Serie: (Un-)heiliger Krieg 1/4
: Aus Feinden werden Monster


Wie entstand der „Islamische Staat“, und warum ist er erfolgreich? Antworten sind in der jüngsten Geschichte des Mittleren Ostens zu suchen, auf die mehrere Bücher zum Thema IS eingehen.

(Foto: woxx)

Am 30. Dezember 2006 wurde der ehemalige irakische Präsident Saddam Hussein im irakisch-amerikanischen Gefängnis „Camp Justice“ hingerichtet. Neben schiitischen Regierungsmitgliedern waren auch Milizionäre anwesend, die den zum Tode Verurteilten beschimpften. Eine hässliche, doch verständliche Verhaltensweise, hält man sich vor Augen, mit welcher Grausamkeit Hussein 25 Jahre lang die Schiiten und ihre Führer unterdrückt und ermordet hatte. Aber auch ein böses Omen für das künftige Zusammenleben der beiden Religionsgruppen im Irak – die Sunniten fühlen sich ihrerseits seit der Invasion 2003 in die Ecke gedrängt.

Noch während Hussein das islamische Glaubensbekenntnis sprach, öffnete sich die Falltür unter dem Galgen. Der Tod des Diktators bedeutete das endgültige Ende der irakischen säkularen Baath-Bewegung – wobei Hussein selber schon 1991 eine Reislamisierung des Landes eingeleitet hatte. Die Hinrichtung fand vor dem Hintergrund des sich verschärfenden irakischen Bürgerkriegs statt – entfesselt elf Monate zuvor durch das mörderische Attentat von „Al-Qaida im Irak“ (AQI) auf das schiitische Heiligtum in Samarra. Der konfessionelle Riss im Irak bildete auch den Nährboden für den Islamischen Staat (IS) – seine Kader stammen größtenteils aus AQI oder der Baath-Partei.

Das alles – und noch viel mehr – lernt man beim Lesen von „Terror vor Europas Toren“ – der Titel dürfte aus der Marketing-Abteilung des Campus-Verlags stammen. Etwas nüchterner und informativer klingt der Untertitel: „Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht“. Der Autor Wilfried Buchta ist promovierter Islamwissenschaftler, hat viele Jahre im Mittleren Osten verbracht und arbeitete von 2005 bis 2011 als politischer Analyst in der Uno-Zentrale in Bagdad. Der größte Teil seines 400 Seiten starken Buches beschreibt den politischen Kontext, in dem sich der IS im Irak herausbilden konnte – und in dem dieser Sunnitenstaat gute Überlebenschancen hat. Zwar enthält der Band ein nützliches Verzeichnis der Abkürzungen, doch auf Fußnoten und Register wurde leider verzichtet.

Kinder der Geschichte

Muss man die Vergangenheit studieren, um die Gegenwart zu verstehen? Und wenn ja, wie weit muss man dafür zurückschauen? Vor 5.000 Jahren begann die Geschichte der Hochkulturen des Mittleren Ostens – tatsächlich ließ sich Saddam Hussein gerne mit dem babylonischen König und Gesetzesgeber Hammurabi vergleichen. Weniger weit entfernt ist jene Überlieferung aus der Zeit der Abassiden, die einen schiitischen Wesir beschuldigt, Bagdad, die Hauptstadt des Kalifats, an die Mongolen verraten zu haben. Sunnitische Islamisten beschuldigen heute abermals die irakischen Schiiten, Ungläubige ins Land geholt zu haben. Interessant, aber nicht wirklich hilfreich.

Wer Substanzielles über die historischen Hintergründe des IS erfahren will, wird bei Buchta fündig. Neben der direkten Vorgeschichte des IS ist immerhin ein Drittel seines Buchs der Zeit vor 2003 gewidmet; insbesondere die religions­geschichtlichen Ausführungen sind sehr detailliert. Dagegen scheint der Autor den Ereignissen nach dem Ersten Weltkrieg – also der Aufteilung des Osmanischen Reiches durch Großbritannien und Frankreich – wenig Erklärungswert beizumessen. Ganz allgemein befassen sich die wenigsten Bücher zum Thema überhaupt mit der Zeit vor 2003.

