Stadtgeschichte: Im Pfaffenthal


„De Pafendall – Geschichten eines Stadtviertels“ im Historischen Museum ist eine Hommage an eines der ältesten Arbeiterviertel Luxemburgs.

(Foto: woxx)

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Die rote Brücke, der Siechenhof oder der Mouvement écologique (Meco) sind heute Wahrzeichen Luxemburgs, die das Bild der Hauptstadt entscheidend prägen, zugleich sind es historische Wahrzeichen eines ihrer ältesten Arbeiterviertel: des Pfaffenthals.

Die Austellung im vierten Stock des Historischen Museums versammelt rund 50 Exponate, darunter Fotografien, Plakate, historische Objekte, Ton-Dokumente und Aquarelle (Sostène Weis) – etwas diffus angeordnet, aber mit Bedacht ausgewählt, anhand derer sich zahlreiche Pläne und Anekdoten rund um das Viertel nachvollziehen lassen.

Während für das späte Mittelalter die Bevölkerung des Vorstadtviertels von Historikern auf etwa 400 Einwohner geschätzt wird, leben heute knapp 1.200 Menschen aus rund 60 verschiedenen Nationen im Pfaffenthal. In der frühen Neuzeit und nach der Einbeziehung des Viertels in die Festungsanlagen nahm die Einwohnerzahl zu: Aus dem 1766 angelegten Kataster Maria Theresias geht hervor, dass es zu dieser Zeit 150 Häuser im Pfaffenthal gab. Im 19. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung dann auf über 2.600 Personen an. Neben Werkstätten verschaffte die aufkommende Industrie den Menschen Arbeit. Blickt man zurück, so wird klar, dass sich im Pfaffenthal von jeher neben Handwerkern auch Mittellose und fahrende Händler ansiedelten: Hausierer, Schirmflicker und Lumpensammler.

Die vergilbte Fotografie eines Scherenschleifers sowie der Nachbau seines Werkzeugs, ein mit dem Fuss angetriebener Schleifstein auf einem Karren, künden von der Ansiedlung dieser Gewerbetreibenden. Viele von diesen – wie auch die Lumpen- und Altwarensammler, Kesselflicker, Schausteller und Musikanten, waren „Jenische“, Angehörige der randständigen, umherziehenden Armutsbevölkerung der frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts. Noch heute wird das dem Luxemburgischen entfernt verwandte Jenisch von etwa 3.000 Menschen hierzulande gesprochen. An einer Hörstation kann man Tausendsassa Änder Bausch Jenisch sprechen hören und so in den Klang dieser Sprache eintauchen.

Aber auch Wäschereien, eine Brauerei, eine Senffabrik, die in der ältesten Mühle in Luxemburg untergebracht war, sowie eine Entbindungsstation (in der ehemaligen Reiterkaserne der Festungsgarnison), der von Beginn an das Stigma einer Armenanstalt anhaftete und die bereits 1937 wieder geschlossen wurde, wurden hier gegründet.

Zahlreiche Dokumente zeugen zudem von einer ausgeprägten Vereinskultur. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie erinnert zusammen mit alten Fußballschuhen und einem Ball an den FC Red Black Pfaffenthal, ein Plakat im Stile von Wilhelm Buschs Max & Moritz an den 1924 von 16 Pfaffenthalern gegründeten Pfeifenclub „Lerde Päif“. „Im Pfaffenthaler Pfeifenclub trafen sich Bewohner, die an geselliger Kameradschaft interessiert waren“, liest man im Erläuterungstext; die Ernsthaftigkeit seiner Aktivität sei daran zu erkennen, dass es trotz des Tabakmangels in den Nachkriegsjahren den Mitgliedern stets gelang, „das Vereinsleben aufrecht zu erhalten und sich mit den notwendigen Tabakmengen zu versorgen. Seinen 50. Geburtstag feierte der Pfeifenclub 1974 im Café „Beim Moodchen“ mit nur noch vier aktiven Mitgliedern.

