Südafrika
: Eine neue Generation von Protest


Studierende in Südafrika haben sich in der wohl größten Protestbewegung seit dem Ende der Apartheid erfolgreich gegen eine Erhöhung der Studiengebühren gewehrt. Doch ihr Kampf geht über die eigenen Interessen hinaus.

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Haben dem regierenden ANC eine herbe Niederlage zugefügt: Südafrikas Studenten, hier bei einer Versammlung am 22. Oktober auf der Jammie Plaza an der Universität von Kapstadt. (Foto: Tony Carr / Flickr)

Ausgehend von der Universität Witwatersrand in Johannesburg haben sich in den vergangenen Wochen Studierendenproteste gegen eine angekündigte Erhöhung der Studiengebühren um 10,6 Prozent in ganz Südafrika ausgebreitet, Straßen und Universitätsgebäude wurden besetzt.

Die Bewegung knüpft an frühere Proteste an. Anfang des Jahres hatten Studierende gegen die nach wie vor von weißer Vorherrschaft geprägten Strukturen an den höheren Bildungsinstitutionen des Landes protestiert. Sinnbildlich richtete sich der Protest gegen die Statue des britischen Erzimperialisten Cecil Rhodes, die immer noch vor dem Eingangsportal der Universität in Kapstadt stand. Diese wurde schließlich in ein Museum verbannt, aber auch an anderen Universitäten wurden die kolonialen Traditionen der Institutionen nicht zuletzt durch die Zerstörung oder Umgestaltung von Denkmälern in Frage gestellt. Auch die demographische Zusammensetzung des nach wie vor mehrheitlich weißen und männlichen Lehrkörpers wird kritisiert. Seitdem brodelt die Diskussion über die ausstehende Transformation der Universitäten im Post-Apartheid-Südafrika.

Auf Twitter folgte auf #Rhodesmustfall die Forderung #Feesmustfall. Doch auch wenn der Name suggeriert, dass es sich um eine Einpunkt-Bewegung handelt, ist das Programm der Protestierenden erheblich breiter. Die Protagonisten der Bewegung sind um die 20 Jahre alt, das heißt sie gehören zur Generation der „Born Frees“, derjenigen, die nicht mehr unter dem Apartheidregime geboren wurden.

Doch auch wenn zuweilen behauptet wird, dass diese Generation alle Chancen habe, spielt das Erbe der Apartheid eine bedeutende Rolle für die sozioökonomische Situation der meisten schwarzen Studierenden. So sind die öffentlichen Schulen, insbesondere im ländlichen Raum, häufig in erschreckendem Zustand. Im Gegensatz zu den meisten weißen haben die meisten schwarzen Familien kaum Gelegenheit, Geld anzusparen, um ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Vielmehr sind sie häufig verschuldet, so dass auf Schulabgängern der Druck lastet, sich möglichst schnell einen Job zu suchen, um die Familie zu unterstützen. Das alles beeinträchtigt erheblich die Chancen von Schwarzen, es überhaupt an die Universität zu schaffen.

Es gibt zwar ein nationales Stipendienprogramm für Kinder aus „historisch benachteiligten Familien“, aber dessen Mittel waren vergangenes Jahr plötzlich erschöpft, so dass zahlreiche Studierende vor Abschluss ihres Studiums die Universität verlassen mussten. Außerdem ist der Wohnraum in der Nähe der innerstädtischen Universitäten oft teuer. Schwarze Studierende haben teilweise stundenlange Anfahrtswege aus den Townships und sind zudem auf die Infrastruktur der Universitäten in ganz anderer Weise angewiesen als ihre weißen Kommilitonen, weil sie zu Hause oft keinen Computer mit Internetanschluss oder überhaupt Strom haben.

Für die meisten schwarzen Studierenden bedeutet das Erbe der Apartheid noch immer krasse Benachteiligung.

Daneben gibt es subtilere Hürden. So wird an den Universitäten in Englisch, teilweise Afrikaans gelehrt, was Weißen den Vorteil beschert, in ihrer Erstsprache studieren zu können, während keine Lehre in den neun afrikanischen Landessprachen erteilt wird, die immer noch die Erstsprachen der Mehrzahl der schwarzen Studierenden sind.

