Spaghetti-Monster-Religion
: Nudel-Trubel


Die „Kirche des fliegenden Spaghetti-Monsters“ hat einen luxemburgischen Ableger. Für welche Werte setzen sich ihre Mitglieder ein? Und was hat die Kirchenparodie bisher erreicht?

Populärer als Anglikaner und Katholiken zusammen: Anhänger des Spaghetti-Kults in Luxemburg. (Fotos: FSM Luxemburg)

Populärer als Anglikaner und Katholiken zusammen: Anhänger des Spaghetti-Kults in Luxemburg. (Fotos: FSM Luxemburg)

„Wie man Spaghetti kocht, das kann man den Kindern auch zuhause zeigen“, steht in einer Pressemitteilung der Anhänger des Fliegenden Spaghetti-Monsters (FSM). Unterrichtung in Religion hat in der Schule nichts verloren, das soll diese Einmischung in die aktuelle Debatte um den Werteunterricht vermitteln. Aber was treibt die Anhänger der Satirereligion sonst noch an? Welche Form von Religions- und Gesellschaftskritik haben sie als Vorbild? Für welches Weltbild stehen die FSM-Aktivisten? Um mehr zu erfahren, habe ich um eine Audienz beim luxemburgischen Vikar der FSM-Kirche nachgesucht.

Für Metti Strangozzi (*), Vikar der FSM-Kirche, ist nicht nur der Werteunterricht zentral für die Trennung von Kirche und Staat, sondern auch die Subventionspolitik, wie sie bei den anerkannten Religionen betrieben wird. Die Problematisierung dieser Angelegenheit war sogar der eigentliche Anlass für die Einführung des Spaghetti-Kults in Luxemburg: „Wir haben unsere Kirche – sehr spontan und in leicht alkoholisiertem Zustand – aus der Taufe gehoben, als der Staat Anfang 2015 sechs Religionen anerkannte und ihre Finanzierung ankündigte“, erklärt der Vikar der jungen Kirche. In diesem Zusammenhang weist er auf die Mitgliederzahl der katholischen Kirche hin: „Eine Institution, die derart an praktizierenden Anhängern verliert, sollte nicht mit – wie es momentan noch geschieht – mehreren Millionen Euro Steuergeldern jährlich bezuschusst werden“, meint der Vikar in seinem säkularen grauen, langärmeligen T-Shirt. Zwar sollte ein moderner säkularer Staat die Freiheit der Religionsausübung gesetzlich garantieren, doch müsse er kirchenunabhängig sein.

Am Anfang war die Nudel

Als den Pionieren der neuen religiösen Bewegung auffiel, dass die Anglikaner – die jährlich mit 125.000 Euro bezuschusst werden – 2015 bei Facebook nicht mehr als 64 Sympathisanten hatten, „da dachten wir uns: das schaffen wir auch“, sagt Strangozzi. Und tatsächlich war die Zustimmung groß: 3.032 Personen meldeten sich bei der FSM-Facebook-Gruppe an, und 1.683 folgen der Fan-Page. „Wir sind damit in den sozialen Medien ebenfalls deutlich populärer als die katholische Kirche“, triumphiert der Vertreter des Spaghetti-Monsters. „Nach dieser breiten Zustimmung haben wir uns gesagt: lass uns eine Petition starten, in der wir für die offizielle Anerkennung unserer Kirche werben. Wir hätten jedoch im Anschluss freiwillig auf die Fördergelder verzichtet und alle anerkannten Gemeinschaften aufgerufen, dies auch zu tun“, schmunzelt Strangozzi. Immerhin hat die lustige Truppe 1.157 Unterschriften gesammelt. „Leider aber reicht das nicht für eine Chamber-Debatte“, bedauert der Vikar.

Die Kirche des fliegenden Spaghetti-Monsters hat ihre Wurzeln in den USA. Im Sommer 2005 entschied die Schulbehörde von Kansas, gleichberechtigt neben Darwins Evolutionslehre im Biologieunterricht die evangelikal-religiöse Lehre vom sogenannten „intelligent design“ zuzulassen. Der Physiker Bobby Henderson, damals noch Student, wunderte sich über diesen Unfug und konterte mit der Ausrufung der Religion des FSM. Deren zentrale Schöpfungstheorie kreist um das Spaghetti-Monster, das die Welt erschaffen habe. Unverzüglich verlangte der junge Religionsstifter für sein Genesis-Update auch die Aufnahme in den Lehrplan von Kansas. Als die Internetseite zum FSM-Schöpfungsmythos online ging, wurde aus dem Scherz ein regelrechter Kult.

