Sexualerziehung
: Wie sag ich’s meinem Kind?


Sexualität, Pubertät, Gender, sexuelle Orientierung – Themen, die zum Feld der sexuellen und affektiven Erziehung gehören, gibt es zahlreiche. Eine angemessene Heranführung ist besonders in jungen Jahren wichtig. Was wird in Luxemburg in diesem Bereich geleistet? Was klappt, wo besteht Nachholbedarf? Im Rahmen einer Interview-Serie haben wir Vertreter*innen einiger zuständiger Strukturen dazu befragt. Das erste Gespräch fand mit Isabel Scott vom Centre national de référence pour la promotion de la santé affective et sexuelle, kurz Cesas, statt.

Isabel Scott arbeitet seit April 2017 beim Cesas. (© privat)

woxx: Wie sollte Sexualaufklärung im weitesten Sinne im Idealfall ablaufen?


Isabel Scott: Die Weltgesundheitsorganisation hat 2011 das Dokument „Standards für Sexualaufklärung in Europa“ publiziert. An diesem orientiert sich das Cesas. Es geht beispielsweise darum, von wem Sexualerziehung durchgeführt werden sollte und welche Ausbildung dazu nötig ist. Weitere Aspekte, auf die eingegangen wird, sind zu behandelnde Themen und ab welchem Alter mit der Sexualerziehung begonnen werden sollte. Erst einmal zum Alter: Sexualerziehung sollte so früh wie möglich beginnen, also auch schon in der Kinderkrippe. Die psychosexuelle Entwicklung beginnt bereits in der frühsten Kindheit: den eigenen Körper erforschen, ihn mit anderen vergleichen, die sogenannten Doktorspiele. Es ist natürlich wichtig, Sexualerziehung immer altersgerecht zu gestalten. Eine ganz wichtige Rolle spielen dabei die Eltern. Bewusst oder unbewusst vermitteln sie dem Kind Werte bezüglich sexueller und affektiver Gesundheit. Die Themen sollten ein großes Spektrum abdecken, das von biologischen über soziale und kulturelle bis hin zu affektiven Aspekten reicht: Sexualität, sexuelle Gesundheit, Gender, Wohlbefinden, Körperbilder, Selbstbewusstsein, Konsens – die Liste ist unendlich. Eine ganzheitliche Herangehensweise, die aktuelle gesellschaftliche Debatten aufgreift, ist unerlässlich. Sexualerziehung hat historisch gesehen eine Entwicklung durchgemacht und die Botschaft, die zu vermitteln versucht wird, befindet sich im ständigen Wandel. Es kann also kein allgemeingültiges Programm geben, es muss ständig an die Entwicklungen in der Gesellschaft und Anforderungen der jeweiligen Zeit angepasst werden.

Sie haben gerade schon die Rolle der Eltern angesprochen. Fällt es diesen heutzutage leichter mit ihren Kindern über Sexualität zu sprechen?


Es ist schwer, eine pauschale Antwort darauf zu geben. Man kann jedoch feststellen, dass Eltern sich heutzutage einem größeren Druck ausgesetzt sehen, das Thema anzusprechen. Das Internet ermöglicht ihren Kindern beispielsweise einen leichten Kontakt mit Pornografie und viele Eltern sehen sich gezwungen, darauf zu reagieren. Eine wichtige Frage, mit der sich auch das Cesas befasst, ist, wie Eltern optimal in den Prozess der Sexualerziehung einbezogen werden können. Denn die Herausforderung besteht einerseits darin, eine Übereinkunft zwischen den einzelnen Akteuren zu finden, die am Prozess der Sexualerziehung eines Kindes teilnehmen, andererseits aber auch zu vermeiden, dass beispielsweise die Eltern die Verantwortung der Schule zuschieben und diese wiederum den Eltern. Wir sind alle betroffen. Jeder leistet in manchen Momenten sexuelle und affektive Erziehung.

Hinzu kommt, dass viele Eltern selbst über Wissenslücken verfügen.


Ja, manche fühlen sich ein wenig verloren. Ein langfristiges Ziel des Cesas sehe ich darin, Eltern in dieser Hinsicht zu unterstützen, indem beispielsweise Material zur Verfügung gestellt wird. Es ist aber auch wichtig, dass Schulen sich darüber mit den Eltern austauschen.

„Sexualerziehung sollte so früh wie möglich beginnen, also auch schon in der Kinderkrippe.“

Was fällt sonst noch in den Zuständigkeitsbereich der Schule?


Die Schule hat einen Bildungsauftrag und dazu zählt auch die sexuelle und affektive Erziehung. Über diesen Aspekt sind sich alle einig. Darüber, wie dieses Ziel erreicht werden soll, scheiden sich allerdings die Geister. Im Cycle 3.2 wird im Éveil aux sciences über Pubertät gesprochen. Ginge man aber nach den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, müsste Sexualerziehung bereits viel früher ansetzen. Eine Schwierigkeit, die sich stellt, ist die Ausbildung der Lehrkräfte. In der Initialausbildung ist derzeit nichts dergleichen vorgesehen. Ohne entsprechende Ausbildung kann man sich aber mit der Thematik leicht überfordert fühlen. Es ist natürlich leichter, über gesundes Essen zu reden als über Sexualität. Wenn ich als Lehrkraft über Essen rede, kann ich mich selbst völlig herausnehmen, wogegen Sexualität viel stärker mit der eigenen Person verbunden ist. Lehrkräfte können sich dann plötzlich mit ihrer eigenen Sexualität konfrontiert fühlen. Daraus kann dann die Haltung entstehen: „Das ist privat, darüber will ich nicht reden“. Nach den zahlreichen Schulreformen kann sich auch schnell ein Gefühl des Überdrusses einstellen, wenn wieder etwas am Lehrplan geändert werden soll. Mittlerweile sind derart viele Anpassungen vorzunehmen, dass ein Thema wie Sexualerziehung bei der Prioritätensetzung zu kurz kommt. Experten von Planning Familial, Cigale oder der HIV Berodung, die von Zeit zu Zeit Workshops in den Schulen abhalten, haben lediglich eine ergänzende Funktion. NGOs können ausgebildete Lehrkräfte aber nicht ersetzen, zumal sie längst nicht alle Schulklassen abdecken. Leider stehen nicht genügend Ressourcen zur Verfügung, damit jedes Kind im Laufe seiner Schullaufbahn einmal in den Genuss eines solchen Workshops kommt.