Die Proteste richteten sich in den vergangenen Monaten aber auch gegen das Outsourcing von nichtakademischen Arbeitskräften, etwa Putzkräften und Gärtnern. Das Outsourcing bedeutet für die Betroffenen nicht nur eine Senkung der Löhne, ihnen entgehen auch weitere Sozialleistungen und der ansonsten übliche Anspruch auf vergünstigte Studiengebühren für Familienangehörige, der ärmeren Schichten den Zugang zur Universität erleichtert hatte.

Mit einem umfangreichen Forderungskatalog organisierten sich die Studierenden zuerst in Johannesburg, dann an sämtlichen anderen Universitäten des Landes. Der Protest richtete sich in erster Linie gegen das Management der Universitäten, das daraufhin sämtliche betroffene Campus schloss und die Polizei alarmierte, die teilweise mit Knüppeln, Wasserwerfern und Tränengas gegen die Protestierenden vorging.

Mitte Oktober zogen die Studierenden dann anlässlich der Haushaltsdebatte vors Parlament in Kapstadt und verlangten, dass Bildungsminister Bonginkosi Nzimande von der mitregierenden Kommunistischen Partei Südafrikas sich ihren Fragen stellt. Denn Anlass der angekündigten Gebührenerhöhung war die Unterfinanzierung der Universitäten. In den vergangenen Jahren wurden die staatlichen Fördermittel reduziert, die Studierendenzahlen nahmen aber stark zu, so dass die Mittel pro Kopf de facto um etwa 30 Prozent gesunken sind. Von den einstigen Wahlversprechen des regierenden African National Congress (ANC), es werde kostenlose Bildung für alle geben, 
ist heute keine Rede mehr. Nzimande blieb im Plenarsaal sitzen, während die Polizei am 21. Oktober mit Gewalt das besetzte Parlamentsgelände räumte.

An den folgenden Tagen zogen die Studierenden im Norden des Landes erst vor das Hauptquartier des ANC und am 23. Oktober in einer Großdemonstration vor die Regierungsgebäude in Pretoria. Dort wurden sie zwar von keinem Regierungsvertreter in Empfang genommen, doch nach Stunden des Wartens wurde verlautbart, dass die angekündigte Gebührenerhöhung zurückgezogen wird.

In einem für den Regierungsstil des ANC typischen Manöver versuchte dieser sich mittels einer Presseerklärung nachträglich an die Spitze der Protestbewegung zu setzen, doch das rief auf Seiten vieler Studierendeninitiativen wie auch in den Medien eher Spott hervor. Generell wird unabhängiger Protest in Südafrika mit brutaler Repression beantwortet und ansonsten versucht, ihn in parteinahen Organisationen einzuhegen. Das misslang diesmal gründlich. Doch auch Versuche der größten Oppositionspartei, der liberalen Democratic Alliance, aus dem Protest Kapital zu schlagen, gelangen nicht. Ihr Vorsitzender Mmusi Maimane wurde bei einer Ansprache vor Studierenden in Kapstadt ausgebuht und mit Gegenständen beworfen.

Für den ANC sind die Proteste eine bedeutsame Niederlage. Der Stern der einstigen Befreiungsbewegung sinkt seit einiger Zeit, doch mit einer Bewegung von Zehntausenden, die zudem über eine andere mediale Reichweite verfügt als soziale Proteste in den Townships, war der ANC bislang nicht konfrontiert. Bei der Generation, die die künftigen Eliten des Landes stellen wird, lässt sich mit den alten Erfolgen des Befreiungskampfs immer weniger punkten, stattdessen konfrontiert sie die Regierungspartei mit ihren gebrochenen Versprechen der gesellschaftlichen Teilhabe für alle. Vielfach wurden deshalb in den vergangenen Wochen Vergleiche zum Soweto-Aufstand 1976 gezogen, bei dem schwarze Schüler Massenproteste gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache organisierten und der als einer der Meilensteine der Anti-Apartheid-Bewegung gilt. Denn die Befreier von einst sind die korrupten Eliten von heute.

Vergangene Woche wurde an der Universität von Kapstadt und der Universität Witwatersrand die Rücknahme des Outsourcing erstritten und zahlreiche Studierende setzen ihre Proteste für eine Transformation der Universitäten und kostenlose Bildung für alle fort. Der ANC kann sich auf ungemütliche Jahre vorbereiten – nicht zuletzt, weil bislang völlig unklar ist, wie die Zugeständnisse finanziert werden sollen.

Anja Hertz berichtet als freie Journalistin aus Südafrika.

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