1388fsm_woxx_fsm_logoEin richtiger Kult braucht natürlich Gebote. Die FSM-Kirche kennt acht „Grundsätze“, und diese fangen nicht mit „Du sollst“, sondern mit „Mir wär’s wirklich lieber, …“ an. „Mir wär’s wirklich lieber, du würdest nicht Leute wegen ihres Aussehens beurteilen oder was für Klamotten sie anziehen oder wie sie reden oder wie auch immer – sei einfach nett, okay?“, so lautet der dritte Grundsatz, der auch noch eine Lanze für die Gleichberechtigung bricht: „Oh, und kriegt das mal in eure Dickschädel: Frau = Person. Mann = Person. Klar? Klar.“ Bobby Henderson verfasste seinen Leitfaden, als seine Satirereligion auf enthusiastische Zustimmung traf, worauf er sich zum Propheten der Bewegung kürte. Andere Grundsätze sprechen sich unter anderem gegen Diskriminierung und religiöse Dogmen aus. Die ursprünglich Pastafaris seien Piraten gewesen, erläutert das Werk überdies. Deshalb trügen die Anhänger der FSM-Kirche Piraten-Insignien. Die Paradiesvorstellung der neuen Religion besteht aus einem blasphemischen Potpourri, dessen Zweck es wohl vor allem ist, fundamentalistische Eiferer zu provozieren. Nach ihr warten auf die Anhänger im Jenseits Bier und Stripperinnen ohne Ende.

Zielscheibe: Knete statt Kreationismus

Der Import der amerikanischen Satirereligion nach Luxemburg machte allerdings einige transkulturelle Anpassungen erforderlich. So richtet sich die Kritik des luxemburgischen Ablegers nicht gegen Kreationisten, da diese – außer in einer Handvoll evangelikaler Hinterhofskirchen – hierzulande kaum anzutreffen sind. In den USA parodiert die FSM-Bewegung zusätzlich Klimaskeptiker, die dort üblicherweise im evangelikalen, fundamentalistischen Dunstkreis anzutreffen sind. In Luxemburg hätte auch diese Satire-Intention keinen rechten Gegenstand, da der Klimaskeptizismus hier eigentlich nur durch die One-Man-Show eines pensionierten Physikers am Leben erhalten wird. Dennoch ist für die hiesigen Pastafari klar: „Wir wollten keine neue Kirche gründen, die Spaghetti-Monster-Kirche ist bekannt, und deshalb war es sinnvoll, an deren Symbolik anzuknüpfen“, so der Vikar. Sie entschieden sich für eine lokale Anpassung eines globalen Phänomens, für eine „glokale“ Variante der FSM-Kirche also.

Doch nicht nur mit der amerikanischen FSM-Kirche lassen sich Gemeinsamkeiten ausfindig machen. Sowohl thematisch als auch personell bestehen einige Überschneidungen mit AHA, der „Allianz vun Humanisten, Agnostiker an Atheisten“. „Es stimmt, wir äußern uns zu ähnlichen Themen wie AHA: zum Werteunterricht, zu der staatlichen Finanzierung der Religionen und zu der Verflechtung von Politik und religiösen Anschauungen“, sagt der Freizeit-Vikar, der in beiden Strukturen Mitglied ist. Allerdings würde der neue Religionskritiker-Klub im Spaghetti-Gewand weniger anecken.

„Das Spaghetti Monster ist sympathisch – es trägt seine religionskritischen Äußerungen nicht ganz so konfliktreich in die Gesellschaft“, befindet der Vikar. Bei den Pastafarianern bestehe die Religionskritik vor allem in der Persiflage von religiösen Glaubensinhalten, Symbolen und Ritualen. Denn gute Satire müsse sich selbst ernst nehmen; ohne diese Voraussetzung könne Kritik nicht greifen und zum Nachdenken anregen. „Was macht eine Religion zu einer Religion? Weshalb sind wir keine, und warum ist das Christentum eine? Ist unsere Piratengenese-Geschichte weniger plausibel als die Abstammungsgeschichte von Adam und Eva? Und wann spricht man von einer Kirche, wann von einer Sekte?“ – das seien interessante Fragen, erklärt der Vikar Strangozzi.

