Serie: Anders wirtschaften 3/4
: Volle Kraft zurück


Ein Leben nach dem Wachstum? Eine Wirtschaft ohne fossile Brennstoffe? Postwachstums-Theoretiker tüfteln an neuen Modellen, und die Transition-Bewegung erprobt nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsformen.

1338doss Postwax photo oeko-foire

Eine Stunde Gartenarbeit pro Tag, 365 Kohlköpfe für’s ganze Jahr! Wie’s geht, erfährt man nicht durch Googeln, sondern im Kontakt mit Pflanze und Boden. (Foto: Etika)

Die Hälfte der Autobahnen sowie drei Viertel der Flughäfen stilllegen und auf den gewonnenen Flächen Windkraftwerke bauen – so lautet eine der Forderungen von Niko Paech, einem der führenden Postwachstums-Theoretiker. Eine weitere betrifft die Zahl der wöchentlichen Arbeitsstunden: Nur noch 20 Stunden sollte jede Person erwerbstätig sein, die restliche Zeit könnte in Eigenarbeit – Gemüseanbau, Kindererziehung, Altenpflege, Reparaturarbeiten usw. – fließen. Damit könnte auch der wachsenden Arbeitslosigkeit Einhalt geboten werden. Der Wachstumskritiker Reinhard Loske setzt anders an: Er fordert eine Geldwende – eine nachhaltige Geldordnung –, basierend unter anderem auf größerer Bankentransparenz, auf Komplementärwährungen und auf Spekulationsverboten.

Diese Forderungen bilden einen Gegenentwurf zu grünen Fortschrittsideologien, die darauf vertrauen, dass sich unser materieller Wohlstand auf ökologisch unschädliche Weise vermehren ließe. Doch wer würde wirklich mehr Zeit mit Garten- statt mit Büroarbeit verbringen wollen?

Neben einer etwa eineinhalb Hektar großen Gemüseanbaufläche in Beggen sitzt Jörg Nussbaum unter einem Pavillongerüst ohne Dach. Seit 14 Jahren ist der Agraringenieur als Ausbilder bei Co-Labor tätig – einem Gemüseanbauunternehmen, dessen Ziel es ist, Langzeitarbeitslose und schwer Vermittelbare zu resozialisieren. „Um eine Gemüseselbstversorgung für eine vierköpfige Familie zu erreichen, reicht bereits eine Stunde Gartenarbeit pro Tag völlig aus“, meint der Agrarexperte. Für die Nahrungsmittelproduktion in einer Subsistenzwirtschaft müsste man demnach nicht besonders viel Zeit einplanen.

Erproben statt Googeln

Doch Jörg Nussbaum ist ein Rufer in der Wüste. „Ausgenommen eine Minderheit, die immerhin stetig wächst, interessieren sich nur wenige für den Gemüseanbau“, stellt er fest. Der Grund dafür sei, das das Wissen über natürliche Anbauprozesse durch den intensiven Landbau und die zunehmende Spezialisierung verdrängt worden ist, so der Agraringenieur. Verstärkend habe hier die zunehmende kulturelle Abwertung handwerklicher Arbeiten in der Nachkriegszeit gewirkt, in der Konsumgüter und saubere Fingernägel das gute Leben symbolisieren.

Aber wird zur Zeit nicht das Internet als große Wissensaustauschmaschine gepriesen? „So einfach ist das nicht“, sagt der Landwirtschaftsexperte und wirbelt etwas Auensanderde mit seinen Füßen auf. „Mit dem Boden ist es wie mit dem Radioempfang, steht man ein paar Meter weiter links oder weiter rechts, können Empfangsstörungen auftreten. Auf jeder Fläche findet man unterschiedliche Anbaubedingungen vor – bedingt unter anderem durch unterschiedliche Fruchtfolgen und Lichtverhältnisse“, erklärt Jörg Nussbaum. Um Mitte August pralle Tomaten ernten zu können, müsse man Erfahrungen sammeln, da reiche es nicht aus, schnell mal was zu Bio-Dünger nachzugoogeln.