In Anbetracht des Ressourcenmangels entsteht der Eindruck, dass von Seiten der Politik kein rechtes Bewusstsein für die Wichtigkeit einer adäquaten sexuellen und affektiven Erziehung besteht. 


Luxemburg ist recht konservativ. Ich glaube aber, dass das Bewusstsein, dass etwas getan werden muss, da ist. Daraus ist der „Plan d’action national promotion de la santé affective et sexuelle“ entstanden. Sowie das Vorhaben, ein Zentrum ins Leben zu rufen, das sich mit diesem Aspekt befasst. Aber es ist ein langwieriger Prozess. Das Cesas befindet sich erst in der Anfangsphase. Man darf aber nicht vergessen, dass bereits in den letzten Jahren viel wichtige Arbeit geleistet wurde.

Sie haben vorhin bereits den Einfluss des Internets erwähnt: Sollte Medien-
erziehung Teil sexueller und affektiver Erziehung sein?


Auf jeden Fall. Es ist wichtig, einen kritischen Umgang mit medialen Botschaften zu lernen. Man kann beispielsweise nicht über Schönheitsideale oder Körperbilder reden, ohne auch auf diesen Aspekt einzugehen. Viele unterschätzen die Rolle der Medienerziehung. Dabei sind unsere Vorstellungen von Sexualität, Geschlechterrollen und dergleichen maßgeblich durch Bilder und Videos, die wir konsumieren, beeinflusst. Aus diesem Grund muss unbedingt übergreifend gedacht werden. Das ist aber nicht so leicht, allein schon, weil auf ministerieller Ebene alles aufgeteilt ist und jeder seinen Zuständigkeitsbereich hat.

„Ohne entsprechende Ausbildung kann man sich mit der Thematik leicht überfordert fühlen.“

Wie definiert das Cesas seine Aufgabe?


(Foto: flickr.com)

Eine zentrale Mission des Cesas besteht darin, einen Überblick darüber zu geben, welche Strukturen im weitesten Sinne des Wortes im Bereich der sexuellen und affektiven Gesundheit aktiv sind. Aus diesem Grund sind wir dabei, eine Liste anzufertigen mit Namen, Kontaktadressen, Zuständigkeitsbereichen, wie zum Beispiel HIV-Tests, künstliche Befruchtung oder Sexologie. Ein derart simples Mittel kann einem das Leben wesentlich erleichtern. Wenn ein junger Mensch sich beispielsweise Fragen zu seiner Geschlechtsidentität stellt, können seine Eltern sich auf einen Blick darüber informieren, welche Strukturen dafür zuständig sind, nämlich zum Beispiel das Cigale und ITGL. Es ist geplant, diese Übersicht auf unserer Homepage anhand einer Landkarte zu visualisieren. Für uns ist das auch wichtig, weil dann deutlich wird, in welchen Regionen Luxemburgs welches Angebot besteht. Ist alles im Zentrum konzentriert? Welcher Bedarf besteht noch im Norden des Landes? Unsere Aufgabe besteht darin, den Zugang zu Pflege und Informationen zu erleichtern. Nicht nur für professionelle Strukturen, sondern auch für die breite Bevölkerung. In einem Land wie Großbritannien sind die Strukturen für sexuelle Gesundheit viel sichtbarer. Eine solche Sichtbarkeit wünsche ich mir für Luxemburg. Dadurch werden dann auch die Mängel deutlicher und wir können mit zielgerichteter Lobbyarbeit beginnen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit des Cesas mit unterschiedlichen Strukturen?


Wir haben uns erst einmal einen Überblick darüber verschafft, wer Fortbildungen im Bereich der Sexualerziehung anbietet. Das sind unter anderem Planning Familial, HIV Berodung, Cigale, ITGL, Alupse, Ecpat, Cid Fraen a Gender und Infomann. Wir sind dabei einen Weiterbilder-Pool zu schaffen und eine Art Curriculum auszuarbeiten. Eine wichtige Etappe dabei besteht darin, sich auf Definitionen, Begriffe und eine gemeinsame Zielsetzung zu einigen. Das Cesas bietet einen Versammlungsort, wo sich die verschiedenen Akteure untereinander austauschen und erfahren können, wie andere das Thema Sexualerziehung angehen und welche Materialien sie benutzen. Auf diese Weise können die Strukturen auch voneinander lernen. Darüber hinaus möchte sich das Cesas mit anderen etablierten Akteuren, wie beispielsweise Pflegestrukturen oder dem Handicap-Bereich vernetzen. In diesem Rahmen wird am 24. Oktober eine Konferenz zum Thema „Sexualität, Liebe und Behinderung?!“ stattfinden.


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