Homophobe Gläubige vs. tolerante Agnostiker?

Zwar richtet sich der hiesige FSM-Ableger nicht im Besonderen gegen Kreationisten, dennoch spielen Plausibilitätsfragen eine wichtige Rolle. „Wir kritisieren nicht Gläubige, sondern Glaubensinhalte“, betont Strangozzi. Besonders die Vorstellung der Dreifaltigkeit, der siamesischen Einheit von Gott, Jesus, seinem Sohn, und dem Heiligen Geist, findet der Vikar absurd. Wie viele militante Atheisten und Agnostiker kennt er sich wahrscheinlich besser in theologischen Fragen aus als praktizierende Durchschnittskatholiken in Luxemburg. Am Folgenden gibt es wohl wenig zu deuteln: „Fragen sie drei beliebige Katholiken nach der Bedeutung der Trinität, sie werden feststellen, dass sie Probleme haben, dieses Einheitsprinzip zu erläutern. Sie werden auch Probleme haben, selbstbewusst zu diesem Glaubensinhalt zu stehen. Deshalb kann man die meisten Katholiken als Kulturkatholiken bezeichnen. Sie nehmen an bestimmten Ritualen teil, haben jedoch kaum Ahnung von deren theologischen Bedeutung.“

Tischgebet mit ritueller Kopfbedeckung.

Tischgebet mit ritueller Kopfbedeckung.

„Genau. Und vielleicht sollte man deshalb das Phänomen der Religiosität nicht auf einer rein kognitiven Ebene analysieren“, werfe ich zustimmend ein. Wenn Spiritualität und Religion Karten sind, bilden sie dann nicht viel eher emotionale, sinnliche und kulturelle Landschaften ab als intellektuelle? Schließlich braucht ein Witz auch nicht wahr zu sein, um als lustig empfunden zu werden. Gewiss, es gibt christliche und islamische Fundamentalisten, die unter anderem bei der Schöpfungsfrage ihre heilige Schrift mit wissenschaftlichen Wahrheiten gleichsetzen, doch die Mehrzahl der Gläubigen interessiert sich höchstwahrscheinlich nur wenig für theologische Spekulationen über den „lieben Gott“.

Dem Vikar – wie vielen populären Religionskritikern – scheinen solche Spekulationen aber wichtig zu sein. Später am Nachmittag mailt er mir noch einen Text, der die Sicht der Pastafarianer gut zusammenfasse, wie er schreibt. Der Text schlägt jedoch in die gleiche Kerbe wie gängige Kritiken, die wissenschaftliches Wissen fetischisieren. Die Menschheitsgeschichte auf ein rein naturwissenschaftliches Weltbild zu reduzieren, hat einen schon fast religiösen Charakter in dem Versuch, dem Universum einen allumfassenden Sinn einzuhauchen.

Trotzdem, die Spaghetti-Kirche führt zweifelsohne gesellschaftskritische Ansichten ins Feld. So rügt sie die patriarchalen Strukturen der in Luxemburg etablierten Kirchen und die noch immer grassierende Homophobie. Der Verein selber wird von einer Hohepriesterin geleitet, der „Schwester Marie-Niddelchen“. Auf dem „GAYmat“ in Esch war die FSM-Kirche als einzige „Glaubensgemeinschaft“ präsent. Und in Neuseeland führten die Pastafarianer die amtlich anerkannte Homo-Ehe ein. Weil dort alle kirchlichen Hochzeiten zugleich vom Staat anerkannt werden, können nun auch gleichgeschlechtliche Paare den Bund fürs Leben schließen. Die Kluft zwischen skurrilen Aktionen, schräger Kostümierung, Spaghetti-Exzessen und politischem Erfolg ist also doch überwindbar. Die Pressemitteilung der dpa über die Entwicklungen in Neuseeland wurde übrigens sogar im Luxemburger Wort abgedruckt, während die bisherigen Mitteilungen der hiesigen FSM-Denomination schlicht ignoriert wurden.

