arbeitete, ursprünglich mit der Idee für „Lost“ konfrontierte, sah dieser kein Potenzial für eine Serie – es sei denn, bei der Insel selbst handele es sich um eine eigenständige Figur. Der Ort müsse Schauplatz aller möglichen mysteriösen Vorfälle sein, die einer Erklärung bedürfen. Dies, in Kombination mit Damon Lindelofs Idee, dass keine der Figuren ein besonders starkes Bedürfnis haben dürfe, die Insel wieder zu verlassen, und zu ihrem alten Leben zurückzukehren, wurde zur Grundprämisse der Serie.

Die designierten Showrunner Abrams und Lindelof hatten nichts zu verlieren; So brachten sie teils übernatürliche Elemente ins Drehbuch der ersten Folge ein, ohne sich zunächst mit möglichen Erklärungen zu befassen. Eine davon war ein mysteriöses „Rauchmonster“, eine andere die Präsenz eines Eisbären – auf einer tropischen Insel wohlgemerkt. „Lost“ setzte in jedem Moment aufs Ganze. Das hatte teils wunderbare Auswirkungen, konnte aber auch gehörig schiefgehen.

Insgesamt betrachtet ist „Lost“ wohl deutlich mehr Sci-Fi- als Überlebens-Serie. Um aber zu verhindern, dass ein Massenpublikum abgeschreckt wird, wurde der Fokus anfänglich auf die Figurenentwicklung gelegt. Als zentrale Figur wurde Jack Sheppard (Matthew Fox) eingeführt, ein Arzt, der gleich zu Beginn die Leader-Rolle übernimmt und alles daran setzt, den anderen Überlebenden zu helfen. Ihm an die Seite gestellt wurde Kate Austin (Evangeline Lilly), gesuchte Mörderin, Charlie Pace (Dominic Monaghan), ein drogenabhängiger Musiker, Sayid Jarrah (Naveen Andrews), früheres Mitglied der Republikanischen Garde im Irak, der schwarze Bauarbeiter Michael (Harold Perrineau) und sein Sohn Walt (Malcom David Kelley), die schwangere Australierin Claire (Emilie de Ravin), der Berufsbetrüger James „Sawyer“ Ford (Josh Holloway), Lottogewinner Hugo „Hurley“ Reyes (Jorge Garcia), das koreanische Paar Jin (Daniel Dae Kim) und Sun (Yunjin Kim), das scheinbar kein Englisch versteht, die Stiefgeschwister Boone (Ian Somerhalder) und Shannon Carlyle (Maggie Grace), und John Locke (Terry O’Quinn), der vor dem Flugzeugabsturz querschnittsgeähmt war, nun auf der Insel aber plötzlich wieder laufen konnte. Einen solch diversen Cast hatte man bis dahin in einer US-amerikanischen Serie selten gesehen.

Nachdem Abrams nach Abschluss der ersten Folge die Serie verließ, um „Mission: Impossible 3“ zu drehen, fühlte sich Lindelof derart überfordert, dass er auf einen Flop und damit eine Absetzung hoffte. Doch bei der Erstaustrahlung war genau das Gegenteil der Fall: Die erste Folge wurde von ganzen 18,6 Millionen Zuschauer*innen mitverfolgt. Lindelof, der bis dahin keinerlei Erfahrung als alleiniger Showrunner einer Serie hatte, bat seinen früheren Mentor Carlton Cuse um Hilfe. Dieser war von der Prämisse sofort inspiriert und produzierte die insgesamt sechs Staffeln von „Lost“ in Zusammenarbeit mit Lindelof.

Neben den zahlreichen mysteriösen Vorkommnissen zeichnet sich „Lost“ vor allem durch seine haarsträubenden Twists und Cliffhanger aus. Jede Folge wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet und regt so zu den wildesten Interpreationen an. Während ihrer Ausstrahlung war „Lost“ eine der ersten Serien, bei der es für Fans möglich war, sich im Internet über den Inhalt auszutauschen und Theorien zu spinnen. Während ihrer Laufzeit hat „Lost“ immer wieder für große Frustrationen bei ihren Zuschauer*innen gesorgt; genauso oft versetzte die Serie ihre Fans aber auch in helle Begeisterung. Heutzutage ist sie eher ein Geheimtipp – den Zeitaufwand aber allemal wert!

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