Neben der Fläche in Beggen bewirtschaftet Co-Labor auch Äcker in Syren, Walferdingen, Sanem und Bertrange, die insgesamt vier Hektar umfassen. Zur Zeit befinden sich sieben der elf Mitarbeiter in der Resozialisierungsphase. Diese Beschäftigten sind oft hoch motiviert, beherrschen aber beispielsweise nicht die richtigen Sprachen, um auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Daneben sind bei Co-Labor drei „AIP“ (Activités d‘insertion professionnelle) angestellt. Diese Personen müssen aufgrund eingeschränkter Lernfähigkeiten konsequenter betreut werden. Und schließlich bietet Co-Labor jedes Jahr einen Lehrlingsposten an. Die Arbeitskraft erntet auf den vier Hektar genügend Gemüse, um die Abonnements-Körbe zu füllen, mit denen Co-Labor 500 Familien beliefert.

Wenn es auch nur wenige sind, die selber gärtnern wollen, so hat Jörg Nussbaum doch den Eindruck, dass die Wertschätzung des biologischen Gemüseanbaus zunimmt: „Die Bioproduzenten bewegen sich weg vom Müsli-Image, und Fastfood-Ware verliert zunehmend an Attraktivität; dies beweisen Greening-Maßnahmen in diesem Sektor – McDonalds bietet Veggie-Burger an und die Marke Coca-Cola die grün etikettierte Coke-Life“, analysiert der Agraringenieur den gegenwärtigen Trend. Diese Wertschätzung sei aber nicht gleichzusetzen mit einem Interesse an Subsistenz-
wirtschaft und Selbstversorgertum.

„Ich sehe schwarz für die Ideen der Postwachstums-Befürworter, denn die große Mehrheit will unverändert über materielle Symbole – SUVs, IT-Geräte, Flugreisen – Status erlangen.“ Es sei kein Geheimnis, dass es viele Menschen gibt, die scharf darauf sind, Geld anzuhäufen, und zwar mit möglichst wenig Arbeit. Ganz schwarz will Jörg Nussbaum die Situation aber doch nicht malen: „Es gibt natürlich auch Menschen, die stets Neues dazulernen wollen – das erleben wir durchaus bei unserer Resozialisierungsarbeit.“ Und schließlich gilt die Genossenschaft Co-Labor in vielerlei Hinsicht als Betrieb, der Postwachstums-Ideen umsetzt. Ihr Wirtschaftsmodell fußt nämlich auf verkürzten Wertschöpfungsketten, auf regionalem Nahrungsmittelanbau und -Vertrieb sowie auf der Direktvermarktung.

Mythos Ressourceneffizienz?

Solarpanels, Elektroautos, Windkrafträder und ökologischer Landbau werden zunehmend optimiert und auf massentaugliche Weise produziert. Warum sollten wir nicht weiter auf diese Karte setzen? Weil es nicht funktioniert, sagt der Wachstumskritiker Niko Paech. Denn auch in einer grünen Wachstumswirtschaft kann der ökologische Verschleiß (u.a. Wasser, Flächen, Biodiversität und Abfall) niemals auf den Wert Null sinken – auch der grüne Fortschritt bleibt dem Prinzip des stetigen Mehr verhaftet.

Hinzu kommt der Rebound-Effekt: Durch die Optimierung der Produktionsprozesse sinken sowohl der Energiebedarf als auch die Stückkosten; die so erzielten Einsparungen stellen jedoch einen Anreiz zur Produktionssteigerung dar. Statt den motorisierten Verkehr einzudämmen, versprechen Wirtschaft und Politik unbegrenzte Elektromobilität. Ähnlich verhält es sich mit den Passivhäusern: Warum ein bescheiden dimensioniertes Haus bauen, wenn auch in einem großen keine Heizkosten anfallen? Kalkulieren jedoch alle so, lässt der „Peak Soil“ nicht lange auf sich warten. Weil wir dieses Wachstum aber angeblich brauchen, traut sich niemand aus den Reihen der Politiker, die herrschende Entwicklungslogik zu kritisieren. Eine Logik, die laut Niko Paech vor allem auf der „Ausdehnung industrieller und wirtschaftlicher Produktion, auf dem Gebäude- und Infrastrukturenbau (…) sowie einem kerosintriefenden Bildungs-, Projekt- und Party-Nomadentum“ basiert.

