Schon gestreamt? Rectify

„Rectify“ gibt uns einen Einblick in die Psyche eines Mannes, der zwei Jahrzehnte lang im Todestrakt saß. Das ist teils aufreibend, teils wunderschön poetisch.

Seit 19 Jahren sitzt Daniel Holden (Aden Young) in Einzelhaft. Er wurde wegen Vergewaltigung und Ermordung von Hanna Dean zur Todesstrafe verurteilt. Eines Tages aber wird er aufgrund der Resultate neuer DNA-Teste freigesprochen. Das ist die Ausgangssituation der Serie „Rectify”, die im April 2013 auf dem US-amerikanischen Sender SundanceTV angelaufen ist. Diesen Monat ist es genau ein Jahr her, dass die Serie nach vier Staffeln zu ihrem Ende kam.

In der ersten Folge wird Daniel von seiner Familie, das heißt seiner Mutter, seiner Schwester (J. Smith-Cameron), seinem Stiefvater (Bruce McKinnon), Stiefbruder (Jake Austin Walker) und seiner Schwägerin (Adelaine Clemens) im Gefängnis abgeholt und nach Hause gefahren. Die darauffolgenden Tage und Wochen stellen in jeder Hinsicht eine Herausforderung für Daniel dar. Nachdem er fast zwei Jahrzehnten in einer Betonzelle verbracht hat, ist jede Erfahrung und Empfindung eine Überstimulierung seiner Sinne . Im Gefängnis konnte Daniel nur mithilfe von Büchern mit der Außenwelt in Kontakt treten; nun muss er wieder lernen, mit anderen zu interagieren und zu kommunizieren. Seine Familie unterstützt ihn zwar, ist zeitweise jedoch selbst von der Situation überfordert. Hinzu kommt, dass Daniel einer konstanten Bedrohung durch manche Dorfbewohner*innen ausgesetzt ist, die immer noch von seiner Schuld überzeugt sind und ihn am liebsten tot sehen würden.

Währenddessen suchen Daniels ehemalige Strafverfolger emsig nach Beweisen, um ihn wieder hinter Gitter zu bringen. Mit all jenen Dingen muss sich Daniel herumplagen, während er versucht seine Gefängnisroutinen hinter sich zu lassen und das Trauma der Einzelhaft zu bewältigen.

„Rectify” nimmt sich Zeit: Zeit die Figuren zu entwickeln und vor allem deren Geschichte zu erzählen. Nie hat es die Serie eilig, zu einem  dramatischen Wendepunkt zu gelangen. Bei Serien besteht immer ein gewisses Risiko, dass sie vor ihrem Abschluss abgesetzt werden, wenn die Zuschauer*innenzahlen zu wünschen übrig lassen. Dieses Risiko ist „Rectify” in keiner Weise anzumerken. Obwohl in „Rectify“ viele schwere Themen behandelt werden, erdrückt die Serie ihr Publikum nicht. Daniel macht nämlich auch viele schöne Erfahrungen: So lernt er zum Beispiel die Frau seines Stiefbruders, Tawney, kennen, zu welcher er eine ganz besondere Beziehung aufbaut. Sie ist es, die ihm wieder ein gewisses Vertrauen in seine Mitmenschen vermittelt .

Daniels Erfahrungen, die Art und Weise, wie er sein Umfeld und vor allem sich selbst neu kennenlernt, werden mit großer Zärtlichkeit und teils wunderschönen Bildern dargestellt. Seine Weltsicht verleiht „Rectify“ eine ganz einzigartige Poesie. Es geht aber nicht nur um Daniel: Die Serie befasst sich mit jedem einzelnen Mitglied der Holden-Talbot Familie. Denn auch sie sind vor die Herausforderung gestellt, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen auszuhandeln und herauszufinden, welche Menschen sie sein wollen – wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie Daniel es tun muss. Vieles in „Rectify bleibt unausgesprochen – man muss schon sehr genau hinsehen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie diese Menschen so wurden, wie sie sind.

Immer wieder geht es in der Serie um die Zerbrechlichkeit dessen, was uns im Leben eine vermeintliche Sicherheit bietet. Nicht nur um die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen, sondern auch derjenigen des Lebens an sich.

„Rectify” ist auf Netflix, iTunes und Amazon zu sehen.

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