Eine Ausnahme stellt „Le piège Daech“ von Pierre-Jean Luizard dar: Der Historiker widmet ein ganzes Kapitel der Aufhebung der Grenze zwischen dem Irak und Syrien, die vom IS als späte Revanche für die Zerschneidung des Gebiets in den 1920ern dargestellt wird. Luizard legt dar, wie damals französische und britische Interessenpolitik den Traum von einem großen arabischen Kalifat, das von Mossul bis San’a reichen sollte, zerstörte. Und wie diese Politik die Volks- und Religionsgruppen gegeneinander ausspielte, was wesentlich zur jetzigen Destabilisierung der Region beigetragen hat. Am Ende befindet der Autor dennoch, dass der IS seinen Bezug „weit hergeholt“ hat. Nicht die anhaltende Popularität des panarabischem Traums habe die Ausrufung des Kalifats durch den IS ermöglicht, sondern das Scheitern der Regime im Irak und in Syrien während der vergangenen Jahrzehnte. Ob durch die Schaffung eines großen arabischen Staates – Atatürks Türkei vergleichbar – die Geschichte des Mittleren Ostens einen positiveren Verlauf positiv genommen hätte, bleibt unbeantwortet – und ist eine sehr theoretische Frage.

Was Luizard in geraffter Form vorstellt, wird bei Buchta im Detail analysiert: die schleichende Auflösung des Nationalstaats Irak in den 25 Jahren vor der US-Invasion. Bis etwa 1980 war das Land eine erfolgreiche „Modernisierungsdiktatur“ gewesen, und bei aller Abscheu vor den brutalen Unterdrückungsmethoden schwingt in der Beschreibung Buchtas Bewunderung mit. Doch Saddam Husseins Angriff auf Iran im Jahre 1980 leitete einen Teufelskreis von Kriegen, Verarmung und Aufständen ein, der bis heute anhält. Zwar hatten die USA und die Golfmonarchien diesen Stellvertreterkrieg gegen die schiitische und revolutionäre Islamische Republik unterstützt, doch seit dem Waffenstillstand von 1988 musste der Irak mit den Folgen alleine fertigwerden. Der Versuch, Kuwait zu annektieren, lieferte 1991 den USA die Gelegenheit, den mittlerweile als regionale Bedrohung angesehenen irakischen Diktator zu schwächen (woxx 1331). Dass sie den Schiitenaufstand nach Husseins Niederlage zuerst förderten, dann jedoch, aus Angst vor dem iranischen Einfluss, sich selbst überließen, dürfte ein Grund dafür sein, dass die gegenwärtige schiitische Regierung in Bagdad dem Westen misstraut.

Die Zerstörung des Irak

Neben der verstärkten Feindschaft zwischen Schiiten und Sunniten trug auch das von 1991 bis 2003 wirksame UN-Embargo dazu bei, die nationalstaatlichen Fundamente des Irak zu untergraben. Während dieser Zeit setzte Hussein nicht mehr auf die säkulare Baath-Einheitspartei, sondern versuchte das Land mittels Geheimdiensten, tribalen Strukturen und einer Reislamisierung unter Kontrolle zu halten. Diese Politik bezeichnet Buchta als Ritt auf dem Tiger, und sie führte dazu, dass nach der US-Invasion die Kader von Husseins „Schattenstaat“ bedenkenlos die Baath-Ideologie gegen den Islamismus tauschten.

Mit dem Einmarsch der US-Truppen und dem schnellen Sturz Husseins brach dann das Chaos aus. Buchta beschreibt, wie naiv die neokonservative US-Verantwortlichen an die Okkupation herangingen und welchen Schaden Maßnahmen wie die undifferenzierte Ent-Baathifizierung und Auflösung der Armee anrichteten. Statt eines begeisterten Übergangs zu einer Demokratie nach westlichem Vorbild kam es ab 2006 zu einem blutigen Bürgerkrieg zwischen schiitischen und sunnitischen Milizen – wobei beide auch das Ziel hatten, die US-Besatzer zu vertreiben. Buchta beschreibt die brutale Vorgehensweise aller Parteien inklusive der Besatzungsstreitkräfte. Deren Erfolge bei der Eindämmung des Bürgerkriegs führt er auch auf die Ermüdungserscheinungen und die Spaltung des sunnitischen Lagers zurück. Auch die aus AQI hervorgegangene Organisation „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) war nach 2008 sehr geschwächt.

