Sprachen: Ideal vs. Realität

Die sprachpolitischen Maßnahmen des Erziehungsministeriums stoßen weiter auf Kritik. PraktikerInnen bezweifeln die Umsetzbarkeit der Neuerungen auf dem Arbeitsmarkt.

Neben dem Bildungswesen ist der Arbeitsmarkt wahrscheinlich der Bereich, in dem die Auswirkungen der Vor- und Nachteile der Luxemburger Mehrsprachigkeit am stärksten ersichtlich werden. Am vergangenen Dienstag hatte die „Gréng Stëftung“ deshalb AkteurInnen aus Pflege, Handel und Wirtschaft sowie, aus der Politik, den Abgeordneten Claude Adam zu einer Podiumsdiskussion über die hiesige Sprachensituation eingeladen.

Das Französische überwiegt in allen Bereichen des Arbeitsmarktes als Umgangssprache, machte der Sprachsoziologe Fernand Fehlen einleitend klar. Jedoch nicht ohne Konkurrenz: das Englische ist ebenfalls präsent und gewinnt zunehmend an Bedeutung.

„Neben Kenntnissen in diesen beiden Sprachen ist jede weitere Kompetenz von großem Vorteil“, betonte Valérie Massin, Leiterin der Personalabteilung von Arcelor-Mittal. Zwar wird gefordert, dass jeder, der hierzulande arbeitet, zumindest über rudimentäre Luxemburgisch-Kenntnisse verfügen muss, doch scheitert das meist an der Umsetzbarkeit: „In unserer Sparte arbeiten 52 Prozent GrenzgängerInnen. Neben Arbeit, Fortbildungen, An- und Heimfahrt sowie der Familie bleibt oft einfach keine Zeit mehr für Luxemburgischkurse“, erklärte Philipp von Restorff von der Association des Banques et Banquiers. Hinzu komme, dass viele GrenzgängerInnen in ihrem Arbeitsalltag gar nicht mit der luxemburgischen Sprache in Berührung kommen und deshalb auch keine Gelegenheit haben, sie anzuwenden.

Besonders schwierig ist die Situation im Krankenhaus: „Beim Personal selbst sind 30 Nationalitäten vertreten, bei den Patienten sogar 162, die insgesamt 40 verschiedene Sprachen angeben. Laut Gesetz hat jeder Patient einen Anspruch darauf, dass mit ihm in einer Sprache kommuniziert wird, die er versteht“, erklärte Monique Birken, Pflegedirektorin des CHL. Häufig müsse deshalb auf externe ÜbersetzerInnen zurückgegriffen werden.

Claude Adam räumte ein, dass auch der Sprachurlaub die Probleme nicht lösen könne. Bei diesem handelt es sich um einen Sonderurlaub von bis zu 200 Stunden, den ArbeitnehmerInnen zwecks Verbesserung der eigenen Luxemburgischkenntnisse in Anspruch nehmen können. Daneben wies er darauf hin, dass das Schulwesen hier nur einen begrenzten Einfluss hat: „Auf dem Arbeitsmarkt gibt es 200.000 Grenzgänger und 50.000 nicht-luxemburgische Einwohner. Diese haben also überhaupt nicht das luxemburgische Bildungssystem durchlaufen.“

Luxemburgisch? Nebensächlich.

Abschließend wurde über den kürzlich vom Bildungsministerium vorgestellten Aktionsplan zur Förderung der luxemburgischen Sprache diskutiert. Nachdem dieser bereits bei den Oppositionsparteien auf Kritik gestoßen war, zeigten sich auch die Diskutierenden eher skeptisch. Im Hinblick auf den Arbeitsmarkt bemerkte Pflegedirektorin Birkel, dass infolge der Umsetzung einiger Bestimmungen viele Stellen unbesetzt blieben. Damit bezog sie sich vor allem auf die sogenannte „Strategie Nummer 31“, die vorsieht, dass das Pflegepersonal durch den Collège médical auf seine Kenntnisse der Luxemburgischen Sprache hin überprüft werden soll. Patricia Helbach, Direktionsbeauftragte der Hospices Civils Pafendall an Hamm, pflichtete der Kritik bei: „Solche Maßnahmen werden von außen entschieden, können in der Praxis jedoch nicht umgesetzt werden.“

Deutlich wurde auf der Veranstaltung vor allem eines: die große Diskrepanz zwischen den geplanten Maßnahmen und ihrer praktischen Umsetzbarkeit.


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