Warum aber brauchen wir dieses „Immer mehr“? In der seit 2011 fertig renovierten Beckericher Mühle sitzt Max Hilbert in seinem Büro. Er ist der einzige Angestellte des Vereins „De Kär“, der das Regionalgeld Beki verwaltet. „Die Antwort auf die Frage nach dem Zwang zum ‚immer mehr‘ ist in unserem Geldsystem begründet“, legt er dar.

Geld soll fließen und ausgegeben werden, statt Zinsen zu bringen und Wachstum zu erzwingen. Aufsaugen der Fünferli im Rahmen der „Geldberg Performance“ 2013 in Bern. (Foto: Stefan Pangritz / Generation Grundeinkommen / CC-BY-NC 2.0)

Wie entsteht eigentlich Geld? „Es sind nicht die Zentralbanken, sondern die Geschäftsbanken, die Geld erschaffen. Indem sie Kredite vergeben, entstehen gleichzeitig eine Schuld und ein Guthaben – also neues Geld“, erklärt der Projektkoordinator des Kär. „Das gesamte existierende Geldguthaben entspricht also in etwa der Summe aller Schulden. Diese sind jedoch zusätzlich der Zinsen an die Banken zurückzuzahlen, der Gesamtbetrag für die Zinsen existiert logischerweise aber gar nicht, da Geld nur in Höhe der Kreditsumme, nicht aber in Höhe der Kreditsumme plus Zinsen erschaffen wurde. In anderen Worten: Würden sämtliche Geldguthaben dazu genutzt, die Schulden zurückzuzahlen, so gäbe es kein Geld mehr, es blieben aber immer noch die Zinsforderungen offen“, erläutert Hilbert das Problem.

Die „Lösung“ des Systems für dieses Paradox bestehe darin, dass alte Kreditraten mit neu erschaffenen Guthaben beglichen werden. Das Problem werde also nicht wirklich gelöst, sondern lediglich in die Zukunft verschoben und dabei zugleich vergrößert. „Und auch wenn unterschiedliche Zinssätze hier Schwankungen auslösen; der Betrag, der an Zinsen zu erwirtschaften ist, wird kontinuierlich größer. Die Folge: Wenn der Kuchen, den eine Volkswirtschaft backt, gleich groß bleibt, bedeutet dies, dass ein immer größerer Teil dieses Kuchens für Zinszahlungen aufgewendet werden muss, bis eines Tages der komplette Kuchen von den Zinsen aufgefressen wird“, erklärt der Beki-Koordinator. Wenn also die anderen Wirtschaftsteilnehmer nicht ärmer werden wollen, müsse die Wirtschaft im Gleichschritt mit den ständig steigenden Zinsforderungen wachsen. „Nur ein anderes Geldsystem, ohne Zinsen, würde uns ermöglichen, frei zu entscheiden, ob und in welchen Bereichen wir Wachstum wollen oder nicht“, folgert Max Hilbert.

Wo Wachstum willkommen ist

Der Benutzerkreis des Regionalgelds Beki zählt mittlerweile 420 Mitglieder. Jeden Monat kommen durchschnittlich 15 000 Beki in Umlauf. Und ein Beki wechselt sechsmal schneller den Besitzer als ein Euro. Gerade letzteres lässt vermuten, dass Regionalgeld Wachstum – wenn auch regional begrenztes – eher verstärkt als dämpft. „Das ist richtig“ meint Max Hilbert, die Kritik sei aber verkürzt: „Wir wollen in der Tat den kleinen lokalen Betrieben helfen, mehr Umsatz zu machen und gegen die globale Konkurrenz der Großkonzerne bestehen zu können.“ Der jüngst erfolgte Wegfall der Milchquote – und der etwa gleichzeitige Rückgang des Wachstums in China und die Sanktionen gegen Russland – zeigten, was globale Abhängigkeit bedeutet. „In Bezug auf Wachstum kann der Beki demonstrieren, dass ein anderes Geldsystem möglich ist“, so Max Hilbert. Bei einem Geld, das zum Beispiel auf nationaler Ebene funktionieren soll, müssten Geldmenge und Geldumlaufgeschwindigkeit der Wirtschaftsleistung angepasst werden – und nicht umgekehrt, wie es heute der Fall ist. Es wäre ein Geld ohne Zinsen und Inflation, dafür aber mit einem Umlauf-Anreiz in Form einer Demurrage, also eines Wertabschlags, der eintritt, wenn das Geld zu lange dem Kreislauf entzogen bleibt.

