Soul
: Rechter Messias?

Ein Reichsbürger in der Rockhal? Genau das wird am Samstag zu erleben sein, wenn Xavier Naidoo und seine „Söhne Mannheims“ dort auftreten.

Besteht immer noch drauf kein rechtes Gedankengut zu propagieren: Xavier Naidoo.

Mögen kann man ihn, hassen auch – nur ignorieren geht leider nicht, dazu ist Xavier Naidoo zu omnipräsent. Auch, oder gerade deshalb, weil seine weichgespülten Soul-Stücke sich zum Verwechseln ähnlich sind – sogar hartgesottene Fans könnten Schwierigkeiten damit haben, sie auseinanderzuhalten. Doch ein genaueres Zuhören lohnt, denn seine Texte haben es in sich: „Ihr wandelt an Fäden wie Marionetten. Bis wir euch mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylons trennen! Ihr seid so langsam und träge. Es ist entsetzlich; denkt, ihr wisst alles besser. (…) Als Volks-in-die-Fresse-Treter stoßt ihr an unsere Grenzen. Und etwas namens Pizzagate gibt’s ja noch auf der Rechnung; bei näherer Betrachtung steigert sich noch das Entsetzen. Und wenn ich nur einen in die Finger bekomme, dann zerreiß’ ich ihn in Fetzen“, singt er zum Beispiel auf dem eben erschienen Song „Marionetten“, aus dem Album „MannHeim“.

Solch krude Verschwörungsrhetorik hat denn auch prompt die Diskursmaschine des deutschen Feuilletons angeworfen. Und natürlich persiflierte Jan Böhmermann den selbsternannten „Saviour“ als „Hurensohn Mannheims“. Dabei fing alles ziemlich harmlos an: Mitte der 1990er-Jahre zuerst als Background-Sänger für den Frankfurter Produzenten Moses Pelham tätig, wurde Naidoo von ihm als Solo-Künstler gefördert. Mit „Nicht von dieser Welt“ (1998) eroberte er den deutschsprachigen Musikmarkt und guckte fortan von Bravo-Postern in die Zimmer unzähliger Teenagern. Die Zusammenarbeit mit Pelham endete vor Gericht, als Naidoo anfing auch mit den „Söhnen Mannheims“ aufzutreten, was für den Produzenten einem Vertragsbruch gleichkam. Naidoo gewann den Prozess und produziert sich seitdem selbst. Auch die darauffolgenden Alben „ Zwischenspiel – alles für den Herrn“ (wo er sich zum ersten Mal ziemlich offensiv zum Christentum bekannte – Naidoo glaubt daran, in einer Endzeit zu leben und dass die Zukunft codiert in der Bibel vorausgesagt wird), „Telegramm für X“, „Alles kann besser werden“, „Gespaltene Persönlichkeit“, Bei meiner Seele“ und „Nicht von dieser Welt 2“ spielten sich hoch in den Charts.

Erste Misstöne gab es bereits 2012, als die Linksjugend Solid und der Lesben- und Schwulenverband Deutschland gegen Naidoo klagten, weil dieser in einem Text Pädophilie und Homosexualität gleichgestellt hatte – der Prozess scheiterte an der Staatsanwaltschaft, die keine Straftat erkennen konnte. 2014 verursachte der Sänger Negativschlagzeilen, als er in Berlin vor einer Versammlung der „Reichsbürgerbewegung“ auftrat – diese vertreten die These, dass die Bundesrepublik Deutschland kein Staat sei, sondern bloß eine GmbH, weshalb sie ihren eigenen Staat aufgemacht haben. Ideen, die vor allem bei Rechtsextremen Anhänger finden, die oft auch zugleich den Holocaust leugnen. Zuletzt erregten mehrere „Reichsbürger“ Aufsehen, als sie sich gewaltsam Polizeibeamten widersetzten, die sie wegen unerlaubten Waffenbesitzes kontrollieren bzw. festnehmen wollten. Im Jahre 2015 erwirkte Naidoo eine einstweilige Verfügung gegen die „Antonio Amadeu Stiftung“, die ihn als Antisemiten bezeichnet hatte – es kam zu einem außergerichtlichen Vergleich.

Sicher, die schillernde Gestalt, die Herkunft (halb indisch, halb deutsch) und auch diverse Engagements gegen Rassismus lassen es nicht zu, Naidoo rundheraus als Neonazi einzustufen. Doch seine Texte sind, zumal in explosiven Zeiten wie diesen, nicht ohne Gefahrenpotenzial, da sie den Hass auf Andersdenkende schüren, die Demokratie in Frage stellen und messianische Endzeitstimmung verherrlichen. Von der woxx auf die Kontroverse angesprochen, erklärte Thomas Roscheck (Marketing & PR Manager der Rockhal), dass das Konzert bereits im Oktober 2016 gebucht wurde – also vor der Veröffentlichung von „Marionetten“- und verweist auf die Stellungnahmen der Band und Naidoos nach einem „klärenden Gespräch“ mit dem Mannheimer Oberbürgermeister. Des Weiteren versicherte der Vertreter der Rockhal, dass sich die Booking-Abteilung sehr wohl überlege wen sie bucht und dass sie auch die Diskussionen um den Song verfolgt hätten – sowie auch die Erklärungen die nachgereicht wurden.

An diesem Samstag, dem 20. Mai 
in der Rockhal.

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