Serienmörder: Eine Geschichte der Trostlosigkeit


Der Roman „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk handelt von einem Serienmörder der siebziger Jahre, ist aber weder Krimi noch Sozialstudie.

1385literaturSTRUNKhandschuh-cover_eff89a5985a475378cd3170917df5aafSerienmörder üben auf viele Menschen eine seltsame Faszination aus. Einige dieser Killer haben es damit zur Prominenz oder sogar zu ausgesprochenem Kultstatus gebracht. Bücher und Filme über Ted Bundy und Jack the Ripper, Fritz Haarmann und Joachim Georg Kroll gibt es zuhauf, Das Thema Serienmörder hat schon seit langem Konjunktur. Dass sich die Belletristik explizit mit ihnen beschäftigt, ist jedoch ein Trend, der erst in der jüngeren Zeit einsetzte, und eine direkte Konsequenz aus der Entwicklung des Kriminalromans.

„Der goldene Handschuh“ ist kein Krimi. Doch auch in dem neuesten Roman von Heinz Strunk, der seinen Durchbruch als Schriftsteller 2004 mit „Fleisch ist mein Gemüse“, den Bericht über seine Jahre als von Akne geplagter Jugendlicher feierte, geht es um einen Serienmörder, um Fritz Honka. Die meisten nennen ihn Fiete. Er ist schmächtig, schielt und hat eine gebogene Nase. Honka arbeitet als Nachtwächter. Und er ist Stammgast im „Goldenen Handschuh“, einer heruntergekommenen Kaschemme in St. Pauli, die täglich 24 Stunden lang geöffnet hat.

Strunk beschreibt ein Absturzmilieu, in dem es keine Solidarität gibt.

Die Frauen, die Fiete in der Kneipe kennenlernt, nimmt er jeweils mit zu sich nach Hause in seine Dachwohnung, wo er sich zusammen mit ihnen bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt. Am Ende wacht er neben Leichen auf und kann sich nicht mehr erinnern, wie es zur Tat gekommen ist. Daraufhin zerstückelt er die Frauen und stopft die Leichenteile hinter eine Wand. Den beißenden Verwesungsgeruch bekämpft Fiete mit Klostein und Wunderbäumen.

Fritz Honka hat es wirklich gegeben, er ist eine historische Figur. Von 1970 bis 1975 hat er in Hamburg mindestens vier Prostituierte umgebracht. Zu dieser Zeit galt er als das personifizierte Grauen, für die Bildzeitung war er ein Monster, eine Bestie mit Menjou-Bärtchen und die Inkarnation des Bösen schlechthin. Der „Goldene Handschuh“ wurde damals auch als „Honka-Stube“ bezeichnet. Die vier Leichen wurden erst nach einem Brand in Honkas Wohnung gefunden. Honka landete in der Psychiatrie, aus der 1993, fünf Jahre vor seinem Tod, entlassen wurde.

Niemand vermisste die getöteten Frauen. „Das ist alles, was von uns eines Tages übrigbleibt, sinnlose, blutende Löcher und Flecken“, heißt es in dem Roman. Die Opfer sind Gestrandete und Aussätzige, wie ihr Mörder. Was sie suchen, ist Wärme: „Sie will nur noch ein bisschen bleiben. Bitte nicht nach Hause schicken.“ Der Autor beschreibt eine der Frauen wie folgt: „Sie ist ziemlich hässlich, hat dünnes Haar und trägt unter dem Mantel nur einen Putzfrauenkittel. Man kann sich schon nicht mehr vorstellen, wie die früher mal ausgesehen hat als Frau.“

„Der goldene Handschuh“ ist auch keine Sozialstudie. Strunk analysiert nichts. Er beschreibt ein Absturzmilieu, in dem es keine Solidarität gibt. Honka hat keine Perspektive. In dem Roman bleibt, wer von unten kommt, meistens auch unten. Ein zweiter Erzählstrang handelt von einer Reederdynastie in einem Hamburger Reichenvorort, die sich im Dritten Reich an jüdischem Eigentum bereicherte. Die beiden Stränge nähern sich im „Goldenen Handschuh“, wo auch der Reederspross zum Saufen einkehrt. In der Kneipe steht eine Musicbox, in der Schmonzetten wie „Ich habe die Liebe verspielt in Monte Carlo“ von Gitte oder „Es geht eine Träne auf Reisen“ von Adamo gespielt werden.

Die Kneipe in der Nähe der Reeperbahn ist eine Art Soziotop. Hier hängen die „Verschimmelten“ ab, verwahrloste Gestalten, denen die Zähne schon zum größeren Teil ausgefallen sind, deren Eiterwunden jucken, und die nach Alkohol und Urin riechen. Strunk vermeidet dabei jeden Sozialkitsch. Er wahrt die nötige Distanz, ohne herablassend zu werden. Er schreibt lakonisch, genau und erbarmungslos. Obwohl er Emphase spart, so gut es geht, behalten seine Figuren ihre Würde. Der Autor überschreitet nicht die Grenze zum Zynismus. Ihm gelingt eine Gratwanderung, die ihre Wirkung erzielt. Strunk zählt die verschiedenen Formen des Sich-Betrinkens auf: das Vernichtungstrinken, den Sturzsuff und den Schmiersuff. Getrunken wird meistens Fako, die Abkürzung für das Gemisch aus Fanta und Korn. Einen Liter davon im Handumdrehen herunterzukippen, ist für „Leiche“ oder „Rudi“, wie die Gäste im „Handschuh“ heißen, kein Problem.

Der Roman ist eine Art Freakshow vom Abgrund. Selbst wer unten ist, sucht sich noch jemand, der sich weiter unten befindet. So auch Honka alias Fiete: Er demütigt die Frauen mit seinen sadistischen Praktiken bis zur Versklavung, vergewaltigt sie mit einer Bockwurst und stellt dann ungerührt fest: „Gerda macht keinen Mucks.“ Seine Opfer müssen schriftlich auf einem Zettel zustimmen, dass sie ihren eigenen Willen aufgeben: „Hiermit erkläre ich, Gerda Voss, dass ich es im Leben noch nicht so gut hatte wie bei Herrn Honka.“ Es gibt keinen Trost, nur vielleicht durch eine Frau von der Heilsarmee oder während einer Hafenrundfahrt, die Fiete unternimmt. Doch auch dieser Lichtblick währt nur kurz in diesem Roman, der eine Geschichte der Trostlosigkeit ist. Für die, die ganz unten sind.

Heinz Strunk: „Der goldene Handschuh“, Rowohlt Verlag, 256 Seiten

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