Auch der Ökonom Reinhard Loske betrachtet Komplementärwährungen als Mittel zur De-Globalisierung und zur Stärkung von Binnenökonomien, wenngleich es gewissermaßen bisher als „Nische in der Nische“ gilt. Weitere Maßnahme für das Gelingen einer Geldwende sind ihm zufolge Instrumente wie die Finanztransaktionssteuer zur Begrenzung der spekulativen Renditen und eine gerechtere Steuererhebung zur Verhinderung von Geldkonzentrationen.

Zudem sollten die Banken auf die Kunden-Frage „Wo ist mein Geld?“ eine Antwort geben können. Sie sollten also Transparenz schaffen und über ihre Kreditvergaben und Investitionen informieren. Zusätzlich müssten neue Kriterien in der Finanzwirtschaft eingeführt werden, die Auskunft geben über den gesellschaftlichen und ökologischen Nutzen. Die Geschäftsbanken sollten an der ungebremsten Geldproduktion gehindert werden – z.B. durch neue Reserve-Standards. Die Nahrungsmittelspekulation müsste verboten und „leistungsloses Einkommen“ (Beispiel Immobilienrenten) steuerlich stärker belastet werden. Und schließlich fordert Loske, dass die proaktive Auflösung von Banken durch den Staat nicht mehr tabu sein dürfe.

Neben Co-Labor und dem Kär gibt es eine ganze Reihe weitere Akteure, die vom Gestaltungswillen zu einer Postwachstums-Gesellschaft zeugen: Die Produktionsgenossenschaft Terra, die auf Eecherfeld Gemüse anbaut und direkt vermarktet, die Konsumgenossenschaft De Koup, die Kooperativen Equienercoop und Equicliq aus Junglinster, verschiedene Schenk-
läden und die fünf Transition-Gruppen, die es im Land gibt.

In der August-Ausgabe von Apuz kritisiert die Wirtschaftskorrespondentin der taz, Ulrike Herrmann, die derzeitigen Postwachstums-Modelle als unausgegoren. Sie schreibt: „Der Kapitalismus ist keine Badewanne, bei der man den Stöpsel ziehen und einfach die Hälfte des Wassers ablassen kann. Er ist kein stabiles System, das zum Gleichgewicht neigt und verlässliche Einkommen produziert, die man ruhig senken kann. Sobald es kein Wachstum gibt, droht chaotisches Schrumpfen.“ Statt ein Idealbild einer Postwachstums-Gesellschaft zu zeichnen, müsste ihr zufolge noch eingehender erforscht werden, wie man den Kapitalismus transformieren kann, ohne dass er chaotisch zusammenbricht. Die Transition-Bewegung hingegen hat sich für den Weg der Praxis entschieden, der vielleicht besser Antworten auf diese Frage geben kann als Theoriemodelle. Und vielleicht bringt sie Ideen hervor, wie auch auf makroökonomischer Ebene mehr Resilienz entstehen könnte.

Der Verein etika vergibt zinsvergünstigte Kredite an Unternehmen und Initiativen, die einen ökologischen, sozialen oder kulturellen Mehrwert schaffen, wie zum Beispiel Co-labor. Zudem hat etika zum Ziel, Denkanstöße für den ethischen Umgang mit Geld zu geben.
ÄNDERUNG (8.10.2015, lm, auf Wunsch des Interviewpartners):
Die Passage zum „gesamten existierenden Geldguthaben“ wurde neu und deutlicher formuliert.

Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.