Doch die relativ demokratischen Wahlen von 2010 und der Abzug der US-Truppen bedeuteten kein Happy-End. Die vom Iran unterstützte schiitische Willkürherrschaft unter Premier Nouri al-Maliki goss Öl ins Feuer der vergangenen Konflikte. Die zwischenzeitlich in ISIS – S für Syrien – umbenannte Gruppe erzielte im syrischen Bürgerkrieg Erfolge und wandte sich 2013 wieder dem Irak zu. Buchta charakterisiert die heutige Situation in dem Land als „idealen Nährboden für radikale religiöse und nationalistische Gruppen“, die Machtvakuen für ihre Zwecke nutzen.

Die Erfolgsgeschichte des IS, die bei Buchta nach geschickter Ausnutzung günstiger Umstände klingt, wird bei anderen Autoren als zielgerichtet und vorausgeplant dargestellt. In „Isis: Inside the Army of Terror“ beschreiben die Journalisten Michael Weiss und Hassan Hassan den Werdegang des 2006 von den USA getöteten AQI-Gründervaters Abu Musab al-Zarqawi. Als Kernidee der bis heute gültigen IS-Strategie betrachten sie, im Einklang mit anderen Autoren, die Anwendung exzessiv grausamer Vorgehensweisen, die zum Ziel hatte, den Hass des Gegners anzufachen und dadurch die eigenen – sunnitischen – Reihen zu festigen.

Göttlich-teuflische Pläne

Auch der syrische Bürgerkrieg und die IS-Erfolge in ihm sind bei Weiss/Hassan detaillierter abgehandelt als bei Buchta. Dass die Zersplitterung und Schwäche der syrischen Oppositionsgruppen auch dort günstige Bedingungen für den IS geschaffen hat, darüber sind sich die Autoren einig. Bei der Frage, wie das Assad-Regime zum IS in Syrien steht, variieren die Einschätzungen jedoch: Buchta sieht sie eher als Gegner, Weiss/Hassan als objektive Alliierte, während Christoph Reuter („Die schwarze Macht“) eine aktive Zusammenarbeit diagnostiziert. Detailliert belegt ist insbesondere bei Weiss/Hassan, dass die syrische Regierung dschihadistische Gruppen im Irak und zu Beginn des Aufstands im eigenen Land gefördert hat. Dies sollte dem Assad-Regime helfen, die Opposition pauschal als religiöse Extremisten zu diskreditieren und den Bürgerkrieg – ähnlich der al-Zarqawi-Strategie – weiter zu verschärfen.

Der Werdegang des IS ist ohne Zweifel geprägt von der besonderen geopolitischen Situation des Mittleren Ostens in den vergangenen 25 Jahren. Zwar mangelt es nicht an theologischen Begründungen für den Krieg gegen die Juden, die „Kreuzfahrer“ und – last but not least – die Schiiten, oder für die Ausrufung des Kalifats, ähnlich jenen von Al Qaida, die auf dieser Grundlage spektakuläre, aber zusammenhanglose Terroranschläge verübt. Für die Entwicklung des IS dagegen haben die konkreten Opportunitäten, Streitkräfte zu organisieren und ein Territorium zu kontrollieren, eine große Rolle gespielt. Was das für die betroffenen Regionen und für den Westen bedeutet, darauf werden wir in den kommenden Beiträgen eingehen.

Terror vor Europas Toren, Wilfried Buchta, Campus Verlag 2015
Le piège Daech, Pierre-Jean Luizard, La Découverte 2015
Isis: Inside the Army of Terror, Regan Arts, 2015

Islamischer Staat, arabisches Chaos
Bücher über Krieg und Terrorismus im Mittleren Osten sind gewiss nicht die ideale Strandlektüre. Aber nützlich, um Ereignisse wie den Zerfall des Iraks und Syriens, den Aufstieg des IS und die Terroranschläge in Europa besser einordnen zu können. Thorsten Fuchshuber und Raymond Klein haben sich eingelesen und verschaffen in den kommenden Wochen einen Überblick über das Thema.


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