(Foto: woxx)

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Die Gasexplosion vom 30. Mai 1976 setzte seiner Existenz schon zwei Jahre später ein jähes Ende, der Pfeifenclub verlor sein gesamtes Hab und Gut. Der tragische Unfall, der als „Gasexplosion im Béinchen“ in die Lokalgeschichte eingegangen ist, zog das ganze Viertel in Mitleidenschaft: Drei Menschen starben, mehr als 20 wurden verwundet, und über 20 Häuser wurden beschädigt, nachdem im Stadteil Cessange versehentlich Benzin in die Kanalisation geleitet worden war, was in Pfaffenthal zu einer Gasentwicklung und zur Explosion führte. Anhand einer teils etwas voyeuristisch anmutenden Reportage – eines Filmdokuments des CNA – kann man Zeugenberichten lauschen und das Ausmaß des schweren Unfalls nachvollziehen.

Exponate wie die Klapper eines Leprakranken sowie eine massive Glocke aus Gusseisen aus der Siechenhofkapelle des frühen Leprosen-Hospitals erinnern an die im Hochmittelalter entstandenen Siechenhäuser. Im 
13. Jahrhundert wurde die Leprosenansiedlung in das nördlich der Stadt gelegene Alzettetal in den Martinsgrund bei Pfaffenthal vor das spätere Siechentor der Stadtbefestigung verlegt. Um 1800 wurde der Siechenhof geschlossen. Seine Kapelle wurde 1982 renoviert und dient heute als Friedhofskapelle.

Die nach Plänen von Egon Jux gebaute, 1966 eingeweihte Großherzogin-Charlotte-Brücke, „Rote Brücke“ getauft, zog jahrelang Selbstmörder an, bis 1990 eine Schutzwand aus Plexiglas angebracht wurde. Der gleichnamige Film von Geneviève Mersch (1991) bricht mit dem Tabu der Selbstmörder und dokumentiert Eindrücke der Pfaffenthaler Einwohner. Vom stetigen Wandel, in dem das Stadtviertel sich befindet, zeugen techniklastige Informationstafeln der CFL zum geplanten neuen Bahnhof, der bis 2017 fertiggestellt werden soll und dann das Pfaffenthal mit dem Kirchbergplateau verbinden wird.

Und natürlich stößt man auf Dokumente, die von der Gründung des legendären „Sang & Klang“, eines der ältesten Gesangsvereine der Stadt Luxemburg – ursprünglich ein Männerverein – künden. Renommee erlangte der Sang a Klang entscheidend durch dessen Mitbegründer und ersten Dirigenten, Laurent Menager, der in Luxemburg als Nationalkomponist gilt. 1922 erhielt der Verein sein eigenes Lokal mit Konzertsaal, in dem heute der Blues-Club Konzerte veranstaltet. 2007 feierte der Gesangverein sein 150-jähriges Bestehen.

Ein Plakat mit dem Motiv einer Pusteblume und dem im letzten Wahlkampf von der LSAP beim Meco abgekupferten Slogan „Loscht op muer“ erinnert schließlich an die Gründung des „Mouvement Ecologique“ im Jahr 1968. Ein paar Schritte weiter kündet ein Plakat von der Gründung der Partei déi Gréng am 23. Juni 1983 in den Räumlichkeiten des Sang a Klang. Neben einem Programm des Gründungsgkongresses stößt man auch auf eine Zeichnung mit Vorschlägen zu Themenkreisen und Verteilung von Arbeitsgruppen.

Fotografien von Mitarbeitern der Monatszeitschrift Forum, der Präsidentin des Meco und bekannter Pfaffenthaler hängen am Ende der Ausstellung. Sie bietet alles in allem einen historisch informativen Rundgang, der den Besucher – im übrigen auch virtuell – in eines der ältesten und charmantesten Stadtviertel eintauchen lässt und interessante Einblicke in dessen Entstehungsgeschichte und Wandel gewährt.

Bis zum 3. Januar 2016 im Historischen Museum der Hauptstadt.

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