Dennoch können sich die Pastafarianer nicht auf die Fahne schreiben, die einzige Kirche zu sein, die religiös institutionalisierte Homophobie problematisiert. So findet man im wirren Eklektizismus der protestantischen Freikirchen die Metropolitan Community Church, deren Begründer ein amerikanischer, homosexueller Pastor ist. Diese Kirche steht der LGTB-Szene nahe und ist generell dem Prinzip der Inklusivität verpflichtet. In Frankreich leitet der in einer gleichgeschlechtlichen Ehe lebende Imam Ludovic-Mohamed Zahed eine Moschee, die LGTB-Muslime willkommen heißt.

Von bolognese bis vegetariana

Die Luxemburger FSM-Fraktion konnte bisher noch keinen politischen Erfolg verbuchen – oder vielleicht doch einen, einen stillen allerdings: In mehreren europäischen Ländern verlangen die Pastafarianer, auf Fotos für Ausweispapiere mit einem Nudelsieb als Kopfbedeckung – einem ihrer religiösen Symbole – abgelichtet zu werden. In Belgien wurden Klage eingereicht, nachdem einem FSM-Anhänger das Tragen der Nudelsieb-Kopfbedeckung nicht gestattet worden war. Er berief sich dabei auf ein Gesetz, welches das Tragen von Kopfbedeckungen auf Ausweisdokumenten gestattet, wenn eine religiöse oder medizinische Begründung vorliegt. Die hiesigen Pastafarianer wollten einen ähnlichen PR-Coup landen, doch ließ François Bausch die Gesetzeslage kurzfristig so uminterpretieren, dass jede Kopfbedeckung auf offiziellen Fotos untersagt ist. Zwar hätten sich die Anhänger der FSM-Kirche auf eine Debatte gefreut, über den dezenten politischen Einfluss sind sie dennoch nicht unglücklich.

Passfotos mit Kopfbedeckung, das geht nur mit einer religiösen Begründung. Ein Privileg, das die Pastafarianer auch für sich beanspruchen.

Passfotos mit Kopfbedeckung, das geht nur mit einer religiösen Begründung. Ein Privileg, das die Pastafarianer auch für sich beanspruchen.

In der Debatte über den Werteunterricht warfen die militanten Atheisten und Agnostiker der katholischen Kirche nicht nur unterschwellig Dogmatismus und Indoktrination vor. Wie tolerant sind sie gegenüber anderen Glaubensrichtungen – stehen die Pastafarianer selber für Pluralismus? Erste Fangfrage: Wie steht es mit Vegetariern und Veganern; wird nur die Spaghetti-Bolognese-Variante verehrt? Nein, für die ideologische Pluralität der menschlichen Ernährungsgewohnheiten sei stets bestens gesorgt, versichert der Vikar.

„Seid ihr aber nicht etwas elitär?“, frage ich weiter. So sei zu lesen, dass sich die Pastafarianer zu „Ramendan“ vor allem von der Instant-Nudelsuppe „Ramen“ ernähren, um der Zeit zu gedenken, als sie noch hungrige Studenten waren. Müsse man also studiert haben, um dazuzugehören? „Spaghettis sind doch ein Essen für Jedermann“, verteidigt sich der Vikar und schiebt gleich – mit Augenzwinkern – nach: „aber es stimmt, es sind viele Akademiker Anhänger der FSM-Kirche, wahrscheinlich weil sie intelligente Menschen anzieht“. Neugierig, ob die neue Kirche denn eigentlich eher die Informatiker-Geeks, die wissenschafts-euphorischen Naturwissenschaftler oder die pensionierten, passionierten Geisteswissenschaftler anzieht, werfe ich einen Blick in die Statuten. Zumindest der harte Kern der Gläubigen scheint einen gemischten Bildungshintergrund zu haben: Ein Chemiker, ein Psychologe, ein Musiker, ein Soziologe und ein Erzieher finden sich hier aufgelistet. Der Vikar selbst ist im Gesundheitsbereich tätig. Und auf einem Parteikongress der Piraten hat sich auch Sven Clement als bekennender Spaghetti-Monster-Verehrer geoutet.

Schließlich besteht die Satire-Truppe auch den Toleranz-Test Nummer drei. Denn auf die Frage, ob ein praktizierender Katholik Mitglied werden kann, antwortet der Spaghetti-Monster-Stellvertreter ganz selbstverständlich: „Kein Problem, wir sind nicht von der Sorte Atheisten und Agnostiker, die missionarisch irgendjemandem ihr Weltbild aufzwingen wollen. Wenn ein Katholik kommt, dann isst er auch mit uns Spaghetti!“

(*) Name von der Redaktion geändert

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